Deutschland und Europa stehen vor strukturellen Problemen. Nur wenn es Europa gelingt, Innovationen nicht nur hervorzubringen, sondern sie auch konsequent in wirtschaftliche Stärke umzusetzen, kann der Kontinent sich im globalen Wettbewerb durchsetzen.
Reinraum-Spiegel von Zeiss SMT für High-NA-EUVL.
(Bild: Zeiss)
Europa gilt weltweit als einer der renommiertesten Standorte für Innovationen. Durch ein starkes Umfeld für Forschung und Entwicklung (F&E) gelingt es Europa, technologische Durchbrüche zu erzielen, die das Potenzial haben, wirtschaftlichen Wohlstand zu schaffen und Strukturen nachhaltig zu verändern. Gleichzeitig gibt es in Bezug auf die wirtschaftliche Anwendbarkeit neuer Technologien und Innovationen große Schwachstellen – mit erheblichen Risiken für die heimische Wirtschaft.
Die jüngst veröffentlichte Studie „Transformationspfade für die Industrie“ des BDI ist ein Weckruf und unterstreicht die strukturellen Probleme, vor denen der Industriestandort Deutschland – und mit ihm Europa – steht. Deutschland muss sich laut der Studie in der größten Transformationsanstrengung seit der Nachkriegszeit neu erfinden, um angesichts schrumpfender Märkte und hoher Energiekosten auch in Zukunft erfolgreich zu sein.
Bei dieser Transformation kann und muss die Innovationskraft Europas eine zentrale Rolle spielen. Erste Technologien, die dies vermögen, sind bereits Realität.
Europa ist Spitze in einer Schlüsseltechnologie für die Halbleiterindustrie
Katalysator für den Strukturwandel: Die High-NA-EUV-Lithografie ist ein Beispiel für den erfolgreichen Transfer von Forschung in die industrielle Praxis – ein Aspekt, der in Europa oft als Schwachstelle gilt – und hat nicht zuletzt das Potenzial, die weltweite Chipindustrie grundlegend zu verändern.
(Bild: Annette Koroll FOTOS)
Ein herausragendes Beispiel für die Innovationskraft Europas ist die seit Kurzem verfügbare High-NA-EUV-Lithografie von ASML. Diese Technologie hat ein enormes Alleinstellungsmerkmal und schafft eine wichtige Grundlage zur weiteren Steigerung der verfügbaren Rechenleistung. Die High-NA-EUV-Lithografie ist damit unter anderem ein wichtiger Treiber für die rechenintensive Entwicklung von KI-Anwendungen, da Mikrochips mit bis zu dreimal mehr Strukturen als bei herkömmlichen Verfahren hergestellt werden können.
Wesentliche Komponenten wurden von den Teams um Dr. Peter Kösters (ZEISS SMT) und Dr. Michael Kürz (TRUMPF) entwickelt, die dafür mit dem Werner-von-Siemens-Ring 2024 ausgezeichnet werden. Möglich wurde diese Entwicklung durch eine langfristige F&E-Strategie, Kooperationsnetzwerke und eine zielgerichtete, passende Innovationsförderung. Solche technologischen Durchbrüche sind notwendig, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und gleichzeitig die Basis für die Wirtschaft der Zukunft zu schaffen.
Die High-NA-EUV-Lithografie ist ein Beispiel für den erfolgreichen Transfer von Forschung in die industrielle Praxis – ein Aspekt, der in Europa oft als Schwachstelle gilt – und hat nicht zuletzt das Potenzial, die weltweite Chipindustrie grundlegend zu verändern.
Forschung als Motor für Wandel und Unabhängigkeit
Forschung und Entwicklung können unter den richtigen Bedingungen treibende Kräfte für den Strukturwandel in Europa sein. Sie ermöglichen technologische Innovationen, die nicht nur bestehende Industrien optimieren, sondern auch neue schaffen. Gerade in strategischen Bereichen wie der Halbleiterindustrie und der Energiewende sind Forschung und Entwicklung der Schlüssel, um langfristig unabhängig und global wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die High-NA-EUV-Lithografie zeigt, wie neue Technologien auch als Katalysatoren für den Wandel bestehender Strukturen wirken können. Sie trägt nicht nur zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chipindustrie bei, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten in den Bereichen Automatisierung und Digitalisierung. Diese Innovationskraft muss jedoch durch gezielte Förderung gestärkt werden, um nicht nur technologische, sondern auch wirtschaftliche Souveränität zu erlangen und zu erhalten. Die High-NA-EUV-Lithografie zeigt, dass langfristige Investitionen in technologischen Vorsprung zu herausragenden Ergebnissen führen. Diese Einstellung, perspektivisch in Schlüsseltechnologien der Zukunft zu investieren, ist eine wichtige Voraussetzung für eine dauerhaft attraktive und erfolgreiche Wirtschaft in Deutschland und Europa.
Bildung und Nachwuchsförderung: eine dringende Investition
Der langfristige Erfolg Europas bei der Entwicklung und Anwendung von Schlüsseltechnologien steht und fällt auch mit der Qualifikation der Fachkräfte. Denn der Fachkräftemangel gefährdet gleichermaßen die Innovationskraft und die Fähigkeit, neue Technologien in die Praxis umzusetzen. Für beides ist es entscheidend, gezielt in Aus- und Weiterbildungsprogramme zu investieren, um die nächste Generation von Forschenden und Fachkräften auszubilden.
Derzeit hinken die europäischen Bildungseinrichtungen bei der Ausbildung hoch spezialisierter Talente für Schlüsselindustrien wie die Halbleiterproduktion hinterher. Um dieses Defizit zu beheben, müssen bestehende Programme weiterentwickelt und neue Ansätze gefunden werden, um den Studierenden praxisnahes Wissen zu vermitteln. Dazu sind Kooperationen zwischen Hochschulen und Industrie unerlässlich, um dauerhaft eine breite Talentbasis zu sichern. Zudem sollten die Karrierewege zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung möglichst durchlässig sein.
Stand: 08.12.2025
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Zukunftstechnologien sind Katalysatoren für nachhaltigen Wandel
Technologien wie die High-NA-EUV-Lithografie zeigen, dass Europa das Potenzial hat, den wirtschaftlichen Wandel anzuführen. Doch die Zeit drängt: Nur wenn es Europa gelingt, Innovationen nicht nur hervorzubringen, sondern sie auch konsequent in wirtschaftliche Stärke umzusetzen, kann der Kontinent sich im globalen Wettbewerb durchsetzen. Wir brauchen technologische Souveränität für eine dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg.(kr)
* Dr. Jan Fischer-Wolfarth ist Geschäftsführer der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring, promovierter Physiker und Experte für Zukunftstechnologien und die Digitalisierung der Mobilität. Seit 2010 unterstützt er als Head of Electronics and Digitalization bei VDI/VDE Innovation + Technik GmbH verschiedene Bundesministerien bei ihrer Konzeption und Umsetzung innovativer Technologieförderprogramme.