Nicht nur Industrieunternehmen stehen vor Herausforderungen. Auch Krankenhäuser müssen profitabel wirtschaften, die (medizinische) Versorgung sichern und risikoresistent sein. Helfen können hierbei Technologien aus der Industrie 4.0.
Auch Krankenhäuser müssen ihre Versorgung sicherstellen. Technologien der Industrie 4.0 können hier Unterstützung bieten, um vor allem die Flexibilität der Kliniken zu erhöhen.
Die Wertschöpfung in Krankenhäusern lässt sich durch die Digitalisierung verbessern. Das stellt der Lehrstuhl für BWL, speziell der Bereich Betriebliche Anwendungssysteme, der FernUniversität in Hagen mit einer Gap-Analyse fest. Insbesondere das Internet of Things, Big-Data- und Mobile-Health-Technologien können dazu beitragen, Effizienz und Flexibilität zu erhöhen.
Die Potenziale von Krankenhäusern
Prof. Smolnik, Dr. Karolin Kappler und Florian Neft gingen der Frage nach, wo die Fachleute deutscher Krankenhäuser die größten Potenziale sehen, um Mängel im Leistungsspektrum zu beheben. Das Ergebnis der deutschlandweiten Datenerhebung mit einer Online-Umfrage und Interviews im Jahr 2019: für Krankenhäuser ist es erheblich schwierig, gleichzeitig Versorgungsqualität, Profitabilität und Risikoresistenz zu garantieren. Die ersten Ergebnisse liegen jetzt vor.
Die Studie überprüfte vor allem die unterschiedlichen Potenziale unterstützender Technologien wie Internet of Things, Big Data, mobile Endgeräte zur Gesundheitsüberwachung, Robotik, Virtuelle Realität und Analyseverfahren. Dabei ging es auch um konkrete Technologien wie Wearables, vernetzte Kommunikationsendgeräte und Sensoren, mit denen die Effizienz im Krankenhaus gesteigert werden kann. Außerdem ging es darum, ob der „Dienstleister Krankenhaus“ die Erwartungen der Patientinnen und Patienten als seine Kundschaft erfüllt.
IoT und Big Data ganz vorne
Im Ergebnis zeigte sich, dass Mobile Health, Big Data und Internet of Things langfristig bei der Lösung der Probleme helfen und viele Wertschöpfungsprozesse verbessern können. Selbiges gilt für Robotik, Virtual sowie Augmented Reality und Radio-Frequency Identification (RFID, „Identifizierung durch elektromagnetische Wellen“).
Die größten Potenziale sehen die Fachleute vor Ort im Internet of Things und Big Data: „Viele Krankenhäuser sind ja immer noch analog aufgestellt“, so Karolin Kappler. „Dass Ärztinnen und Ärzte Probleme haben, bei der Visite auf der Station Laborergebnisse einzusehen, weil die hausinternen Labore ihre ausgedruckten Berichte per Hauspost versenden, ist nicht mehr zeitgemäß.“ Auch die Weiterentwicklung hin zu einem „Smart Krankenhaus“ birgt großes Potenzial. Ein Ansatz ist es, Schutz- oder andere Kleidung mit Sensoren auszustatten, die feststellen, dass ein Kittel bakterien- oder virenbelastet ist. „Automatische Informationen über Kontaminierungen sind nicht nur Corona-bedingt gefragt, Krankenhäuser haben ja durchaus sehr komplexe Hygienekonzepte und Probleme mit resistenten Keimen“, erklärt Kappler.
Flexibilität erhöhen - ein Muss
Eines der größten Probleme der Krankenhäuser, die unzureichende Flexibilität, soll sich durch die Digitalisierung verbessern. Die Interviews haben gezeigt, dass vor allem kleine Krankenhäuser, aber auch die Universitätskliniken schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen können, im Notfallbereich schon bei zwei bis drei Schwerverletzten. Natürlich haben alle Krankenhäuser Pläne für eine größere Zahl von gleichzeitig eintreffenden Schwerverletzten oder gefährlich Infizierten. „Aber diese Flexibilität ist sehr begrenzt“, so Kappler. „Deshalb müssen sie sich mit Nachbar-Kliniken vernetzen.“
Die Interviewten wären froh, wenn ihnen die digitalen Technologien zur Verfügung stünden, welche die Industrie 4.0 für sehr schnelle „Nachfrageanpassungen“ nutzt. Denn auf die vielen vernetzten Dienste und Prozesse der Organisationseinheit Krankenhaus kann auch eine kurzfristige Bettenaufstockung – zum Beispiel auf Intensivstationen – sehr schnell massive Auswirkungen haben. „Wenn man weiß, dass man eine bestimmte Zahl neuer Fälle hat und wenn man die Auswirkungen kennt, ist eine flexible Anpassung möglich. Man ist dann nicht mehr überrascht, dass mehr Sondermüll anfällt oder mehr Medikamente benötigt werden. Dafür sind eine Datenvernetzung und eine automatisierte Weitergabe genau dann notwendig, wenn irgendwo im Haus eine relevante Information entsteht“, erläutert Kappler. Doch die Defizite sind gerade in der Kommunikation, der Reaktionsfähigkeit auf beispielsweise Patientenzahländerungen, der Verwaltung sowie der IT-Ausstattung vorhanden. Häufig sind fehlende Schnittstellen und veraltete Technologien dafür verantwortlich. Dann können weder die Bedürfnisse des Personals noch die der Patientinnen und Patienten erfüllt werden.
Stand: 08.12.2025
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Die Arbeit an der Studie begann mit der These „Krankenhäuser müssen immer stärker wie Industrieunternehmen funktionieren.“ „Die Industrie 4.0 ist der ‚digitalisierte globale Prototyp‘. Wir haben untersucht, inwiefern Krankenhäuser diesem Modell entsprechen bzw. wie groß die Lücke, der Gap, ist“, begründet Karolin Kappler die These.
Erst durch verschiedene Dienstleistungen und Prozesse wird der medizinische (Kern-)Betrieb von Krankenhäusern ermöglicht. Dazu gehören die Wäschelogistik, Speiseversorgung, Hol- und Bringdienste, Laboruntersuchungen, Arzneimittelversorgung. Das macht Kliniken zu komplexen Organisationen, die auch beim Einkauf von Gütern und externen Dienstleistungen oder dem Recruiting von Arbeitskräften mit vielen anderen Nachfragern auf den globalen Märkten konkurrieren. „Man kann und muss das Krankenhaus also auch als Wirtschaftsbetrieb sehen, in dem es um Wertschöpfung geht, weil viele Prozesse betriebswirtschaftlicher Natur sind“, betont Kappler. „Deshalb wollten wir Technologien und Prozesse, die man von der Industrie 4.0 bereits kennt, mit denen in Kliniken vergleichen und schauen, wo die deutschen Krankenhäuser stehen. Auf jeden Fall haben sie noch sehr viel zu tun.“
Zudem wird dieser Wandel hin zu mehr Digitalisierung nicht günstig. Die Lösungen sind oftmals kurzfristig mit hohen Kosten verbunden. Dennoch führen Zeitersparnisse, vermiedene Doppelarbeiten und die erhöhte Transparenz zu langfristigen sowie nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen.
* Stephan Düppe arbeitet in der Stabsstelle 2 – Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit an der FernUniversität in Hagen.