Übernahmen auf dem Halbleitermarkt: Die bedeutendsten Merger und Akquisen der letzten fünf Jahre (2015-2020)
Das Jahr 2016 hätte, wenn nicht der Rekord-Deal zwischen Qualcomm und NXP geplatzt wäre, alles bis dato dagewesene in den Schatten gestellt. Doch waren die beiden Unternehmen in ihren Plänen nicht alleine: Die Konsolidierungen des Jahres 2015 setzten sich 2016 zunächst nahezu ungebremst fort. In den Jahren danach trat - mit einigen Ausnahmen, noch eine relative Ruhephase ein, ehe im Jahr 2020 eine aufregende Übernahmemeldung der Nächsten folgen würde.
Die 20 bedeutendsten Firmenübernahmen der Halbleiterbranche der letzten 20 Jahre
Microchip erwirbt Atmel (2016/17) und Microsemi (2018)
Nach einem längeren Bieterstreit - zunächst hatte der deutsch-britische Halbleiterhersteller Dialog sich um den kalifornischen MCU-Spezialisten bemüht - ging Atmel 2017 an Microchip über. Ende 2008 hatte Microchip schon einmal versucht gehabt, den Mitbewerber um den Mikrocontrollermarkt zu erwerben.
Microchip hatte bereits durch die gesamten 2000er Jahre hindurch mit diversen Zukäufen sein Portfolio erweitert, sei es durch Konnektivitäts- oder Sensorik-Einkäufe – zwischen 2008 und 2018 verleibte sich Microchip Technologies insgesamt 18 Unternehmen ein. Die plötzliche Übernahme des Mikrocontrollerherstellers 2017 nach einem längeren Bieterstreit mit Dialog Semiconductor kam aber für die Industrie letztlich überraschend: Für 3,56 Milliarden US-$ war die Akquise damals die größte Investition, die Microchip bis dahin getätigt hatte.
Microchip profitierte bei seinem Übernahmeangebot davon, dass das zunächst von Dialog Semiconductor überwiegend in Aktienanteilen vorgebrachte Kaufangebot deutlich an Wert verloren hatte; nachdem geworden war, dass Dialogs wichtiger Kunde Apple einige Zulieferverträge nicht mehr verlängern möchte, brach der Aktienkurs des Unternehmens ein, was die Tür für andere Kaufinteressenten öffnete.
Microchip und Atmel waren bis dato schon für sich einzeln genommen im Feld effizienter 8-Bit-Mikrocontroller marktführend. Seit der Übernahme von Atmel dominiert Microchip mit den PIC- und den AVR-Core-MCU-Familien (Tiny, Mega, Xmega) den Markt für das Low-Tech-Segment: In Anwendungsbereichen, in denen 32- oder 16-Bit überdimensioniert sind ist Microchip seitdem deutlicher Spitzenreiter.
Damit ging auch eine Langzeit-Strategie von Microchip auf: Schon Ende 2008 hatte sich das Unternehmen um eine Übernahme von Atmel bemüht, damals noch erfolglos. Dadurch, dass Microchip sowohl die hauseigene PIC-MCU-Familie als auch die zugekaufte ATiny-Reihe weiterhin pflegt und weiterentwickelt, konnten die Sorgen im Markt beschwichtigt werden, dass Alternativen und Second Sources für 8-Bit-Mikrocontroller durch die Akquise wegbrechen könnten.
2017 konnte sich Microchip in Folge der Atmel-Akquise über das bislang erfolgreichste Jahr der gesamten Unternehmensgeschichte freuen. 2018 setzte das Unternehmen nochmal eins drauf und übernahm Microsemi für 68,78 US-Dollar pro Aktie in bar. Dabei beläuft sich der Gesamtwert des Eigenkapitals auf etwa 8,35 Milliarden US-$ und der Gesamtwert des Unternehmens auf etwa 10,15 Milliarden US-$ . Microchip hatte es in erster Linie auf den umfassenden Bestand an Kommunikationsbausteinen und den diversen für Luft- und Raumfahrt zertifizierten Lösungen im Microsemi-Portfolio abgesehen; darüber hinaus war Microsemi zu diesem Zeitpunkt der drittgrößte Anbieter von FPGA-Lösungen.
Firmenhauptsitz von IDT im kalifornischen San José (Bild von 2016), heute Sitz von Renesas Electronics America.
(Bild: IDT / Renesas)
Renesas hatte an dieser Stelle bereits durch seine Entstehung in Form zweier großer lokaler Merger auf dem japanischen Markt von sich Reden gemacht. In den vergangenen fünf Jahren legte das Unternehmen durch Zukäufe auf dem amerikanischen Markt nochmals ordentlich zu: Fast 10 Milliarden US-$ gab der japanische Halbleiterhersteller Renesas innerhalb von zwei Jahren für zwei Akquisen von in den USA ansässigen Firmen aus.
Marktanalysten zufolge kontrollierte Renesas vor der IDT-Übernahme bereits geschätzte 30% des Mikrocontroller-Marktes im Automotive-Segment, schwächelte bis dahin allerdings bei den Analogbauteilen; eine Schwäche, die durch die Intersil- und IDT-Zukäufe aufgefangen wurde. So steuerte Intersil beispielsweise ein umfassendes Portfolio an Chips zur Steuerung von Batterien in elektrischen und gemischt angetriebenen Fahrzeugen bei, dass ich sehr gut ins bestehende Portfolio an Prozessoren und SoCs für den Automobilmarkt einfügte. Nicht wenige erwarteten, dass Renesas durch die Zukäufe insbesondere die in diesem Feld starke europäische Konkurrenz wie NXP oder Infineon überflügeln könnte. Gleichzeitig baute das Unternehmen speziell durch die Integration von IDT (heute Renesas Electronics America) die Präsenz bei Embedded Systems und im Big-Data-Umfeld deutlich aus.
Stand: 08.12.2025
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Viel schwerer als der Sprung in der Automotive-Industrie wiegt allerdings, dass sich das traditionell hauptsächlich in Japan und im europäischen Markt starke Renesas durch die zwei Firmenübernahmen ein deutlich größeres internationales Standbein geschaffen hat. So besaß beispielsweise Intersil eine große Marktpräsenz in China; mit IDT wurde eine komplett neue Amerika-Tochter geschaffen, die bereits über ein etabliertes Netzwerk im wichtigen US-Markt verfügt.
Die wichtigsten Halbleiter-Akquisen auf dem deutschsprachigen Markt
Die Transaktionssummen mögen, auf dem ersten Blick betrachtet, eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Doch in den letzten beiden Jahren gab es auch auf dem deutschen Chipmarkt drastische Bewegungen, die die einheimische Industrie - womöglich sogar den Weltmarkt - noch eine ganze Weile maßgeblich begleiten werden.
Infineon übernimmt Cypress (2019/2020)
Im Juni 2019 hatte Infineon die geplante Übernahme von Cypress angekündigt, doch herrschte lange Zeit Unklarheit, ob die US-Behörden nicht aus Sicherheitsbedenken ein Veto gegen den Verkauf der amerikanischen Firma einlegen könnten. Im April 2020 gab es dann aber grünes Licht für den größten Zukauf der Infineon-Firmengeschichte.
(Bild: Infineon)
Bis Anfang des Jahres sah es noch so aus, als könnte ein Veto der US-Regierung den Deal noch zu platzen bringen. Doch im März 2020 konnte Infineon den erfolgreichen Abschluss seiner bislang größten Investition verkünden: Für 9 Mrd. Euro übernimmt der deutsche Chiphersteller den amerikanischen Spezialisten für Speicher- und programmierbare SoC-Lösungen. Es war die größte Infineon-Akquisition seit der Abspaltung des Chip-Unternehmens von Siemens im Jahr 1999. Das Unternehmen rückte durch die Cypress-Übernahme vom zehnt- zum zwischenzeitlich achtgrößten Chiphersteller weltweit auf.
Beide Unternehmen sind stark in den Embedded- und Automobilmärkten vertreten. Für Infineon hatte die Akquisition in erster Linie zwei Ziele. Zum einem konnte das Unternehmen sein Chip-Portfolio enorm stärken: Während Infineon stark in Analogtechnologie, Leistungselektronik, Sensorik und Mikrocontrollern für den Automotive-Markt vertreten ist, bringt Cypress neben der erfolgreichen PSoC-Familie an programmierbaren System-on-Chips zahlreiche bewährte Connectivity-Lösungen, bewährte Software-Frameworks und eine umfangreiche Speicherabteilung mit NOR, NAND, SRAM, F-RAM und spezialisierten Speicherchipprodukten mit.
Die Cypress-Übernahme soll nicht nur zur Aufstockung des Infineon-Portfolio von Infineon dienen. Die Übernahme des im kalifornischen San Jose ansässigen Unternehmens soll vielmehr dazu beitragen, dem deutschen Chiphersteller ein besseres Standbein und eine stärker Marktdurchdringung im wichtigen US-Markt zu erreichen.
Die OSRAM-Akquise durch ams (2019/2020)
Nach längerem Hin und her ist die Übernahme erfolgt: Mit letztlich 99,77% stimmte der Aufsichtsrat von Osram dem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit AMS zu.
(Bild: Osram)
Die Ankündigung, dass der LED- und Beleuchtungsspezialist OSRAM einen Käufer sucht, sorgte insbesondere im deutschsprachigen Raum für enormes Aufsehen. Die anhaltende Krise der Automobilindustrie hatte den Kurs des Unternehmens einbrechen lassen. Dass das deutsche Vorzeige-Unternehmen der LED-Industrie einen Investor oder gar Käufer suchte sorgte vor allem im deutschsprachigen Raum für Aufruhr. Was allerdings an den monatelangen zähen Verhandlungen, Bieterstreit und Übernahme-Querelen lag, die diesen ersten Nachrichten folgen sollte.
Im Februar 2019 hatte der Osram-Aufsichtsrat bestätigt, mit den amerikanischen Finanzinvestoren Bain Capital und The Carlyle Group über eine mögliche Übernahme des Unternehmens zu verhandeln. Nach zäh verlaufenden Übernahmegesprächen gaben die Gruppen im Juli 2019 bekannt, eine Vereinbarung getroffen zu haben. Als Kaufpreis wurden 3,4 Milliarden Euro veranschlagt.
Doch kurze Zeit später meldete sich mit dem österreichischen Analog- und Sensor-Spezialisten ams ein weiterer Interessant, die die fast schon als abgeschlossen geltenden Vereinbarungen wieder zum Kippen brachte. Im November sprach sich schließlich der Osram-Aufsichtsrat dafür aus, das Übernahmeangebot von Ams von 4,3 Milliarden Euo zu akzeptieren.
Diese Ankündigung löste weniger auf dem Elektronikmarkt Alarmstimmung aus, als vielmehr bei den Arbeitnehmerverbänden und Gewerkschaften. Ein wichtiger Teil der Verhandlungen mit Bain und Carlyle sei schließlich gewesen, eine Zusicherung der Standorte und eine größtmögliche Erhaltung der Arbeitsplätze zu erreichen. Osram würde zwar amerikanischen Investoren gehören, hätte als Unternehmen aber weitgehend seine Eigenständigkeit behalten. Diese sahen IG Metall und andere Verbände bei einer Übernahme durch ams hingegen nun in Gefahr: Für den Österreichischen Halbleiterhersteller bedeute eine Übernahme von Osram eine deutlich größere finanzielle Belastung, die nur mit hohen Krediten zu bewerkstelligen ist. Infolgedessen fürchteten Betriebsräte, anders als bei Bain & Carlyle mit einer Zerschlagung des Beleuchtungskonzern rechnen zu müssen. Dennoch entschloss sich die Unternehmensführung Anfang des Jahres 2020 für einen Verkauf an ams.
Auf gewisse Weise wächst hier zusammen, was zusammengehört. Nicht nur, weil die Produktpalette der hochspezialierten Speicher von Swissbit mit den Flash-Controllern von Hyperstone gut zusammenpassen. Beide Unternehmen haben zudem gemeinsame Wurzeln.
Swissbit, seit 2001 ein eigenständiges Unternehmen, war 1990 als Hersteller von Arbeits- und Datenspeicher als eine eigenständige Abteilung von Siemens gegründet worden, ehe es nach einem Management-Buyout aus dem Siemens-Halbleiterbereich ausgegründet wurde. Das Unternehmen entwickelt und fertigt seit über 20 Jahren Speicherprodukte wie SD- und microSD-Karten, SSD-Festplatten und USB-Speichermodule für industrielle Anwendungen sowie hardwarebasierten Security-Systeme für Anwendungen im Internet der Dinge.
Auch Hyperstones Wurzeln sind mit diesem alten Halbleitergeschäft des deutschen Elektronikkonzerns verbunden: Das Unternehmen war 1990 vom deutschen Computerpionier Otto Müller in Konstanz gegründet worden; das Hyperstone stellte Anfang der 90er Jahre beispielsweise den ersten 32-Bit-RISC-Prozessor vor, der komplett in Deutschland entworfen und entwickelt worden war. Für die Fertigung der Hyperstone-Produkte arbeitete das Unternehmen in den 90er Jahren eng mit Siemens zusammen. 2003 verkaufte Müller das Unternehmen schließlich an die britische CML-Gruppe. Im Laufe der Jahre verlagerte das Unternehmen sich weg von der Prozessorenentwicklung und hin zu der Produktion hoicheffizienter NAND-Flash-Controller für industrielle Speicherlösungen für Serial ATA (SATA) und Parallel ATA (PATA) Solid-State-Disks (SSDs), Disk-on-Module (DoM), Disk-on-Board (DoB), eingebettete Flash-Lösungen wie eMMC und Flash-Karten wie CF, SD und microSD.
Über den Kaufpreis wurden keine offiziellen Angaben gemacht. Hyperstone soll auch unter dem Banner von Swissbit ein eigenständiges Unternehmen bleiben. „Mit Swissbit gewinnen wir einen Gesellschafter, der unsere Märkte und Technologien versteht. Gerade aus dieser Kenntnis heraus ist sichergestellt, dass wir unabhängig im Markt agieren können“, erklärte Dr. Jan Peter Berns, Geschäftsführer von Hyperstone.
Nach eigenen Angaben kann Swissbit durch die Akquisition seine Position als unabhängiger europäischer Hersteller von Speicher- und Security-Produkten ausbauen. „Der Schwerpunkt gemeinsamer Entwicklungsprojekte werden wir auf innovative Lösungen im attraktiven Wachstumsmarkt für Security und Embedded IoT legen“, sagt Silvio Muschter, CEO von Swissbit. Mit „Best-in-Class-Produkten“ wolle man die schnell wachsenden Anforderungen von Kunden an die Sicherheit von Daten und Geräten im Internet der Dinge erfüllen. „Mit dem Erwerb von Hyperstone stärken und vertiefen wir nicht nur unsere Wertschöpfungs-, sondern auch unsere Technologiekette. Das wird alle Kunden freuen, die für anspruchsvolle Anwendungen einen vertrauensvollen Anbieter insbesondere von höchst zuverlässigen Security-Produkten „Made in Germany“ suchen“, so Muschter weiter.
Analog Devices übernimmt Linear Technologies (2016) und Maxim Integrated (2020)
Hatte sich Texas Instruments mit großen Übernahmen zwischen 1999 und 2011 die Dominanz im Analogmarkt verschafft, rollt Analog Devices auf ähnliche Weise in den letzten 5 Jahren das Feld auf: Nach der 14,8 Mrd. US-$ schweren Übernahme von Linear Technologies im Jahr 2016 ließ sich das Unternehmen die Akquise von Maxim Integrated stolze 21 Mrd. US-$ kosten.
(Bild: Maxim Integrated)
Der Markt für analoge Halbleiter wurde in den letzten zehn Jahren überwiegend von denselben zehn Unternehmen dominiert, ohne dass es wesentliche Änderungen gegeben hätte. Texas Instruments rangiert bei den meisten Analysten in diesem Bereich weiterhin deutlich vor allen anderen Unternehmen, mit jährlichen Umsätzen von etwa 10 Mrd. US-$ - was lange Zeit mehr war, als die drei nächsten folgenden Unternehmen zusammen aufwarten konnten. Im Jahr 2000 hatten sich schon erste Konsolidierungen in diesem Halbleitersegment abgezeichnet; Analysten wie IC Insights vermuteten schon länger, dass diese Bestrebungen sich früher oder später forcieren würden.
ADI hatte in seiner bis dato 50-jährigen Unternehmensgeschichte bereits eine Reihe von Meilensteinen im Bereich der analogen Halbleiter auf den Weg gebracht: 1974 erschien mit dem AD520 der erste monolithische Instrumentenverstärker. 1978 brachte ADI den ersten monolithischen A/D-Wandler auf den Markt, den AD571. Der 1980 auf den Markt erschienene AD574 wurde zum de facto Industriestandard für 12-Bit-A/D-Wandler mit Mikroprozessor-Schnittstelle. In den späten 1980er Jahren führte ADI eine Reihe von DSP-ICs ein. Dennoch gelang es Texas Instruments im Laufe der ersten Dekade der 2000er, immer weiter vom Rest des Feldes davonzuziehen.
Demnach sorgte es in dieser Branche für einen „Doppel-Knall“, als Analog Devices in zwei milliardenschweren Transaktionen seine Aktivitäten drastisch ausbaute. 2016 kaufte sich die damalige Nummer 4 der weltweiten Analog-Rangliste für eine Summe von rund 14,8 Mrd. US-Dollar beim Mitbewerber Linear Technologies ein (damals Nummer 8 im Ranking), wodurch das Unternehmen schlagartig zum zweitstärksten Anbieter von Analog-Bausteinen weltweit wurde -allerdings immer noch mit einem Umsatzvolumen, dass etwa bei der Hälfte von Texas Instruments in jenem Markt lag. Die Synergien haben freilich nicht nur im Analogbereich zugelegt: Beide Unternehmen bedienten gleichermaßen Industrie, Automotive und Kommunikations-Infrastruktur und hatten ein ähnliches Produktportfolio, das Interface-Bausteine, Verstärker, Wandler, Taktgeber und HF-Lösungen umfasst. ADI profitierte insbesondere von Linears Power-Management-Angebot. Insgesamt rechnete ADI durch die Akquise mit einer Marktverdoppelung von 8 auf 14 Mrd. US-Dollar; davon vielen etwa 5,5 Mrd. US-$ allein auf den Analog-Sektor.
In den folgenden Jahren schien sich dennoch an den Marktanteilen im Analog-Sektor wenig zu bewegen – bis ADI vier Jahre später mit einer weiteren Akquisition aufhorchen ließ: Am 13. Juli 2020 gab Analog Devices bekannt, für insgesamt 21 Mrd. US-$ Maxim Integrated zu übernehmen . Maxim belegte zu diesem Zeitpunkt unter den analogen IC-Anbietern weltweit den 7. Rang. „Unsere Vision ist es, eine Brücke zu schlagen zwischen der physischen und der digitalen Welt“, sagte Vincent Roche, Präsident und CEO von ADI, anlässlich der Übernahme. Mit dem kombinierten Portfolio wolle man sich noch breiter aufstellen und von Maxims starken Mixed-Signal- und Power-Management-Bereichen profitieren. Während ADI bis dato vor allem im Automotive-Bereich und gerade im aufstrebenden Rechenzentrums-Markt fest etabliert ist, baut die Übernahme von Maxim das Standbein vor allem in der Medizintechnik und im Kommunikations-Umfeld stärker aus. Das gemeinsame Portfolio werde laut Angaben von Analog Devices mit 50.000 Produkten ein breites Spektrum für Anwendungen von Gleichspannung bis 100 GHz, Nanowatt bis Kilowatt sowie vom Sensor bis in die Cloud abdecken.
Für die verbleibenden Unternehmen im Analog-Markt wird die nun Luft zunehmend dünner: Rechnet man die erzielten Umsätze von ADI und Maxim für das Jahr 2019 zusammen, kommen die beiden Unternehmen auf ein Gesamtvolumen von über 7 Mrd. US-$ (ADI spricht von angepeilten 8 Mrd. US-$ für 2020) und einen Marktanteil von 15%. Das ist nun mehr als die Hälfte von dem, was Spitzenreiter Texas Instruments einfährt (10,22 Mrd. US-$ Umsatz, 19% Marktanteil im Jahr 2019; 14,8 Mrd. US-$ prognostiziert für 2020). Damit machen beide Unternehmen unter sich bereits über ein Drittel des gesamten Marktes aus – und setzen sich immer deutlicher vom Rest des Feldes ab: Die aktuelle Nummer 3 im Analog-Markt, der deutsche Anbieter Infineon, kam im Vergleich dazu 2019 ‚nur‘ auf 3,755 Mrd. US-$ und 7% Marktanteil. Eines scheint sicher: Die Konsolidierung im Geschäft der analogen Halbleiter, die bereits Anfang der 2000er Jahre eingesetzt hat, dürfte auch in den folgenden Jahren noch weiter fortschreiten.
CPU + FPGA: AMD kauft Xilinx (2020)
Bild vom Xilinx-Firmenhauptsitz in San Jose (Foto von 2007). Für 35 Milliarden US-$ plant Prozessorhersteller AMD, der seit 2016 sich wieder zu neuen Höhenflügen aufschwingt, sich den Weltmarktführer für programmierbare Logikbausteine einzuverleiben.
In den Jahren zuvor hatten schon mehrmals Gerüchte die Runde gemacht, dass führende Chipunternehmen weltweit am FPGA-Marktführer Xilinx interessiert seien. Dennoch kam die Ankündigung, dass Prozessorhersteller AMD den Spezialisten für Programmierbare Logik für 40 Mrd. US-$ übernehmen möchte, durchaus überraschend. Vor allem wenn man bedenkt, wie radikal sich durch diese Übernahme das Machtgefüge in einigen Teilmärkten verschieben dürfte.
AMD hatte sich bis Anfang der 2000er Jahre zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Intel auf dem Markt für Desktop-PCs auf Basis einer x86-kompatiblen Prozessorarchitektur entwickelt. Doch einige schwache Investitionen und technische Fehlgriffe wie die „Bulldozer“-Mikroarchitektur hatten dem CPU-Anbieter stark zugesetzt, zwischenzeitlich forderten Investoren gar eine Aufspaltung des Unternehmens in separate GPU- und CPU-Geschäfte. Doch Geschäftsführerin Lisa Su konnte das Ruder herumreißen: Seit der 2016 erfolgten Einführung der „Zen“-Mikroarchitektur ist AMD wieder im Rennen - und läuft sowohl bei Prozessoren für den Desktop- als auch den Embedded-Markt in Preis und Leistung Konkurrenten wie Intel zunehmend den Rang ab.. AMD ist es gelungen eine CPU-Familie auf den Markt zu werfen, die nicht nur der aktuellen Intel-Core-Generation in zahlreichen Benchmarks überlegen scheint, sondern auch noch zu einem günstigeren Baustein-Preis verfügbar ist.
Die Übernahme von Xilinx ist dabei eine weitere, insbesondere an Intel gerichtete Kampfansage. Denn das Halbleiter-Urgestein hatte sich 2015 für 16,7 Mrd. US-$ mit Altera die Nummer 2 auf dem FPGA-Markt einverleibt. Ziel der Akquise war, mit dem fortan unter dem Namen Intel PSG (Programmable Solutions Group) firmierenden Unternehmen einen Ausbau des Geschäfts speziell für Rechenzentren voranzutreiben – die programmierbaren, vor allem auf paralleles Computing optimierten FPGA-Bausteine können hier bei Datenbereitstellung und Steuerung der Kommunikationskanäle den Hauptprozessoren deutliche Arbeitslasten abnehmen. Auch für die Hardwarebeschleunigung, das Training und die Inferenz von künstlicher Intelligenz haben FPGAs gegenüber klassischen CPUs deutliche Vorzüge aufzuweisen. AMD hatte in den letzten Jahren seinen Stellenwert in Rechenzentren verloren und konnte zwischenzeitlich weniger als 1% des HPC-Marktes für sich beanspruchen.
Xilinx, dass nach verschiedenen Schätzungen alleine bereits mehr als die Hälfte des Weltmarktes für Programmierbare Logikbausteine für sich beansprucht (laut einer Gartner-Analyse aus dem April 2019 liegt der Anteil bei 51,1%), kommen diese Pläne im Grunde genommen gerade Recht. Die neuste High-End-FPGA-Plattform des Unternehmens, die 2019 eingeführte Adaptive Compute Acceleration Platform (ACAP), richtete sich bereits gezielt an einen Einsatz in Rechenzentren. Unter CEO Victor Peng verfolgte Xilinx immer stärker eine Strategie, sich nicht mehr „nur“ am direkten Wettbewerb mit anderen FPGA-Herstellern zu messen, sondern stärker in Konkurrenz mit Unternehmen zu treten, die speziell im Data Center oder beim Autonomen Fahren beheimatet sind – wie etwa NVIDIA. Zusammen mit AMD ist hierfür nun eine wesentlich stärkere Schlagkraft vorhanden.
Für den Endverbrauchermarkt eine besonders spannende Entwicklung: Die zwei größten FPGA-Anbieter der Welt befinden sich nun in der Hand der beiden größten Konkurrenten auf dem Markt für CISC-basierte x86-Prozessoren. Dies mag einerseits neue Synergien wecken, andererseits aber Sorge hervorrufen. Seit 2014 hatten Intel und Altera bereits Pläne verfolgt, die High-End-FPGA-Familie Stratix 10 mit der Xeon-CPU-Reihe an Prozessoren fürs Rechenzentrum zu verheiraten und in Form eines einheitlichen Chips zu präsentieren. Xilinx, als Spezialist für Multiprozessor-SoCs, hat zumindest in diesem Feld ein geschicktes Händchen bewiesen, wenn auch bislang nicht in dieser Größenordnung. Gelingt AMD und Xilinx nun gemeinsam, was Intel in den vergangenen sechs Jahren noch nicht weiter vorangebracht hat?
Ob AMD damit Erfolg haben wird? Das Unternehmen hatte schon einmal mit einer rekordverdächtigen Akquise auf sich aufmerksam gemacht, als es 2006 für den (für damalige Verhältnisse) hohen Kaufpreis von 5,6 Mrd. US-$ den GPU-Spezialisten ATI einverleibte. Der Kauf kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn 2007 setzte im Halbleitermarkt eine Rezession ein, die das geschwächte AMD kalt erwischte. 2008 beschloss das Unternehmen daher, zu einem Fabless-Anbieter zu werden und seine Fertigungsstätten in ein eigenes Unternehmen auszugründen; aus diesem Schritt ging der Auftrags-Halbleiterhersteller Globalfoundries hervor.
Ebenfalls 2020 erfolgte übrigens die für 10 Mrd. US-$ angesetzte Übernahme des Netzwerkspezialisten Inphi durch die Marvell-Gruppe. Es sagt viel über das Jahr 2020 aus, dass eine solche Summe - die vor 10 Jahren noch alles dagewesene in den Schatten gestellt hätte - im Vergleich zu anderen Mergern & Akquisen beinahe untergeht. Der Rekord-Deal des Jahres - und möglicherweise in der Industrie überhaupt - sollte es auf die Vierfache Transaktionssumme bringen.
NVIDIA schluckt ARM (2020)
Campus des ARM Hauptquarties im britischen Cambridge: Die Übernahme des Prozessor-IP-Anbieters durch GPU-Spezialist NVIDIA hat für ein wahres Erdbeben im Markt gesorgt. Zahlreiche Hersteller, die die effiziente Prozessor-IP von ARM lizensieren, fürchten um einen freien Zugang zu den neuesten und effizientesten Iterationen der Prozessorarchitektur. Sollten die internationalen Wettbewerbshüter ihren Segen geben, wäre die 40 Mrd. US-$ schwere Akquise die bislang teuerste Firmenübernahme in der Geschichte des Halbleitermarktes.
Für Nvidia ist die Ankündigung der vorläufige Höhepunkt eines enormen Aufstiegs. Anfang der 2000er Jahre war das Unternehmen in erster Linie als Hersteller von Grafikkarten für Desktop-PCs ein Begriff. Die Kunden stammten überwiegend aus dem Gaming-Markt. Noch 2011 verbuchte das Unternehmen einen jährlichen Umsatz von knapp 3,9 Milliarden US-$. Doch mit der zunehmenden Bedeutung an KI-Technologie ist auch das Interesse an NVIDIA gewachsen. Allein im zweiten Quartal des Jahres 2020 setzte das Unternehmen bereits 3,46 Mrd. US-$ um , nachdem es bereits im ersten Jahresviertel mit über 3 Mrd. US-$ ein Rekordquartal aufgestellt hatte. Das Fabless-Unternehmen zählt inzwischen zu den zehn umsatzstärksten Halbleiterherstellern der Welt, an der Börse ist die Firma inzwischen mehr Wert als das Branchen-Urgestein Intel. Die 40 Mrd. schwere Übernahme des gerade für den Embedded-Markt enorm wichtigen Prozessorentwicklers ARM dürfte diese Wachstumstendenz noch einmal enorm anschieben.
Doch die Ankündigung sorgte in der Branche für massiven Widerstand. Denn anders als Nvidia ist Arm nicht einfach ein weiterer Fabless-Chiphersteller. Das Geschäftsmodell des Prozessorentwicklers basiert darauf, die IPs seiner ARM-Prozessorarchitektur an andere Hardwarehersteller zu lizenzieren, ohne mit diesen dabei in einen direkten Wettstreit zu treten. Mit dem gesteigerten Bedarf an besonders energieeffizienten Prozessoren im Embedded-Markt legte die Bedeutung des seinerzeit noch unabhängigen IP-Anbieters enorm zu. 2012 machten ARM-basierte Chips etwa 95% aller Prozessoren auf dem boomenden Smartphone-Markt aus. Mittlerweile ist hier die Dominanz zwar merklich geschrumpft – im kombinierten Smartphone- und Tablet-Markt war Arm 2019 mit geschätzten 43% aber immer noch deutlich Marktführer (vor Qualcomm mit 36% und Apple mit 12%) in dem . Dafür hatte das Unternehmen im gesamten Embedded-Spektrum (wo Arm-Architekturen bereits 2015 stolze 37% des Marktes ausmachten) als auch in Rechenzentren, speziell bei Prozessoren für Hochleistungs-Computing, noch einmal stark zugelegt. Die chinesische Halbleiterindustrie, die etwa 9% des gesamten Marktes ausmacht, setzt besonders stark auf Arm-Technologien.
Ob es sich um Namen wie Qualcomm, Broadcom, NXP, Infineon, ST Microelectronics, Huawei, Samsung oder gar Intel handelt – nahezu jeder der namhaftesten Halbleiterhersteller der Welt verwendet Bausteine auf Basis einer ARM-Architektur in seinem Portfolio. Dass nun mit NVIDIA ein signifikanter Mitstreiter aus diesem Segment die begehrte Prozessorarchitektur kontrollieren soll, stößt dementsprechend im Markt auf entsprechende Ablehnung.
Nvidia hat nun allerdings vor, verstärkt durch die Arm-Technologie seine Präsenz in Feldern wie Rechenzentren, Hochleistungscomputing, Künstliche Intelligenz im Allgemeinen oder autonomen Fahren auszubauen – allesamt Felder, in denen auch Intel, Qualcomm oder Broadcom mir ARM-basierten Produkten vertreten sind. Samsung und der chinesische Huawei-Konzern sorgen sich hingegen um den Tablet-, Smartphone- und PC-Markt, dessen Entwicklung maßgeblich von den verschiedenen Generationen der Arm-Architekturen angetrieben wurde – und an dem Nvidia wenig Interesse zeigt.
Noch ist unklar, ob die Kartellbehörden der wichtigsten Märkte – USA, Europa, China – die Übernahme letztendlich gestatten werden. Nvidia-Chef Jensen Huang zeigt sich zwar zuversichtlich. Doch die chinesische Tech-Industrie macht sich bereits bei der einheimischen Regulierungsbehörde dafür stark, sich gegen eine entsprechende Freigabe auszusprechen. Gleichzeitig mutmaßen zahlreiche Marktbeobachter, dass viele Chip- und System-Entwickler von der Arm-Architektur weitgehend weg zur quelloffenen Konkurrenz RISC-V migrieren dürften. Egal, ob die Firmenübernahme letztlich abgesegnet wird oder nicht – die Nachwehen dieses Bebens dürften in jedem Fall auf Jahre hin spürbar bleiben.
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