Einstein@Home

Gravitationswellen aus dem Heimcomputer

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Damit endet die Erfolgsgeschichte aber noch lange nicht. Seit August 2011 durchwühlen die Rechner von Einstein@Home auch Daten des Weltraumteleskops Fermi. Dieses empfängt kosmische Gammastrahlung, die wesentlich energiereicher ist als Radiostrahlung oder sichtbares Licht. Pulsare in diesem Licht nachzuweisen, gilt als enorme Herausforderung, weil die empfangene Gammastrahlung extrem schwach ist.

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Im Schnitt weist Fermi von einem typischen Pulsar nämlich nur etwa zehn Gammaphotonen pro Tag nach! Es müssen deshalb die Daten von Jahren gesammelt werden, um ein pulsierendes Signal aufzuspüren – und das ohne Vorkenntnisse von Pulsfrequenz und Phase, also der Positionen der Pulse im Datenstrom.

Gerade bei diesem diffizilen Analyseproblem zeigt Einstein@Home seine Stärke. Nochmals musste die Software umgeschrieben und effizienter werden. Der Aufwand wurde umgehend belohnt: Binnen eines Jahres spürten die Teilnehmer mehr als ein Dutzend Pulsare in den Fermi-Daten auf, seitdem sind weitere Entdeckungen ausschließlich mit Einstein@Home gelungen.

Jüngst veröffentlichten Astrophysiker einen Katalog mit 13 neu entdeckten Gammapulsaren. Mit einem einzelnen Heim-PC hätte die Suche mehr als 1000 Jahre gedauert. Einstein@Home schaffte es binnen eines Jahres, obwohl nur ein Teil der Rechenleistung des Projekts dafür eingesetzt wurde. Insgesamt geht ein Drittel aller gefundenen Objekte auf das Konto der dezentralen Rechner.

Hobyastronomen spüren vier Gammapulsare auf

Für die Forschung sind die neuen Daten von großer Bedeutung, denn auf welche Weise ein Pulsar seine Strahlung erzeugt, ist keineswegs geklärt. Gamma- und Radiostrahlung entstehen wahrscheinlich in unterschiedlichen Bereichen über der Oberfläche, weswegen erst Informationen über die verschiedenen Strahlungsarten ein Gesamtbild dieser faszinierenden Himmelskörper zeichnen können.

Die erfolgreichen Hobbyforscher von Einstein@Home werden per E-Mail informiert, erhalten eine Urkunde und werden in der wissenschaftlichen Veröffentlichung explizit gewürdigt. Einer von ihnen ist Hans Peter Tobler aus Rellingen, ein Urgestein gewissermaßen. Er war schon bei SETI@Home dabei und meldete sich gleich in der Anfangsphase bei Einstein@Home an. Vor knapp vier Jahren erhielt er die Nachricht, dass er zu den Entdeckern der ersten vier Gammapulsare gehörte.

„Ich habe mich natürlich riesig gefreut und konnte es erst gar nicht glauben, als Bruce Allen mich damals kontaktierte“, erinnert er sich. „Die Urkunde, die etwas später kam, steht gerahmt auf meinem Schreibtisch“, so der ehemalige Wirtschaftswissenschaftler, dessen Herz schon seit den Kindertagen für die Astronomie schlägt.

Einstein@Home blickt auf eine beeindruckende Entdeckungsgeschichte zurück, auch wenn die eigentliche Intention – der Nachweis von Gravitationswellen – noch nicht gelungen ist. Und Allen schaut nicht ganz so optimistisch in die Zukunft.

„In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen von Laptop und PC auf Tablets und Smartphones umgestiegen, und diese Geräte werden auf eine möglichst lange Akkulaufzeit hin getrimmt.“ Sprich: Leerlaufzeiten mit Bildschirmschoner gehören der Vergangenheit an. Doch die Max-Planck-Forscher haben sich etwas einfallen lassen.

Seit Juli 2013 bieten sie die Software für Android-Smartphones und Tablets an. Um die Batterielebensdauer zu erhalten, Ladezeiten zu minimieren und den Verbrauch von Download-Kontingenten zu vermeiden, rechnet die Software nur, wenn das Gerät mit einem WLAN-Netz verbunden ist, geladen wird und die Batterieladung bei mehr als 90 Prozent liegt.

Derzeit sind rund 4000 aktive Teilnehmer angemeldet – das macht Mut. „Ich hoffe, dass wir in den Daten der technisch verbesserten LIGO-Detektoren auch endlich das erste Gravitationswellensignal aufspüren werden“, sagt Allen. Damit wären Laien erstmals an einer nobelpreiswürdigen Entdeckung beteiligt.

Originalveröffentlichung:
Der Artikel wurde übernommen aus dem Wissenschaftsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft Max-Planck-Forschung, Ausg. 1/2017, S. 19 ff

* Thomas Bührke ist promovierter Astrophysiker. Seit 1990 arbeitet er als freier Wissenschaftsjournalist und Buchautor in den Bereichen Astrophysik, Raumfahrt und Physik.

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