Humanoide Robotik Ist die Partystimmung gerechtfertigt? Hört auf zu tanzen, liebe Roboter!

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Im Vergleich zu den Auslieferungen von Industrierobotern hinken humanoide Roboter Lichtjahre hinterher. Doch das bedeutet nicht, dass sie nicht in rasantem Tempo aufholen. Die kommenden Jahre werden in dem Bereich entscheidend.

Der Agibot A2 bei einem Fortune-China-Event im Dezember 2025.(Bild:  Agibot)
Der Agibot A2 bei einem Fortune-China-Event im Dezember 2025.
(Bild: Agibot)

Überall diese tanzenden Roboter! Die Humanoiden, also die Zweibeiner unter den Maschinen für automatisierte Aktionen, erobern gerade die Medien. Und die sozialen Netzwerke. Man könnte meinen, wir müssten bald von ihnen umzingelt werden.

Die Verkaufszahlen für humanoide Roboter im Jahr 2025.(Bild:  Asia Waypoint)
Die Verkaufszahlen für humanoide Roboter im Jahr 2025.
(Bild: Asia Waypoint)

Im Vergleich zu diesem allgemeinen Interesse wirkt die folgende Statistik wie ein Druckfehler. Gerade einmal 13.317 humanoide Roboter seien 2025 weltweit ausgeliefert worden, zitieren Fachmedien aus einem Bericht der britischen Marktforschungsagentur Omdia. Das sind bisher nicht sehr viele. Selbst in China haben viele Menschen aber schon langsam zu viel von dem aktuellen Hype. „Wir brauchen keine Million tanzender humanoider Roboter“, titelte das Portal Tencent Tech vor einigen Tagen.

Von den tatsächlich verkauften Humanoiden kommen derzeit die meisten aus China. Zhiyuan Robot (AgiBot) hat im vergangenen Jahr 5.168 Stück an Kunden übergeben, Unitree Robotics 4.200 Stück und UBTECH rund 1.000 Stück, zitiert Tencent Tech aus dem Omdia-Bericht. Experten warnen, dass die Industrie so jung sei, dass auch die Statistiken noch relativ unreif sind. In manchen Zahlen könnten Bestellungen mitgezählt sein, die erst in den kommenden Jahren ausgeführt werden. Anderswo könnten Lieferungen nicht erfasst sein.

Hype vs. Realität

Wie dem auch sei, die Realität sei, dass „die meisten Firmen für humanoide Roboter erst noch relevante Produktionskapazität liefern müssen“, kommentiert das chinesische Technologieportal. Das stimmt insbesondere, wenn man die Zahlen für Humanoide zu denen für industrielle Roboter ins Verhältnis setzt. Das sind Cobots und all ihre Verwandten, die in Fabrikhallen rund um den Globus fleißig arbeiten, statt im Fernsehen zu tanzen oder auf TikTok mit Flip-Flops zu glänzen.

Komplette Zahlen für 2025 liegen da noch nicht vor, aber die International Federation of Robotics (IFR) in Frankfurt sagt für das vergangene Jahr weltweite Installationen von rund 575.000 Industrierobotern voraus. Alles nur Hype also, das mit den Humanoiden? Das auch wieder nicht. Zwar haben einzelne Firmengründer mit öffentlichen Äußerungen die Erwartungen bezüglich der Ankunft der Humanoiden im Alltag stark angeheizt.

Elon Musk sagte in einem Interview im vergangenen Mai, dass er innerhalb der nächsten fünf Jahre „eine Million“ seiner Optimus-Roboter produzieren wolle. Im vergangenen Jahr soll seine Firma laut Omdia 150 Stück ausgeliefert haben. Immerhin aber sind die Auslieferungen von Humanoiden weltweit innerhalb eines Jahres stark gestiegen, von nur etwa 2.000 Stück im Jahr 2024. Und ab jetzt soll die kommerzielle Skalierung vielen Beobachtern zufolge rasch zunehmen.

Positive Prognosen

Morgan Stanley hat Ende Januar 2026 die vorherige Prognose für weltweite Verkäufe von Humanoiden für das laufende Jahr von 14.000 auf 28.000 verdoppelt. Omdia sagt voraus, dass im Jahr 2035 jährlich rund 2,6 Millionen Humanoide verkauft werden.

Eine faire Analyse ist daher wohl, dass die Industrie der Humanoiden derzeit noch stark in den Kinderschuhen steckt, aber großes Wachstumspotenzial hat. So ähnlich war es bei den E-Autos ganz am Anfang auch. Da wuchsen die Verkäufe von ein paar Tausend im Jahr auf Hunderttausende und dann auf Millionen.

Es gibt Nachholbedarf bei Hard- wie Software

Warum derzeit noch mehr getanzt wird und weniger Spülmaschinen ausgeräumt oder E-Autos montiert werden, liegt sowohl an der noch nicht völlig ausgereiften Hardware, als auch an noch mangelhafter Intelligenz. Die großen KI-Modelle haben noch viel zu lernen.

Nachdem Wang Zhongyuan vom „Beijing Institute for General Artificial Intelligence“ für sein Team von Forschern zehn humanoide Roboter gekauft hatte, waren fünf davon nach zwei Monaten wieder kaputt. „Die Hardware-Stabilität befindet sich immer noch im Forschungsstadium“, sagte Wang gegenüber Tencent Tech. Weil die Roboterarme oft schnell überhitzt seien, habe er ihnen Ventilatoren kaufen müssen, „als würde man ihnen einen Babysitter zuteilen.“

Andere Beobachter glauben, dass die „Intelligenz“ der Humanoiden ebenfalls noch eine lange Lernkurve vor sich habe. Es sei etwas anderes, einen Roboter ein paar Minuten lang zum Tanzen zu bringen, oder ihn an einem Fließband über mehrere Stunden hinweg komplexe Aufgaben ausführen zu lassen. Allerdings gibt es auch in diesem Bereich gerade erste Durchbrüche. Der chinesische Batteriehersteller CATL hat im Dezember begonnen, ein paar Humanoide der Marke „Kleiner Mo“ (Xiaomo) in seiner Batteriefabrik in Zhongzhou in der Provinz Henan einzusetzen. Sie testen dort Akku-Packs mit sogenannten End-of-Line- oder EOL-Tests und DCR-Messungen, die für menschliche Arbeiter manchmal tödlich verlaufen, weil es zu Stromschlägen kommen kann.

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Anderswo tauchen Humanoide in ersten Waschmaschinenfabriken von Midea in Zentralchina oder an den Produktionslinien von E-Auto-Herstellern in Südchina auf. Überall sind es noch kleinere Serien, die eingearbeitet werden. Doch mit jedem Gigabyte an „Erfahrung“, das sie dabei speichern, werden die vertikalen KI-Modelle besser.

Großflächiger Einsatz

Der Gründer des Handy- und E-Auto-Herstellers Xiaomi, Lei Jun, will eigenen Aussagen zufolge innerhalb der nächsten fünf Jahre in seinen Fabriken mit dem „großflächigen Einsatz von Humanoiden“ beginnen. Parallel zum Einsatz von künstlicher Intelligenz und Automation sollen sie in den modernen KI-Fabriken des Konzerns Aufgaben übernehmen, die jetzt noch Facharbeiter ausführen.

Schon die jetzigen Piloteinsätze von Humanoiden in Fabriken lassen einige Beobachter in China zu dem Schluss kommen, dass all das Herumtanzen auf den sozialen Medien den Blick auf einen viel wichtigeren Paradigmenwechsel verschleiere. Die Humanoiden, so argumentieren sie, schafften gerade den Sprung in die „Welt der echten Arbeit“.

„Im Jahr 2025 erreichte Chinas Robotikindustrie einen historischen Wendepunkt“, schreibt das chinesische Börsenblatt Kechuangban Ribao. Die Humanoiden seien von „Demonstrations-Objekten im Labor“ zu Werkzeugen geworden, die an der Fabrikproduktion teilnehmen. Die neue Technologie humanoider Roboter erlebe gerade die Phase ihrer Validierung durch erste Einsätze in der Industrie, glaubt das Blatt. Entsprechend groß sind die Summen, die am STAR Market, dem chinesischen Äquivalent zur NASDAQ, in Shanghai gerade in Robotik-Startups fließen.

Fazit: Die Humanoiden mögen in China und sonstwo gerade noch ein wenig herumtanzen wie fröhliche Kinder, doch der Ernst des Lebens ist schon dabei, sie einzuholen. (sb)

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