Nach 111 Jahren immer noch up to date Die Stromschiene: Wie sie die Industrie bis heute prägt

Von Kristin Rinortner 4 min Lesedauer

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Vor 111 Jahren erdachte Paul Vahle die Stromschiene. Eine revolutionäre Entwicklung, die in den 1910er-Jahren die Elektrifizierung vorantrieb. Auch heute noch hat die Stromschiene das Potenzial, die industrielle Stromversorgung zu revolutionieren – mit der Gleichstromschiene.

Revolution für den Energiesektor: Die Stromschienenlogistik war 1933 noch ein echter Kraftakt. (Bild:  Vahle)
Revolution für den Energiesektor: Die Stromschienenlogistik war 1933 noch ein echter Kraftakt.
(Bild: Vahle)

Als Betriebsleiter der Dortmunder Eisen- und Stahlwerk Hoesch AG ärgert es Paul Vahle Anfang der 1910er-Jahre über alle Maßen, dass die Produktion immer wieder stockt, weil elektrische Maschinen wegen eines Kurzschlusses ausfallen. Ursache sind die offenen Rundkupferleitungen, mit denen die Anlagen in den frühen Jahren der Elektrifizierung mit Energie versorgt werden.

Gerade bei beweglichen Geräten wie Kranen kommen die stromführenden Kabel regelmäßig ungewollt miteinander in Kontakt und überlasten so die Systeme. Ein Problem, das den Dortmunder auch nach Dienstschluss nicht loslässt. Also macht er sich in seiner Freizeit kurzerhand an eine Lösung. Die erweist sich als so überzeugend, dass sie bis heute – 111 Jahre nachdem Vahle sie patentieren ließ – im Einsatz ist: die Stromschiene.

Der Beginn der Elektrifizierung Anfang des 20. Jahrhunderts

Nach der ersten Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts sorgt die Elektrifizierung für den nächsten gewaltigen Entwicklungsschub der Wirtschaft. Nachdem die großen Unternehmen Kohle und Dampf als Energieträger bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch elektrische Energie ersetzt hatten, ziehen die kleinen und mittleren Betriebe nun peu à peu nach.

Vahle erkennt schnell den Wert seiner Erfindung. Ohne großen Vorlauf, aber mit einem erfolgversprechenden Patent in der Tasche, setzt er alles auf eine Karte und gründet am 9. April 1912 sein eigenes Unternehmen, die VAHLE OHG mit Sitz in Dortmund-Brackel.

Die Ehefrauen halten das Unternehmen am Laufen

Bild 1: Das Unternehmerehepaar Helene und Paul Vahle um 1920. (Bild:  Vahle)
Bild 1: Das Unternehmerehepaar Helene und Paul Vahle um 1920.
(Bild: Vahle)

Das Unternehmen wächst Jahr für Jahr. Als der Erfinder der Stromschiene 1926 stirbt, übernimmt dessen Frau Helene die Leitung der inzwischen 14 Jahre alten, gut laufenden Firma. Die stößt produktionstechnisch mittlerweile an ihre Grenzen, sodass 1929 zusätzliche Werkhallen in Dortmund-Brackel angemietet werden müssen.

Helene Vahle wird bei der Unternehmensführung zu dieser Zeit bereits tatkräftig von ihrem Sohn Paul Werner unterstützt, der den elterlichen Betrieb 1932 schließlich übernimmt.

Die Wirren des Zweiten Weltkriegs, der ab September 1939 tobt, lassen auch VAHLE nicht unberührt. Paul Werner wird zum Militärdienst eingezogen und gerät 1945 in Kriegsgefangenschaft, aus der er erst vier Jahre später nach Dortmund zurückkehrt. Und wieder war es eine Frau, diesmal Paul Werners Ehefrau Maria, die den Betrieb währenddessen erfolgreich auf Kurs hält und ausbaut. So zählt das Unternehmen 1936 bereits mehr als 30 Mitarbeiter.

Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit

Kräftig profitiert das Unternhmen dann vom wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit: Der Umsatz vervielfacht sich binnen weniger Jahre, während die Zahl der Mitarbeitenden auf mehrere Hundert klettert. Auch räumlich expandiert man und kauft ein Grundstück an der Westicker Straße in Kamen, an dem bis heute der Hauptfirmensitz liegt.

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelt das Unternehmen Produkte wie die Leichtmetallschiene oder Stromschienen für Elektrohängebahnen und stellt damit unter Beweis, dass es vom Innovationsgeist des Firmengründers und Namensgebers über die Jahre nichts eingebüßt hat.

Gegen Ende des Jahrtausends konzipiert die Firma ein System zur induktiven Energieübertragung für bewegliche Anwendungen in der Fördertechnik – eine Technik, die längst nicht mehr nur in der Industrie zum Einsatz kommt, etwa zur Stromversorgung fahrerloser Transportsysteme, sondern auch im Alltag, beispielsweise zum Laden von Smartphones.

Von der Magnetschwebebahn in Shanghai zu Dubais Riesenrad ALN

Heute, 111 Jahre nach ihrer Gründung, ist die Paul Vahle GmbH & Co.. KG mit rund 850 Mitarbeitenden einer der weltweit führenden Hersteller leistungsfähiger Energie-, Datenübertragungs- und Automatisierungssystemen und setzt internationale Großprojekte um. Unter anderem beteiligte sich das Unternehmen bereits in den 1980er-Jahren am Forschungsprojekt zur Magnetschwebebahn Transrapid, die in Shanghai seit 2001 über Stromschienen des Unternehmens schwebt.

Das imposanteste Projekt, an dem die Kamener als Partner beteiligt sind, steht in Dubai: das Riesenrad AIN Dubai, das mit einer Höhe von 260 m das weltweit höchste und größte ist. Sonderangefertigte Stromschienensysteme versorgen die 48 Luxus-Kabinen nebst den 65.000 LEDs des Riesenrads verlässlich mit Strom und verhindern Schäden infolge von Blitzeinschlägen.

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Auch an vielen Häfen geht ohne die Strom- und Datenübertragungssysteme der Kamener nichts mehr. Unter anderem elektrifizierte und automatisierte man den Port of Felixstowe, Großbritanniens geschäftigsten Containerhafen. Die Umrüstung der Anlagen in sogenannte Green Ports sind wohl die sichtbarsten Beispiele für das Engagement in puncto Nachhaltigkeit und machen eine weltweit spürbare CO₂ Reduktion möglich.

Paradigmenwechsel in der Stromversorgung: Die Gleichstromschiene

Seine Ambitionen, die industrielle Stromversorgung nachhaltiger zu gestalten, unterstreicht das Kamener Unternehmen durch sein Engagement in zahlreichen Forschungs- und Förderprojekten zur Entwicklung der Gleichstromschiene – einer Technik, die das Potenzial hat, die industrielle Stromversorgung erneut zu revolutionieren. In diesem Zusammenhang hat das Unternehmen als Konsortialführer des Gemeinschaftsforschungsprojekts „effiDCent“ ein System für gleichstromgespeiste Schienen entwickelt, das einem Paradigmenwechsel in der industriellen Stromversorgung gleicht und im Betrieb mehr als zehn Prozent Energie einspart.

Smart Collector – intelligenter Stromabnehmer

Bild 2: VAHLE setzt mit dem Smart Collector neue Maßstäbe bei der Anlagenanalyse und macht als erster eine vorausschauende Wartung möglich.(Bild:  Vahle)
Bild 2: VAHLE setzt mit dem Smart Collector neue Maßstäbe bei der Anlagenanalyse und macht als erster eine vorausschauende Wartung möglich.
(Bild: Vahle)

Auch mit dem Smart Collector, dem laut Unternehmen weltweit ersten intelligenten Stromabnehmer, beweisen die Kamener, dass sie den Erfindungsgeist nicht verloren haben. Der Smart Collector ist in der Lage, parallel zum Betrieb der Anlage Analysedaten über den Zustand der Stromschienen sowie der gesamten Anlage zu sammeln. Somit erkennt er abzusehende Störungen, verhindert ungeplante Stillstände und gewährleistet dadurch einen reibungslosen Produktionsablauf.

„Die Möglichmacher“ der industriellen Revolutionen

„VAHLE war immer ein ‚Möglichmacher‘, der mit seinen Produkten die Industrielle Revolution vorangetrieben und zahllose Entwicklungen angestoßen hat“, betont Achim Dries, CEO der VAHLE Gruppe. „Diese Denkweise und der Anspruch, uns stetig weiterzuentwickeln, sind immer noch fest in der Unternehmens-DNA verankert. Unser Innovationsgeist ist auch nach 111 Jahren ungebrochen und nach wie vor unser Antrieb.“

Kundenansprüche aufzugreifen und sie in effiziente, nachhaltige und sichere Prozesse umzusetzen – das ist gestern wie heute die Maxime der Kamener. (kr)

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