Bauteileentwicklung

Die Halbleiterindustrie in der Midlife-Krise

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Angesichts dieser bescheidenen Verhältnisse ist es erstaunlich, dass die EU ausgerechnet die Halbleiterproduktion in Europa fördern will. 2013 wurde von der damaligen Vizepräsidentin der Kommission, Neelie Kroes, angekündigt, dass die EU und die Halbleiterindustrie über die nächsten sieben Jahre zusammen 10 Mrd. Euro an Investitionen aufbringen wollen/sollen, um den Anteil Europas an der weltweiten Chipfertigung auf 20% zu heben. Ebenso sollen 5 Mrd. Euro in das Komponenten- und Systemdesign investiert werden (50% davon durch die Industrie), wohl auch mit dem Ziel, verlorenes Terrain wieder gut zu machen.

Die Ziele sind löblich:

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  • Den weiteren Verlust an Marktanteilen verhindern,
  • Europas Führerschaft in Bereichen wie Embedded Systems, Energieeffizienz, komplexen elektronischen Systemen oder der Halbleiterfertigungstechnologie aufrecht zu erhalten,
  • die Umwelt, Energieeffizienz und die allgemeine Sicherheit zu verbessern,
  • die Förderung von Forschung und Entwicklung,
  • die Förderung neuer Anwendungsbereiche durch die Förderung des europäischen Mittelstands,
  • die Bildung einer strategischen Innovationsinitiative.

Inwieweit sich dies tatsächlich auf die europäische Rolle im globalen Halbleitermarkt auswirkt, bleibt abzuwarten. Die bereits genannten Prognosen deuten darauf hin, dass sich weder die Marktforscher noch die von ihnen befragten Unternehmen einen kurz- oder mittelfristigen Impuls davon erwarten.

Dabei ist es nach unserer Erfahrung (die im FBDi organisierten Distributoren) tatsächlich so, dass die europäische Industrie (Industrial, wie oben beschrieben) das technische wie das wirtschaftliche Potenzial hat, in ihren Segmenten am Weltmarkt mitzuspielen und dies auch tut. Doch wenn dieses Segment als Komponentenverbraucher nur 10% vom Weltmarkt darstellt (Europas Anteil: 25%), wird auch ein zweistelliges Wachstum Europa insgesamt keine führende Rolle als Markt sichern. Und warum 20% aller Halbleiter in Europa produziert werden sollen (heute 10%), wenn Europa nur 10% des Marktes hat, kann mit Versorgungssicherheit nicht erklärt werden, und schon gar nicht mit Arbeitsplätzen, denn die Chipproduktion ist nicht Job-intensiv.

Besser wäre wohl eine noch breitere Anwendungsförderung in Segmenten, in denen Europa tatsächlich führend ist oder führend sein könnte: Sensorik, Regeltechnik, Messtechnik, Antriebstechnik, Industrieautomation, Gebäudemanagement, Energieerzeugung, Lichttechnik, Verkehrstechnik und viele andere. Vielleicht sind auch deutlich mehr politische Vorgaben notwendig, um endlich Infrastrukturprojekte mit hohem Elektronikgehalt voranzubringen. Nicht allein, um den Standort zu sichern, sondern um tatsächlich etwas voranzubringen in Europa.

Die deutsche Automobilindustrie hat es vor über 20 Jahren vorgemacht, als sie durch gesetzliche Vorgaben immer mehr Elektronik ins Auto packen konnte und so die Attraktivität deutscher Autos auf dem Weltmarkt zusehends fördern konnte: ABS, ESP, Diebstahlsicherung und so weiter. Europa ist der größte Markt für Kfz-Halbleiter (allein Deutschland erfreut sich eines Anteils von über 20% am weltweiten Bedarf) und wird es auch in der Zukunft bleiben. Möglicherweise wäre dies ein Modell für eine Initiative „Internet of Everything“, getrieben durch klare gesetzliche Vorgaben, die mehr Automatisierung, Regelung, Messen und Fühlen nötig machten – weit über das heutige Maß hinaus.

Führend in Europa ist die Automobilindustrie

Fazit: Der Halbleitermarkt in Europa hat über die letzten 10 Jahren die Dynamik früherer Jahre vermissen lassen und wird wohl auch in den nächsten 10 Jahren kaum die Anwendungen aufbringen, die stückzahlmäßig mit dem mobilen Wahn bei Telefonen, Tablets und anderen Consumerartikeln mithalten können. Die führende Plattform in Europa – das Automobil – und damit die Automobilindustrie hat dagegen alle Chancen, weiterhin die treibende Kraft des Mikroelektronik-Anwendungsmarktes zu bleiben. Bei IoT, Smart City oder Industrie 4.0 hat Europa ebenfalls Chancen, nötig ist jedoch der politische Wille und das Kapital, hier voranzuschreiten.

Die Chancen sind gut, Europa mit einer mutigen Infrastrukturpolitik einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen, denn die Welt allgemein hat ein Defizit an guter Infrastruktur. Beim Weltwirtschaftsforum 2014 war von einer Lücke von 1 Billion Dollar weltweit pro Jahr an Basisinfrastruktur die Rede. Rechnet man die Investitionen dazu, die nötig sind, um den Folgen des Klimawandels Herr zu werden, kommt wahrscheinlich noch einmal ein ähnlicher Betrag hinzu. Auch wenn dies verrückte Summen sind, die wohl niemand in vollem Umfang investieren würde, zeigen sie doch das Potenzial für Europa und seine Hightech-Industrie. Positiv ist für unsere Branche: Halbleiter spielen bei alledem eine entscheidende Rolle.

* Georg Steinberger ist Vice President Communications bei Avnet Electronics Marketing EMEA

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