Körpersprache richtig deuten

Die Pinocchio-Nase im Blick – Lügen im Vorstellungsgespräch

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Empathie und Logik sind gefordert

Wer dann als Personalverantwortlicher zusätzlich bedenkt, dass bei Bewerbungsgesprächen ein erhöhter Stresspegel besteht (erkennbar z.B. an feuchtem Händedruck oder belegter Stimme), und dass sich dieser in der Regel bei introvertierten Personen noch deutlicher bemerkbar macht, als bei Extrovertierten, dem werden im Gespräch tatsächlich Hinweise gegeben, die auf Unwahrheiten und Täuschungen deuten können. Denn wenn man, ausgehend von dieser zu Gesprächsbeginn „geeigneten“ Null-Linie, der sogenannten Base Line, deutliche Ausschläge sieht, kann man annehmen, dass da was nicht stimmt.

Dann kommt zu den feuchten Handflächen oder der belegten Stimme womöglich noch ein erhöhter Pulsschlag hinzu, der den Hemdkragen wie ein Zweitakter erzittern lässt. Wichtig ist hier wieder die Einbettung in den Gesamtzusammenhang: ist der Bewerber nervös, weil ihn eine Frage in die Zwickmühle gebracht hat oder muss er ganz dringend aufs Klo?

Auch hier können Körpersignale einen Hinweis geben. Beruhigt sich „der zittrige Zweitakter am Hemdkragen“ nach einer Minute wieder, spricht es dafür, dass der Gesprächspartner tatsächlich an einem heiklen Punkt getroffen wurde, ist der erhöhte Pulsschlag 20 Minuten zu sehen, deutet einiges auf ein kaum zu unterdrückendes menschliches Bedürfnis hin.

Verräterische Indizien identifizieren

Professionelle Körpersprache-Experten suchen nach sogenannten Clustern, also einer Ansammlung von Indizien (Bewegungen, Mimik, Sprache etc.), die die Aussage eines Anderen stimmig wirken lassen bzw. eben nicht. Einzelne Beobachtungen ohne nachfolgende Bestätigung sind dabei bestenfalls Hinweise auf eine Lüge, mitnichten aber ein Beweis dafür.

Ein wesentlicher Punkt, um Stress zu erzeugen – und damit Indizien für eine Lüge zu erhalten – ist dabei das Überraschungsmoment. Wer dann die Reaktion anhand der Signale und des Kontextes richtig einzuordnen weiß, kann dann tatsächlich erkennen. Wenn etwa bei der Ausführung des Personalers, dass dem Bewerber zwar ein 39-Stunden-Vertrag angeboten würde, aber aufgrund der außertariflichen Bezahlung unbezahlte Mehr-Arbeit verlangt werde, dieser seine Nase rümpft, als wäre er in einen Hundehaufen getreten (der Bewerber also Ekel / Geringschätzung zeigt), könnte dies auf eine Beamtenmentalität hindeuten, auch wenn er das Ansinnen der Firma hier formal mit „kein Problem“ kommentiert.

Auch die Stimme liefert Indizien, denn wird man überrascht, sprich: unter Stress gesetzt, geht dies oftmals mit einem Höherwerden der Stimme, einer Zunahme des Sprechtempos und einer abnehmenden Deutlichkeit einher. Männer verfallen dann auch gerne mal in ihren tiefsten und schönsten Bariton, um jemanden „einzuseifen“. Selbst die Wortwahl gibt verräterische Indizien darauf, dass der Gesprächspartner nicht die vollumfängliche Wahrheit präsentiert.

Für eine bessere Selbstdarstellung bspw. lügen Männer tendenziell eher über sich, während Frauen dazu neigen, die Situation oder andere Personen nicht der Wahrheit entsprechend darzustellen. Fragt man etwa, warum das letzte Arbeitsverhältnis beendet wurde, antworten viele Männer im Sinne von „da war ich unterfordert. Obwohl ich als Manager eingestellt war, habe ich dort de facto als Sachbearbeiter gearbeitet“.

Eine Frau würde bei ähnlich gelagerten Umständen eher behaupten, sie sei dort schlecht eingearbeitet und/oder gemobbt worden. Während Frauen oft ins Passiv wechseln, wenn sie Aspekte nicht korrekt darstellen, verfallen Männer eher in den Superlativ („ich war der beste Finanzvorstand, den das Unternehmen je hatte“).

Das sind Punkte, an denen Personaler misstrauisch werden sollten. Insgesamt sind bei der Bewertung von Indizien und Kontext aber immer sowohl Empathie als auch Logik gleichermaßen gefordert.

Lebenslügen – also solche, die immer und immer wieder (wie etwa bei Vorstellungsgesprächen) erzählt werden – sind kaum zu detektieren, da sie vom Betreffenden selbst nicht mehr als Lügen wahrgenommen werden, weil er sie fast nahtlos in seine Lebenswahrnehmung eingewebt hat.

So lässt sich festhalten: Lügen sind an sich nichts Negatives, sondern eine ganz normale Sache, die die Gesellschaft am Laufen halten. Aber mit der Analyse von Körpersprache und Emotionen wird ein Bewerber transparenter und ganzheitlicher. Denn das Entscheidende ist letztlich nicht das „wahr oder unwahr“, sondern warum jemand gelogen hat. Wer den Auslöser dafür erkennen kann – Angst, Schuld, Freude oder Wunsch, sich einen Vorteil verschaffen zu wollen? –, der kann schließlich zu einem Punkt kommen, an dem sich die Wahrheit offenbart.

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* Norbert Burkhard ist Experte für Körpersprache und Geschäftsführer von motion2read

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