Aufstrebende Chip-Startups Einhorn-Saison in der chinesischen Halbleiterindustrie

Von Henrik Bork* 5 min Lesedauer

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Mehr als 1,7 Milliarden Euro für das erst 2017 gegründete Startup GTA Semiconductor in Shanghai: Die neuen Einhörner am Ufer des Jangtsekiang sollen Chinas Chip-Industrie in die Zukunft katapultieren. Darauf hoffen die Zentralregierung in Peking und staatliche Investmentfonds.

Verordneter Erfolg: Mit enorm hohen Subventionssummen und immer neuen Förderprogrammen treibt die chinesische Regierung die Chipindustrie des Landes an. (Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Verordneter Erfolg: Mit enorm hohen Subventionssummen und immer neuen Förderprogrammen treibt die chinesische Regierung die Chipindustrie des Landes an.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Als „Einhörner“ werden Startups bezeichnet, deren Bewertung vor einem Börsengang oder im Zuge eines Exits mehr als eine Milliarde US-Dollar beträgt. Auffallend viele davon entstehen momentan entlang des Jangtsekiang, des größten Flusses in China. Das jüngste Beispiel für den Versuch, mit Hilfe von Staatsgeldern einen neuen „nationalen Champion“ zu schaffen, ist die neue Finanzierungsrunde über umgerechnet 1,7 Milliarden Euro für GTA Semiconductor in Shanghai.

Häufig sind staatliche Investmentfonds, Provinz- oder Stadtregierungen und chinesische Staatsbetriebe an den Finanzierungsrunden beteiligt. So war es auch diesmal wieder bei GTA Semiconductor, das erst 2017 gegründet worden ist und innerhalb weniger Jahre zum größten Produzenten von Autochips in China herangewachsen ist.

Bei dieser und ähnlichen Finanzierungsrunden sei „die Intention des Staates, die Entwicklung der Fertigungsindustrie für Halbleiter zu unterstützen ganz offensichtlich“, schreibt die chinesische Finanzzeitung Zhengquan Shibao. Es gehe darum, in den Zeiten der Halbleiter-Boykotte aus Washington so schnell wie möglich eigene Lieferketten aufzubauen, sagen Analysten.

Große Kapitalspritzen für „Pur-Play-Foundries”

Die Firma RongSemi in Zhejiang konnte im April dieses Jahres Gelder in Höhe von 3,8 Milliarden Yuan (rund 500 Millionen Euro) einsammeln, was ihre Bewertung in den Einhorn-Bereich emporgehoben hat. Die benachbarte Jiangsu-Provinz hat in den vergangenen drei Jahren mehr als ein Dutzend große Kapitalspritzen für „Pur-Play-Foundries” gesehen.

Im Februar dieses Jahres ist zudem die zweite Phase des „Yangtze River Delta Fund“ aufgelegt worden. Er hat eine Zielgröße von 10 Milliarden Yuan (rund 1,3 Milliarden Euro) und sein Fokus liegt auf der IC-Fertigung, der Künstlichen Intelligenz und der Biomedizin. All diese Zukunftstechnologien sollen entlang des „langen Flusses“ oder „Chang Jiang“, wie der Jangtse auf Chinesisch genannt wird, verstärkt angesiedelt werden.

In der Provinz Zhejiang, unweit des Jangtse-Mündungsdeltas bei Shanghai, hat die Stadt Huzhou im April einen Industriefonds mit mehr als 20 Milliarden Yuan (rund 2,6 Milliarden Euro) geschaffen, mit dem die Halbleiter- und Optoelektronik-Industrien gefördert werden.

Einige Wochen davor, im März dieses Jahres, hat die Stadt Hangzhou südlich von Shanghai ebenfalls einen eigenen „Fund of Funds” für Innovationen aufgelegt und auch da dürfen sich Chip-Produzenten oder andere Firmen aus der Halbleiter-Lieferkette bewerben.

Selbst Stadtbezirke schaffen Investment-Vehikel

Sogar einzelne Stadtbezirke schaffen solche Investment-Vehikel, etwa der Xinzhan-Bezirk der Stadt Hefei, die ein wenig nördlich vom Mittellauf des Jangtse entfernt liegt. Zehn Milliarden Yuan hat die Bezirksverwaltung für die Anschubfinanzierung von Tech-Unternehmen bereitgestellt, unter anderem zur Produktion von Autochips.

Es sind zu viele örtliche Initiativen, um sie hier alle auflisten zu können. Schon diese wenigen Beispiele zeigen aber deutlich, dass der „Big Fund“, mit dem die Pekinger Zentralregierung die heimische Halbleiter-Industrie aufbaut, nur ein Teil eines viel größeren Puzzles ist.

300 Milliarden Yuan: Dritte Runde des nationalen Chip-Förderfonds angekündigt

Die dritte Runde dieses nationalen Chip-Förderfonds, so ist im September angekündigt worden, will 300 Milliarden Yuan (rund 39 Milliarden Euro) an Kapital aufbieten. Das angepeilte Ziel ist damit noch ambitionierter als bei der ersten (138,7 Milliarden Yuan) und zweiten Phase (200 Milliarden Yuan) des „Big Fund“.

Zwar hat die Financial Times kürzlich recherchiert, dass Staatsbetriebe und staatliche Investmentfonds diesmal offenbar damit zu kämpfen haben, was die Bereitstellung entsprechender Gelder während der von den Corona-Massnahmen ausgelösten Konjunkturflaute in China betrifft.

Doch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die Autarkie der chinesischen Chip-Produktion angesichts der schrittweise immer weiter verschärften US-Boykotte für Halbleiter und Ausrüstungen zu deren Herstellung zu einer Top-Priorität der chinesischen Industriepolitik gemacht. Seine Kommunistische Partei Chinas kann den großen Staatsbetrieben und institutionellen Investoren des Landes direkte Weisungen geben. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass „Big Fund Nummer Drei“ seine Zielgröße nicht früher oder später doch erreicht.

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Lernen aus dem Sportfördersystem

Um die Boykotte möglichst schnell durch eigene Chips kontern zu können, hat Xi Jinping im September vergangenen Jahres sogar in die Trickkiste des chinesischen Spitzensports gegriffen. „Juguo tizhi“, das Sportfördersystem der „gesamten Nation“, das sämtliche Ressourcen zum Erwerb von Goldmedaillen bei Olympischen Spielen bündelt, hat er nun auf den Ausbau der chinesischen Halbleiterindustrie übertragen. „Xinxing juguo tizhi“ lässt sich sinngemäß mit „neues, auf High-Tech fokussiertes Förderungssystem der gesamten Nation“ übersetzen.

Ähnlich wie beim Medaillenspiegel der Athleten soll es auch den Unternehmen in der Chip-Industrie an nichts fehlen, damit sie die Nation stolz machen und das Ausland überrunden können. Wer darüber lacht, sollte sich die Medaillen-Statistiken der vergangenen Olympischen Spiele ansehen. China als Nation hat bereits den zweiten Platz hinter den USA erreicht, was die Gesamtzahl der gewonnen Medaillen betrifft.

Industriegebiete entlang des Jangtsekiang sind besonders aktiv

Die Zentrale gibt die Richtung vor und Chinas Provinzen, Großstädte und Staatsbetriebe folgen. Es gibt mehrere Cluster in China, die sich für eine führende Rolle bei Zukunftstechnologien empfehlen, darunter auch die Hauptstadt Peking. Doch Shanghai, wo viel Wagniskapital zu finden ist und die nahegelegenen Industriegebiete entlang des Jangtsekiang sind besonders aktiv.

Die erste Phase eines in Shanghai aufgelegten Förderfonds für die Chip-Fertigung, Künstliche Intelligenz und Biomedizin hat im April dieses Jahres die Verteilung von 20 Milliarden Yuan (rund 2,6 Milliarden Euro) abgeschlossen. Der staatliche Autokonzern SAIC hat im Juni einen neuen Fonds über sechs Milliarden Yuan aufgelegt, der die Produktion heimischer Autochips und die Elektrifizierung und Vernetzung des Transportwesens in China fördern soll.

Chinas kumulative Rechenleistung soll rasant steigen

Chinas Regierung weiß um die Bedeutung der Rechenleistung für die Zukunftsindustrien des Landes. Anfang dieses Monats haben das Industrieministerium MIIT und mehrere andere Behörden gemeinsam einen neuen Plan veröffentlicht, demzufolge Chinas kumulative Rechenleistung von derzeit rund 197 EFLOPS (Stand August 2023) auf 300 EFLOPS im Jahr 2025 gesteigert werden soll, also um etwa 50%.

EFLOPS sind eine Trillion Floating-Point-Operationen pro Sekunde und sind eine Maßeinheit für das Rechentempo von Computern. Gerade für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz wie etwa der generativen Modelle nach dem Vorbild von ChatGPT werden immer schnellere Computer benötigt. Daher wird in China gerade landesweit auch stark in neue Datenzentren investiert.

Schon jetzt liegt China mit seinen knapp 200 EFLOPS im globalen Vergleich auf dem zweiten Platz nach den USA, doch dort wächst die kumulierte Rechenleistung aber nur um rund fünf Prozent pro Jahr. (me)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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