Wie aus Licht Ton wurde: Die Tonfilmpioniere Hans Vogt und der erste echte Tonfilm: Die Idee, die Hollywood veränderte

Von Antonio Funes 7 min Lesedauer

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Bevor Dolby und Surround das Kino veränderten, musste man zuerst den Ton direkt auf den Film bringen. Was heute selbstverständlich ist, begann 1919 mit Hans Vogt, Joseph Massolle und Joseph Engl aus Deutschland und ihrer Erfindung, die schlussendlich Hollywood eroberte.

Fast wäre die Erfindung dreier Tüftler aus Deutschland nicht zur Erfolgsgeschichte geworden.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Fast wäre die Erfindung dreier Tüftler aus Deutschland nicht zur Erfolgsgeschichte geworden.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Die erste Technik, die Ton und Bild auf demselben Filmstreifen vereinte und so einen synchronisierten Tonfilm ermöglichte, steht dieses Mal im Rampenlicht unseres historischen Rückblicks. Es geht um das ab 1921 eingesetzte Lichttonverfahren von Hans Vogt, das später für viele Jahrzehnte als Standard für Tonfilme genutzt wurde und erst mit der Einführung von magnetischen Aufzeichnungen langsam an Bedeutung verlor.

Neben der Technik schildern wir auch das Leben von Hans Vogt sowie der zwei weiteren an der Entwicklung maßgeblich beteiligten Persönlichkeiten. Denn neben Hans Vogt, der die Grundidee hatte, waren seine Mitstreiter, der Toningenieur Joseph Massolle und der Physiker Joseph Engl, ebenfalls mit im Boot. Mit den beiden zusammen hatte Hans Vogt für sein Projekt die Firma Tri-Ergon gegründet – doch zuerst beschreiben wir, was es mit dem Lichttonverfahren auf sich hat.

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Mit dem Klavier die Dramaturgie unterstützen

In den Anfangszeiten des Films gab es noch keine Möglichkeit, den Ton auf dem gleichen Datenträger wie das Bild aufzunehmen. Verwendet wurde für das Bild auf Rollen gewickeltes Zelluloid-Filmmaterial, das bei der Aufnahme durch die Kamera lief. Die Kamera belichtete den Film und erstellte dabei – vereinfacht gesagt – etliche kleine Fotos. Spielte man den Film dann mit Lichtprojektoren ab und projizierte die Bilder auf eine Leinwand, entstand ein Abbild der Fotos, das einen flüssigen Bewegungsablauf zeigte.

Eine Möglichkeit, den bei der Aufnahme entstandenen Ton synchron dazu abzuspielen, gab es aber zunächst nicht. Sofern der Text für den Film wichtig war, wurden Zwischenbilder mit Schrifttafeln in den Film eingebaut. Außerdem wurde als Begleitung live im Kinosaal Musik gespielt, um die Zuschauer nicht im Stillen sitzen zu lassen sowie die Dramaturgie des Films zu unterstützen.

Es gab zunächst Bestrebungen, den Ton als separate Schallplatte mit in den Film einzubauen. Da aber der Gleichlauf bei den beteiligten Geräten (Kamera, Tonaufzeichnungsgerät, Lichtprojektoren und Schallplattenspieler) zur damaligen Zeit nicht verlässlich war, waren Ton und Filmbilder bei den Vorführungen nie synchron, sodass sich dieses Verfahren nicht durchsetzte. Der Ingenieur Hans Vogt, der Physiker Joseph Engl und der Tontechniker Joseph Massolle sorgten schließlich für den ersten echten Tonfilm, und zwar mit dem Lichttonverfahren.

Die Anfangsideen zum Lichttonverfahren hatte Hans Vogt. Er gründete schließlich im Juli 1919 zusammen mit Engl und Massolle die Firma Tri-Ergon, um seine Ideen umzusetzen. Dabei entstanden über 150 Patente zum Lichttonverfahren, auch zum Zubehör wie neuartigen Mikrofonen und Lautsprechern.

Ton und Bild auf einem Datenträger

Die Grundidee des Lichttonverfahrens lag darin, dass die von einem Mikrofon erfassten Töne mit Frequenzen von bis zu 20 Kilohertz in elektrische Spannungen umgewandelt wurden, die wiederum eine kleine Lampe zum Leuchten brachten. Je nach Beschaffenheit der erfassten Töne strahlte das Licht mehr oder weniger stark, sodass der für den Ton vorgesehene Streifen des Zelluloidbandes unterschiedlich stark belichtet wurde. Geeignete Abspielprojektoren lesen die Tonspur aus und erzeugen dabei analoge Spannungsschwankungen, die verstärkt an die Lautsprecher weitergegeben werden.

Das damalige Verfahren belichtete also unterschiedlich intensiv. Das wird Sprossenschrift (variable density) genannt. Später entstand die Zackenschrift (variable area), die die Töne und ihre Amplituden wellenformartig auf Zelluloid bannt. Der Vorteil der Zackenschrift ist, dass durch das Ausschlagen der Amplituden nach links und rechts auch Stereoton möglich ist. Mit der Einführung der Dolby-Tonstandards kam die digitale Tonaufzeichnung auf das Zelluloidband und in die Kinos.

Der erste Kinofilm mit Dolby Digital erschien im Jahr 1992, es handelte sich um Batmans Rückkehr vom Regisseur Tim Burton mit Michael Keaton in der Hauptrolle. Beim digitalen Tonverfahren gibt es in einem separaten Datenbereich zwischen den Perforationen des Zelluloids etliche kleine Zeilen aus weißen und schwarzen Pixeln als Tonspur. Die Vorteile des digitalen Tons sind der Mehrkanal-Ton, eine große dynamische Bandbreite sowie eine deutlich größere Fehlertoleranz durch kleinste Beschädigungen des Filmmaterials.

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Die Gesichter hinter dem Lichttonverfahren

Doch wer waren die Persönlichkeiten hinter dem Lichttonverfahren? Wir beginnen mit dem Leben von Hans Vogt sowie auch dazu begleitend mit einigen Meilensteinen der Firma Tri-Ergon, die ebenso seine beiden Mitstreiter betrafen. Hans Vogt wurde am 25. September 1890 im Gemeindeteil Wurlitz der oberfränkischen Stadt Rehau geboren. Sein Vater war der Schmiedemeister Jacob Elias Vogt.

Im Kindesalter versuchte Hans Vogt bereits, eine elektrochemische Stromquelle nachzubauen, die er bei einem heimlichen Besuch in einem neu eröffneten Bahnstationsgebäude bei einem Morseapparat entdeckt hatte. Nach seiner schulischen Ausbildung in der Volksschule Wurlitz begann Hans Vogt eine Lehre in einer Schlosserei. Seine Wunschausbildung in einem modernen Bereich wie der Elektrik oder Optik war finanziell von seinem Elternhaus nicht zu stemmen.

Im Jahr 1908 ging er daher als Wandergeselle auf die Suche nach einer Alternative und arbeitete unter anderem in einer Fabrik. 1910 ging er für drei Jahre in den Militärdienst. In Kiel kam er in Kontakt mit der Funktechnik und beschloss, nach der Zeit beim Militär in einer großen Stadt Fuß zu fassen. Es zog ihn nach Berlin, wo er ab 1913 in einem Laboratorium als Techniker angestellt war und auch nach dem Kriegsausbruch ab dem Jahr 1914 weiterhin tätig war. Denn es gab eine große Nachfrage nach Nachrichtentechnik, mit der sich das Laboratorium ebenfalls beschäftigte.

Interesse? Gering

An der Idee zum Lichttonverfahren war das Laboratorium in Berlin, in dem Vogt arbeitete, aber nicht interessiert. Daher gründete Hans Vogt zusammen mit Joseph Massolle und Joseph Engl am 1. Juli 1919 die Firma Tri-Ergon. Der Name bedeutet so viel wie „Das Werk der Drei“, was ausdrücken sollte, dass keiner der drei Beteiligten in einer Weise vorangestellt ist.

Etwa 1921 gelang es mit einem Demonstrator erstmals, gut verständlichen Ton auf Filmstreifen zu verewigen. Am 17. September 1922 wurde im Kino Alhambra am Berliner Ku’damm der erste deutsche Tonfilm „Der Brandstifter“ gezeigt. Zwar sorgte der Film und vor allem der synchron dazu ablaufende Ton in der Öffentlichkeit für Furore, fand aber bei den filmproduzierenden Firmen aus Sorge vor den hohen Kosten keinen Anklang. Hinzu kam, dass es noch keine Lösung für eine Auslandsvermarktung von Filmen gab. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die im Stummfilm eingebauten Texttafeln einfach nur herausgeschnitten und durch eine übersetzte Variante ersetzt.

Um das Jahr 1928 herum verkaufte die Tri-Ergon die Patentrechte wegen der durch die hohe Inflation entstandener Finanzprobleme über mehrere Umwege in die USA an den Filmproduzenten William Fox, aus dessen Fox Film Corporation später die bekannte 20th Century Fox entstand. Ab etwa 1930 setzte sich dann mit diesem Standard, angetrieben von der mächtigen US-Filmwirtschaft, der Siegeszug des Tonfilms basierend auf der Idee von Hans Vogt durch, der sich wiederum von Tri-Ergon zurückzog.

Lautsprecher und Umluftöfen

Bereits 1927 hatte Hans Vogt ein eigenes, neues Laboratorium gegründet und ging seinen eigenen Weg. Die Patentgelder reichten zudem bei weitem nicht aus, um ein ruhiges Leben zu führen. Er erfand in seinem neuen Labor eine Hochfrequenzspule mit Magnetkern (Ferrocartspule), die schon kurz danach ein Bauteil für die Initialzündung der Verbreitung der Rundfunktechnik wurde. Zudem war er bei der Entwicklung des statischen Lautsprechers dabei und war am Konzept des elektronischen Umluftofens beteiligt.

Die von Hans Vogt im Jahr 1934 gegründete Firma Vogt existiert auch heute noch und produziert elektronische Bauteile, allerdings seit 2009 nach einer Übernahme im Jahr 2006 unter dem Namen Sumida. Hans Vogt, der übrigens Vegetarier war, wurde 89 Jahre alt und starb am 4. Dezember 1979 im niederbayrischen Erlau.

Engl und Massolle

Abschließend kommen wir noch in aller Kürze zu den beiden Josephs von Tri-Ergon, Engl und Massolle. Letzterer wurde am 24. März 1889 in Bielefeld geboren und war der Sohn eines Schneidermeisters. Nach einer Ausbildung als Werkzeugmacher brachte sich Joseph Massolle selbst weitere technisch-handwerkliche Kenntnisse bei und war von 1907 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bei der kaiserlichen Marine, unter anderem als Funktelegrafist.

Danach verschlug es ihn nach Berlin, wo er dann bekanntermaßen ein Teil von Tri-Ergon wurde. Nach dem Verkauf der Patente zum Lichttonverfahren schloss sich Massolle der UFA-Filmgesellschaft an und leitete bis 1945 den Bereich der Tontechnik. 1954 erhielt er von der Technischen Universität Berlin den Ehrendoktortitel als Ingenieur. Trotz seiner Verdienste und seines Fachwissens hielt er sich damals aber nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser und verstarb nach einer schweren Krankheit am 1. April 1957 in Berlin mit 68 Jahren.

Der Dritte im Bunde der Tri-Ergon-Gemeinschaft war Joseph Benedict Engl, der am 6. August 1893 in München geboren wurde. Seine Mutter stammte aus Österreich, sein Vater hieß ebenfalls Joseph Benedict Engl und war ein Illustrator (eine seiner Karikaturen haben wir abgebildet). Am Münchner Maximiliansgymnasium legte Joseph Engl im Jahr 1912 sein Abitur ab und begann danach ein Studium der Mathematik und Physik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, wobei er im Jahr 1917 in Göttingen promovierte. 1918, nachdem er die aus Bielefeld stammende Frieda Vierhaus geheiratet hatte, mit der er kurz darauf zwei Kinder bekommen sollte, lernte er Joseph Massolle und Hans Vogt kennen. Ein Jahr später war Tri-Ergon geboren.

Engl war parallel zu seiner Tätigkeit bei Tri-Ergon auch an der Technischen Hochschule Berlin sowie für die UFA im Tonbereich tätig. Mit dem Verkauf der Patente zum Lichttonverfahren begann Joseph Engl im Jahr 1929 für die Fox-Filmgesellschaft zu arbeiten, um 1939 zusammen mit seiner Familie und seiner Schwiegermutter in die USA auszuwandern. In New York war er fortan als Physiker tätig, starb aber bereits im Alter von 49 Jahren, genauer gesagt am 8. April 1942, in seiner neuen Heimatstadt New York. (sb)

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