Erasmus Kittler war eine herausragende Persönlichkeit im Bereich der Elektrotechnik und prägte maßgeblich die Entwicklung dieses Fachgebiets im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Er hinterließ nicht nur seine Spuren auf dem Gebiet der Hochschulbildung, sondern trug auch wesentlich zur Elektrifizierung zahlreicher Städte und Regionen bei. Wir geben einen Überblick über sein Leben und Wirken,
Für das Entstehen des Bereiches, den wir als Elektrotechnik bezeichnen, waren unzählige Menschen verantwortlich. Schon im 17. Jahrhundert wurden die Grundlagen erforscht. Personen wie William Gilbert, der als Naturforscher ein Elektroskop erfand, oder Gottfried Wilhelm von Leibniz, der in Experimenten Funkenentladungen erzeugte, konnten sicher nicht einmal ansatzweise erahnen, was 300 bis 400 Jahre später aus ihrem Lebenswerk entstehen würde.
Was die Lehre des Fachs Elektrotechnik angeht, so ist ein Deutscher als Pionier zu nennen, der eine wichtige Basis legte: Erasmus Kittler, der im Jahr 1882 mit der Gründung des weltweit ersten Studienganges im Fach Elektrotechnik beauftragt wurde. Wir blicken in unserem Artikel auf sein Leben und sein Schaffen zurück.
Erasmus Kittler wurde im Juni 1852 in Schwabach, südlich von Nürnberg, geboren. Dort besuchte der Sohn eines Schneiders die Volksschule sowie ein Lehrerseminar. In den Jahren 1871 bis 1874 war er als Lehrer an einer Volksschule in Nürnberg tätig, wobei er parallel dazu für sein Abitur lernte und es 1875 bestand. Danach studierte Kittler Mathematik und Physik, zunächst an der Technischen Hochschule in München, dann an der Universität in Würzburg, wo er 1879 auch das Lehramtsexamen in den beiden genannten Fächern bestand.
Kittler promovierte im Jahr 1880 an der Universität Würzburg unter dem Physiker Friedrich Wilhelm Georg Kohlrausch. Im Jahr 1881 habilitierte er an der Technischen Hochschule München, bei der er auch schon vor seiner Promotion im Jahr 1879 als Assistent des Physikers Wilhelm von Beetz tätig war. Dies waren die akademischen Grundlagen von Kittler, den es kurz nach seiner Habilitierung nach Darmstadt zog.
Darmstadt als Wurzel der Elektrotechnik
Die Technische Hochschule Darmstadt (inzwischen Technische Universität Darmstadt) richtete im Jahr 1882 einen Lehrstuhl für Elektrotechnik ein und übertrug die Leistung hierfür an Erasmus Kittler, der den Studiengang aufbauen sollte. Was im Nachhinein visionär erscheint, nämlich den Bedarf an Fachleuten für die in den Folgejahren weltweit immer wichtiger werdende Elektrifizierung zu decken, war eher aus der Not geboren. Die Technische Hochschule Darmstadt hatte nämlich durch zu hoch angesetzte Zugangshürden massiv an Studierenden verloren, sodass die Weiterführung in Gefahr war.
Durch Ausstellungen unter anderem in München war das Thema Elektrizität ein wenig in die Öffentlichkeit gerückt, sodass das Thema für die Verantwortlichen der Technischen Hochschule und der Stadt Darmstadt auf dem Schirm stand. Aber direkt einen Lehrstuhl einzurichten, das war gewagt. Bis dahin gab es ein Fach rund um ein Thema noch nicht, dessen Zukunftschancen kaum jemand abschätzen konnte. Die Aktion hatte zwar ein wenig den Charakter einer Verzweiflungstat, die allerdings entpuppte sich bereits einige Jahre später als richtige Entscheidung.
Somit war mit dem neuen Lehrstuhl in Darmstadt gleichzeitig der weltweit erste Studiengang für Elektrotechnik an einer Hochschule ins Leben gerufen worden. Bereits im Folgejahr konnten die ersten Studenten den Studiengang auswählen. Ziel des Fachs Elektrotechnik war dabei weniger eine theoretische Ausbildung für wissenschaftliche Zwecke, sondern vielmehr die Ausbildung von Ingenieuren, die sich mit Elektrotechnik auskannten. Die Elektrifizierung Deutschlands und des Rests der Welt steckte noch in den Kinderschuhen. Dennoch sahen die Verantwortlichen an der Technischen Hochschule Darmstadt sowie in der Stadtverwaltung gute Chancen dafür, dass bald eine große Anzahl an Experten nachgefragt würde, um die Elektrifizierung effizient in Angriff zu nehmen.
Der Studiengang Elektrotechnik in den Anfangsjahren
Erasmus Kittler war das Angebot einer umfassenden und intensiven Ausbildung wichtig, und nicht so schnell wie möglich Elektroingenieure am Fließband zu produzieren. Entsprechend war der ab 1883 angebotene Studiengang auf vier Jahre ausgelegt, wobei die erste Hälfte des Studiums für wichtige Grundlagen in den Bereichen Chemie, Maschinentechnik, Mathematik und Physik gedacht war.
Auf Basis dieses Lehrstoffs war überhaupt erst ein Verständnis und in der Folge auch ein produktiver und sicherer Umgang mit Elektrizität und elektrischen Geräten möglich. Das Hauptstudium umfasste vier Semester mit Fächern wie Messtechnik, elektrische Antriebe und Beleuchtung sowie in späteren Jahren auch Hochspannungstechnik. Zum Ende des Studienganges war freilich eine Abschlussprüfung vorgesehen.
Stand: 08.12.2025
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Als Fachmann für Elektrifizierung gefragt
Nachdem die ersten Studenten ihren Abschluss erhalten hatten, wurde Erasmus Kittler im Jahr 1887 in den erlesenen Kreis der Leopoldina aufgenommen. Diese nationale Akademie war vormals hauptsächlich Naturforschern zugänglich, galt allerdings inzwischen als eingetragener Verein mit dem Namen „nationale Akademie der Wissenschaften“, der unter anderem internationale Beziehungen pflegt und auch häufig die Politik in Wissenschaftsfragen berät. Insgesamt sind über 180 aktuelle oder ehemalige Mitglieder der Leopoldina Nobelpreisträger.
Für Kittler war die Aufnahme in die Leopoldina zwar eine Ehre, ihn beschäftigte neben der Verwaltung des Lehrstuhls aber hauptsächlich die Elektrifizierung der Stadt Darmstadt. Im Jahr 1888 wurde unter Kittlers Leitung in Darmstadt die sogenannte „Centralstation für elektrische Beleuchtung“ in Betrieb genommen. Die sorgte für damalige Verhältnisse für eine außergewöhnlich großflächige Versorgung der Stadt mit Elektrizität. Das Gebäude der Centralstation existiert auch heute noch und ist inzwischen ein beliebter Veranstaltungsort in Darmstadt.
Die Centralstation sorgte für die Straßenbeleuchtung sowie die Möglichkeit, im Innenstadtbereich auch Gebäude mit Strom zu versorgen. Zum damaligen Zeitpunkt verfügten nur zwei Städte weltweit über eine vergleichbar umfassende Flächenversorgung mit Strom, nämlich Berlin und New York. Erasmus Kittlers Erfahrungsreichtum rund um die Elektrifizierung sorgte dafür, dass er auch bei der Planung und Umsetzung der Stromversorgung durch die Elektrizitätswerke in Bremen, Budapest, Danzig, Düsseldorf, Mainz und Worms als wichtiger Fachmann mit ins Boot geholt wurde.
Rund um die Elektrifizierung Darmstadts schrieb Kittler zwei Bücher zum Thema Elektrotechnik, die zu den ersten Büchern dieses Fachgebiets zählen. Die Bücher mit dem simplen Namen „Handbuch der Elektrotechnik, Band 1 und Band 2“ erschienen 1886 und 1890. 1889 wurde Kittler von Großherzog Ernst Ludwig zum Mitglied der ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen ernannt, welche die Untertanen gegenüber dem herrschenden Großherzog und der hessischen Regierung vertrat.
Durch die Novemberevolution im Jahr 1918, durch die die Monarchie in Deutschland ein Ende nahm, erübrigte sich diese Mitgliedschaft. Schon zuvor, nämlich im Laufe des Jahres 1915, legte Erasmus Kittler die Leitung des Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Darmstadt ab und ging in den Ruhestand. Zu diesem Zeitpunkt war er 63 Jahre alt. Er erhielt von der Hochschule die Ehrendoktorwürde als Doktor-Ingenieur ehrenhalber. Verstorben ist Erasmus Kittler am 14. März des Jahres 1929 in Darmstadt – gut drei Monate vor seinem 77. Geburtstag. Er hinterließ seine Frau Karoline, die er im Jahr 1882 geheiratet hatte, sowie einen Sohn und zwei Töchter.
Posthume Ehrungen und Kittlers bekannte Schüler
Zu Ehren von Erasmus Kittler existiert in Darmstadt die Kittlerstraße sowie die Erasmus-Kittler-Schule, in der berufsbildende Fächer für Metall- und Informationstechnik gelehrt werden. Die Technische Universität Darmstadt verleiht seit dem Jahr 1977 die Erasmus-Kittler-Medaille und hat zudem das Hörsaalgebäude der Elektrotechnik nach Kittler benannt. Die Entega-Stiftung des Darmstädter Energieversorgers Entega AG verleiht alle zwei Jahre einen nach Kittler benannten Preis an Menschen aus Forschung und Wissenschaft.
In den Jahren, in denen Erasmus Kittler den Lehrstuhl für Elektrotechnik verantwortete, gingen freilich auch einige Absolventen hervor, die sich später einen Namen machten. Dazu gehören der Radio-Pionier Leo Pungs (1883 bis 1979), der ehemalige AEG-Generaldirektor Professor Waldemar Petersen (1880 bis 1946) sowie der Exil-Russe Michail von Dolivo-Dobrowoisky, der unter anderem während seiner Beschäftigung bei AEG das Drehstromsystem erfand.
Obgleich Erasmus Kittler nie selbst wichtige Erfindungen oder wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der Elektrotechnik vorweisen konnte, war er als Verantwortlicher für den weltweit ersten Lehrstuhl der Elektrotechnik eine wichtige Persönlichkeit. Betrachtet man die lange Lehrstuhlbetreuung sowie Kittlers Mitwirkung bei der Elektrifizierung gleich mehrerer Städte und seinen Status als Fachmann, kommt man zum Schluss, Kittler wohlverdienter Pionier der Elektrotechnik ist. Auch ohne eigene bahnbrechende Erfindungen. (sb)