Überlast im Mittelstand Warum die Elektronikindustrie im Lieferdilemma steckt

Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 7 min Lesedauer

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Der Lieferdruck in der Elektronikentwicklung steigt. Wie können sich Unternehmen zukunftsfähig aufstellen? Der Blick ins System hilft: Mit Fokus auf den Arbeitsfluss und wie Unternehmen über den Kostenblick hinaus Werte schaffen müssen.

Zukunftsfähigkeit: Arbeit managen, Überblick bekommen und Wert liefern ohne Überlast.(Bild:  mit KI erstellt)
Zukunftsfähigkeit: Arbeit managen, Überblick bekommen und Wert liefern ohne Überlast.
(Bild: mit KI erstellt)

Die Welt der Elektronikentwicklung befindet sich im Wandel. Die zunehmende Komplexität der Lieferketten, die stetig steigenden Anforderungen an die Elektronik und die dynamischen Marktbedingungen stellen Entwickler von elektronischen Komponenten in Industrie sowie Automobilbau vor neuen Herausforderungen. Hinzu kommen noch vermeintliche Gefahren wie die künstliche Intelligenz, deren Einfluss auf die Arbeitswelt noch nicht abzuschätzen ist.

Doch wie können Unternehmen aus der Elektronikbranche reagieren? Denn es betrifft nicht nur die großen Konzerne – sondern vor allem der Mittelstand in Deutschland. Es geht um Arbeitslast in den Unternehmen. Denn die Elektronikbranche kämpft mit knappen Zeitbudgets und komplexen Aufträgen der Kunden. Oftmals arbeiten Entwickler nicht an einem Projekt, sondern an mehreren gleichzeitig. Das führt zu Stress und Ineffizienz. Den Beteiligten fehlt an dieser Stelle der team- und abteilungsübergreifede Überblick darüber, wie am Ende des Tages geliefert werden soll – sprich das Projekt fertig wird. Das Management kann meist nur durch den Grad der Auslastung beurteilen, ob alle Mitarbeiter – und speziell die Entwickler – richtig eingesetzt sind.

Drei Fragen an Fabian Biebl

Die Arbeitsbelastung in den Entwicklungsabteilungen nimmt zu. Für eine saubere Produktentwicklung bleibt kaum noch Zeit. Wo ist der Zusammenhang zum Liefern?

Auf ein Wort, Fabian Biebl. Er ist Mitbegründer der „Initiative Zukunftsfähigkeit“ und ist ein erfahrener Organisationsentwickler bei Colenet. (Bild:  Fabian Biebl)
Auf ein Wort, Fabian Biebl. Er ist Mitbegründer der „Initiative Zukunftsfähigkeit“ und ist ein erfahrener Organisationsentwickler bei Colenet.
(Bild: Fabian Biebl)

Die Arbeitsabläufe in den Unternehmen und die Technik werden komplexer und bedürfen viel Aufmerksamkeit. Deshalb geraten die eigentliche Fertigstellung und Lieferung eines Produktes schnell aus dem Blick. So optimieren sich beispielsweise Abteilungen (Silos) oft selbst, ohne die Fertigstellung des Produktes aus Kundensicht zu betrachten. Während aus Sicht des Vertriebs gleichzeitig noch weitere Projekte begonnen werden sollen, klagen Entwickler über die damit verbundene gleichzeitige Auslastung mit zu vielen Themen. Das Management kann meist nur über den Grad der Auslastung beurteilen, ob die Mitarbeitenden richtig eingesetzt sind.

Keine gemeinsame Lösungsstrategie von Belegschaft und Management?

Die Mitarbeitenden sind frustriert, da sie spüren, dass ein Projekt schneller fertig zu bekommen wäre, wenn sie sich darauf konzentrieren würden. Sie können das aber nicht belegen. Stattdessen laufen aufgrund von Kundendruck doch wieder mehrere Projekte gleichzeitig. Ich kenne viele Entwickler, die in fünf oder mehr Projekten gleichzeitig stecken. Irgendwann verbringen sie mehr Zeit damit, sich ständig neu einzuarbeiten, als die eigentliche Entwicklung voranzutreiben.

Schlimmer noch, im Extremfall werden sie, wenn sie diese Probleme anführen, vom Management als faul abgestempelt. Meist fehlt der systemische Blick, also die Transparenz über die Arbeitsprozesse. In Zeiten der Komplexität stochern wir im Nebel und mangels Durchblicks kommt es zu Entscheidungen aus dem Bauch. Ich helfe Kunden wie beispielsweise Infineon, ihre Lieferfähigkeit zu verbessern, indem ich diese Komplexität beherrschbar mache.

Warum braucht es eine Initiative Zukunftsfähigkeit?

Das Thema Zukunftsfähigkeit ist aus der Notwendigkeit heraus entstanden, eine Situation, die schwer zu beobachten und noch schwerer zu behandeln ist, diskutierbar zu machen. Früher hatten die Manager den Überblick. Heute ist das anders. Komplexität und steigende Anforderungen verändern Arbeitsprozesse. In guten Zeiten ist die Veränderungsbereitschaft zu gering und Veränderungen gelingen nicht. In Krisensituationen wird selbst das wenige Erreichte wieder verworfen, um im Ausnahmezustand heroisch in den Überlebensmodus zu schalten. Ein unsichtbares Führungsver­sagen.

Die Initiative will dieses Potenzial aufzeigen und für Entscheidungsträger attraktiv machen. Sie richtet sich an Mitarbeitende und Führungskräfte, die wieder führungsfähig werden wollen, um ihr Wissen über systemische Optimierung und Wertströme zum Wohle ihres Unternehmens einzusetzen. Die Initiative löst die externen Probleme nicht - aber sie schafft die Grundlagen dafür.

Video und Artikel: PoE 2023 Keynote der Initiative Zukunftsfähigkeit

Das beschriebene Dilemma hat Fabian Biebl von der Initiative Zukunftsfähigkeit in seiner Keynote auf der Power of Electronics (PoE) 2023 vorgestellt. Auf das „Paul-Carla-Dilemma“ war er in seinem 30-minütigen Vortrag anhand einer fiktiven Geschichte über eine überlastete Firma eingegangen. Die vollständige Beschreibung des Paul-Carla-Dilemmas zum Nachzulesen und als Video auf der Seite der Initiative Zukunftsfähigkeit. Informationen zur Initiative lesen Sie im Kasten.

Ein fertiges Produkt rechtzeitig an den Kunden liefern

Müssen aufeinander zugehen und miteinander reden: Die beiden Protagonisten Carla und Paul.(Bild:  Colenet)
Müssen aufeinander zugehen und miteinander reden: Die beiden Protagonisten Carla und Paul.
(Bild: Colenet)

Was ist das Paul-Carla-Dilemma? Kurz gesagt: Der Entwickler Paul steckt in verschiedenen Kundenprojekten und muss diese zu Ende bringen. Sein Ziel ist es, das wichtigste Kundenprojekt abzuschließen. Für seine Chefin Carla geht es darum, neu akquirierte Projekte früh zu beginnen und Mitarbeiter möglichst hoch auszulasten, am besten zu 100 Prozent. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden beide Seiten – Mitarbeiter und Geschäftsführung – an einem Strang ziehen. Doch weder Paul noch Carla schauen in die Organisation hinein. Für beide ist die eigene Organisation wie eine Blackbox.

In den meisten Unternehmen ist die Strategie- und Teamebene gut bekannt. Leider wird meist nur gemanagt, was zu tun ist. Das Management des Arbeitsflusses auf der Koordinationsebene, also wie gearbeitet werden soll, wird vernachlässigt. Damit sowohl die Mitarbeiter als auch das Management ein Gefühl für Arbeitsbelastung bekommen, stellte Fabian Biebl in seiner Keynote eine einfache Simulation vor. Kurz gesagt: Fünf Namen müssen auf Karten geschrieben werden. In einer Aufwandsabschätzung soll eine Zeit vorgegeben werden, wie lange es dauert, einen Namen auf die Karten zu schreiben. Außerdem wird gezeigt, von welchen Faktoren die Geschwindigkeit abhängt. Das Ergebnis ist überraschend und ernüchternd zugleich. Es lohnt sich, die Simulation einmal selbst auszuprobieren.

Unternehmen müssen die Blackbox der Organisation durchblicken

Ein Blick in die Blackbox hilft dabei, Konflikte in Unternehmen zu lösen.(Bild:  Colenet)
Ein Blick in die Blackbox hilft dabei, Konflikte in Unternehmen zu lösen.
(Bild: Colenet)

Das ist ein Thema für die Initiative Zukunftsfähigkeit: Ausgehend von der Keynote ist die Überlegung, wie sich Unternehmen gegenüber aktuellen und zukünftigen Herausforderungen lernfähig aufstellen und gleichzeitig an eine sich verändernde Arbeitswelt anpassen können. Für Paul stellt sich das Problem wie folgt dar: Er möchte sich auf ein Projekt konzentrieren, es qualitativ hochwertig abschließen und damit auch dem Kunden einen Mehrwert bieten. Doch mit jedem zusätzlichen Auftrag steht Paul vor einem Problem: Den ersten Auftrag abzuschließen dauert noch länger und es entstehen Taskwechselaufwände.

Paul möchte Projekte ohne wertlose Wartezeit (Waste) liefern. Wartezeit ist die Zeit, in der nicht wertschöpfend an einem Projekt gearbeitet wird (Zeiten für Übergaben, Neuaufnahmen oder Lagerproduktion). Im Fall von Paul bedeutet das nicht, dass er nichts tut, sondern dass er Arbeitskraft in vermeidbaren Mehraufwand investiert. Wartezeiten sind für ein Unternehmen nicht wertschöpfend. Wenn, wie Carla meint, jeder Kunde gleichzeitig bedient werden muss, kommt Paul zwangsläufig in die Situation ineffizienter Wartezeiten.

Wie sich die Time to Market verkürzt

Carla kann nicht beurteilen, ob sie die Prozesse richtig oder falsch steuert. Für Carla ist es wichtig, dass sie einen „wohlinformierten Überblick“ über ihr Unternehmen bekommt. Das bringt für Carla wesentliche Vorteile: Durch die Konzentration auf das wichtigste Projekt wird dieses wesentlich früher fertiggestellt, die Time to Market verkürzt sich enorm. Wo früher viele gleichzeitige, nicht abgeschlossene Arbeiten einen enormen Invest darstellten, werden Projekte jetzt häufiger fertiggestellt und die Kunden zahlen früher.

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Durch das häufige Liefern wird auch der Forecast einfacher und damit für die Kunden vorhersehbar, wann ihre Projekte abgeschlossen sein werden. Für alle Beteiligten ist ein stressfreieres Arbeiten möglich, sobald die Transparenz durch das Öffnen der Blackbox zu wirken beginnt. Allerdings ist das eine Hürde, da kaum jemand die Möglichkeiten kennt, Wartezeiten geschickt zu vermeiden.

Wie eine Simulation hilft, Wartezeiten zu vermeiden

Mehr gleichzeitig in Arbeit bedeutet, dass durch Wartezeiten weniger fertiggestellt wird. Simulationen helfen, das zu verstehen, da sie einen vereinfachenden, spielerischen Blick auf die Realität bieten, um sich mit dem Thema vertraut zu machen. Nach dem Verständnis des Problems liegt die Lösung in der Transparenz und im Management der Arbeit. So entsteht Zukunftsfähigkeit für Unternehmen. Details zum Paul-Carla-Dilemma, zur vorgestellten Simulation und weiteres Hintergrundwissen finden Sie auf der Webseite www.initiative-zukunftsfaehigkeit.de

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Initiative Zukunftsfähigkeit: Die Arbeitswelt im Wandel

(Bild:  Initiative Zukunftsfähigkeit)
(Bild: Initiative Zukunftsfähigkeit)

Die Elektronikindustrie gehört zu den dynamischsten Branchen. Doch technische Entwicklung allein ist für ein Unternehmen nicht alles. Unsere Arbeitswelt befindet sich in einem stetigen Wandel: Schlagworte wie Digitalisierung, Globalisierung, Komplexität und Disruption bewegen uns zunehmend und bringen Unternehmen an die Grenzen ihrer bestehenden Strukturen. Hinzu kommen Herausforderungen durch Generationswechsel, mangelnde Kundenorientierung, Personalmangel, fehlende Fokussierung, hohe Arbeitsbelastung, Nutzung von Mitarbeiterpotenzialen und vieles mehr wollen gelöst werden.

Unternehmensstrukturen und in der Vergangenheit bewährte Managementmethoden müssen sich anpassen. Systemische Optimierungen, die der Leistungsfähigkeit des Unternehmens dienen, sind ohne Werkzeuge wie Transparenz und strukturierte Kommunikation nicht intuitiv und scheitern häufig. Viele Veränderungsprojekte scheitern auch, weil die Unternehmenskultur nicht berücksichtigt wird.

Notwendig ist ein Perspektivwechsel. Denn Unternehmen leben durch ihre Mitarbeiter. Sie in die Verantwortung zu nehmen, ihnen geeignete Strukturen zu geben und ihre Innovationskraft voll zu entfalten, damit sie sich eigenverantwortlich in Teams im Sinne des Unternehmens einbringen können: Das ist eine Kunst. Die Initiative Zukunftsfähigkeit macht diese Problematik besprechbar und zeigt Handlungsoptionen für moderne Führungskräfte auf. Details zur Initiative Zukunftsfähigkeit.

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