EU Chips Act – Strategien für ein starkes Elektronik-Europa Europas Chips-Strategie: Der Weg ist klar – jetzt braucht es entschlossenes Handeln

Ein Gastbeitrag von Dirk Stans, Managing Partner bei Eurocircuits* 4 min Lesedauer

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In diesem Meinungsbeitrag schildert der Autor, warum Europas Halbleiterstrategie nur im Kontext der gesamten Elektronik-Wertschöpfungskette funktionieren kann – und welche Maßnahmen Politik und Wirtschaft jetzt ergreifen müssen.

Die EU will mit dem Chips Act eine neue Ära der Halbleiterfertigung in Europa einläuten. Doch ohne funktionierende Wertschöpfungskette bleibt das Ziel unerreichbar.(Bild:  KI-generiert)
Die EU will mit dem Chips Act eine neue Ära der Halbleiterfertigung in Europa einläuten. Doch ohne funktionierende Wertschöpfungskette bleibt das Ziel unerreichbar.
(Bild: KI-generiert)

Das EU Chip-Gesetz wurde ab 2021 der breiten Öffentlichkeit in mehreren Etappen vorgestellt. Nach der Zustimmung des Europäischen Parlaments und des Rats trat die Verordnung am 21. September 2023 offiziell in Kraft.

Zur Erinnerung: Das Chip-Gesetz wird mit über 43 Milliarden Euro an politisch getriebenen Investitionen bis 2030 unterstützt – ergänzt durch einen ähnlichen Betrag aus langfristigen privaten Investitionen.

Das Gesetz verfolgt folgende Ziele:

  • Investitionen in Spitzentechnologien
  • Zugang zu Design-Tools und Pilotlinien für Prototyping, Test und Experimentieren mit fortschrittlichen Chips in ganz Europa
  • Zertifizierungsverfahren für energieeffiziente und zuverlässige Chips für sicherheitskritische Anwendungen
  • Investitionsfreundlicher Rahmen für Produktionsstätten in Europa
  • Unterstützung von Start-ups, Scale-ups und KMU beim Zugang zu Beteiligungskapital
  • Förderung von Fachkräften, Talenten und Innovationen in der Mikroelektronik
  • Frühwarnmechanismen und Reaktionsstrategien für Engpässe und Krisen in der Halbleiterbranche zur Sicherung der Versorgung
  • Internationale Partnerschaften mit gleichgesinnten Ländern im Halbleiterbereich
  • Ziel ist ein europäischer Marktanteil von 20 % an der globalen Chipproduktion bis 2030.
  • Zentrale Fragen aus der Elektronikbranche
  • Unmittelbar nach der Einführung des Gesetzes stellte sich die Industrie grundlegende Fragen:
  • Welche Chips wollen wir überhaupt fertigen – und für welche Anwendungen?
  • Was passiert mit der gesamten Elektronik-Wertschöpfungskette? Werden nur Chips produziert, während der Rest ausgelagert wird?

Diese Sorgen führten dazu, dass sich führende europäische Industrievertreter zusammenschlossen. Auf Initiative von IPC Europe fand am 19. April 2023 ein erstes Treffen statt. Dort wurde der Markt analysiert und ein Ausblick bis 2030 und 2035 erarbeitet.

Kernaussagen aus den Diskussionen

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Das Chips-Gesetz ist sinnlos ohne die Berücksichtigung der gesamten Wertschöpfungskette – denn eine funktionierende elektronische Anwendung braucht ein funktionierendes Ökosystem.
  • Kritische Teile dieser Kette fehlen in Europa oder sind kaum vorhanden – das macht echte technologische Unabhängigkeit unmöglich.
  • Die prekäre Lage der europäischen Elektronikindustrie muss dem gesamten politischen Spektrum bewusst gemacht werden.
  • Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sowie ich selbst haben zu diesen Themen bereits mehrfach Stellung bezogen.

Zwei beispielhafte Titel:

Die Herausforderungen des europäischen Elektronikmarkts von morgen

Wie wir eine Elektronik-Eiszeit in Europa vermeiden können

Jetzt zählt die Umsetzung

Nach zwei Jahren intensiver Aufklärung stehen wir nun an einem Wendepunkt. Berichte von Enrico Letta und Mario Draghi betonen die Rolle der Industrie in Europa – und zeigen auf, wie sie wieder erstarken kann. Jetzt reicht Aufklärung nicht mehr. Es braucht konkrete, praxisnahe Maßnahmen mit geringem Budgetbedarf und großem Hebel.

Was können Regierungen, Mitgliedstaaten und die EU tun?

Als Unternehmer und Vorsitzender des Technologieverbands FHI arbeite ich eng mit Unternehmen der Technologie- und Fertigungsindustrie zusammen – also mit jenen, die echte Wertschöpfung betreiben und unseren Wohlstand sichern. Doch der Druck auf die Branche ist enorm. Was ist also zu tun?

Prioritäten für eine starke Industrie:

  • Image verbessern: Die Industrie muss als attraktiver, unverzichtbarer Teil der Gesellschaft neu positioniert werden.
  • In Talente investieren: Es braucht eine vorausschauende Fachkräftestrategie.
  • Fairer Wettbewerb: Innerhalb und außerhalb der EU müssen gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen.
  • Gezielte Investitionen: Klug gesetzte Investitionen treiben Innovation und Wachstum.
  • Rolle des Staates: Unternehmertum fördern, Bürokratie abbauen
  • Unternehmen können nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn sie effizient arbeiten können

Dazu braucht es ein unterstützendes Umfeld:

  • Bürokratie abbauen, Prozesse digitalisieren
  • EU-Vorgaben direkt umsetzen – ohne übermäßige Komplexität auf nationaler Ebene
  • Bezahlbare Energie und Industriestandorte sichern
  • Klare, investitionsfreundliche Genehmigungsverfahren
  • Wettbewerb innerhalb und außerhalb Europas

Innerhalb der EU:

  • Freien Waren- und Kapitalverkehr erhalten
  • Handelshemmnisse konsequent abbauen

Außerhalb der EU:

  • Gleiche Regeln für alle: Wer in der EU verkaufen will, muss dieselben Standards einhalten
  • Zölle oder Steuererleichterungen als Antwort auf unfaire Wettbewerbsbedingungen durch Drittstaaten
  • Stärkere Zollkontrollen und schnelle Reaktion auf Marktverzerrungen

Vier Maßnahmen mit sofortiger Wirkung

Wir müssen mit schnellen, wirkungsvollen Schritten beginnen – wenig Aufwand, große Wirkung:

  • 1. EU-Gelder in Europa halten: Bei öffentlich geförderten Projekten sollen mindestens 60 % der Wertschöpfung in der EU verbleiben – European Origin First.
  • 2. Rohstoff-Transparenz schaffen: Aufbau einer EU-weiten digitalen Plattform für Elektronik-Rohstoffe
  • 3. Standards vereinheitlichen: Harmonisierung industrieller Normen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit
  • 4. Klare Regeln, faire Bedingungen: Wer in der EU aktiv sein will, muss sich an europäische Spielregeln halten – nicht aus Protektionismus, sondern aus Fairness und Umsetzbarkeit

Alle Maßnahmen wurden in Einzelberichten detailliert ausgearbeitet.

Fazit: Mit gezielten, realistischen Maßnahmen kann Europa seine Elektronikindustrie nicht nur wettbewerbsfähiger machen – sondern auch innovationsfreudiger, widerstandsfähiger und nachhaltiger gestalten.

Meine persönliche Meinung: Die Zeit des Redens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit des Handelns.

via LinkedIn Dirk Stans

(mbf)

* Dirk Stans ist seit 1991 geschäftsführender Gesellschafter bei Eurocircuits und leitet die Vertriebs- und Marketingstrategie der Gruppe. Seit über 20 Jahren engagiert er sich aktiv in FHI, dem Technologieverband für den niederländischsprachigen Raum, und war sowohl Vorsitzender der Branche als auch des Verbandes. Als leidenschaftlicher Anhänger der europäischen technologischen Fertigung, insbesondere der Elektronikproduktion, setzt sich Dirk weiterhin für die Stärkung der Branche ein.

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