Kommentar Deutschlands energiepolitische Schwäche

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 3 min Lesedauer

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Steigende Spritpreise, teurere Lebensmittel, wachsende Unsicherheit und Deutschland steht wieder am Rand, statt am Steuer. Während globale Krisen unsere Abhängigkeit schonungslos offenlegen, bleiben Lösungen liegen: erneuerbare Energien, Speicher, intelligente Netze. Statt echter Veränderung dominieren Symbolmaßnahmen.

Photovoltaik und Windenergie könnten so viele Probleme lösen. Doch den Milliarden-Gewinnen der Öl- und Gasindustrie wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Photovoltaik und Windenergie könnten so viele Probleme lösen. Doch den Milliarden-Gewinnen der Öl- und Gasindustrie wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Deutschlands energiepolitische Schwäche ist kein abstraktes Zukunftsproblem. Sie ist längst Realität. Und sie zeigt sich immer dann besonders deutlich, wenn sich die Weltlage zuspitzt. Steigen im Nahen Osten die Spannungen, steigen hier die Preise. Nicht, weil wir es wollen, sondern weil alles zusammenhängt. Eine Industrienation, die auf Energieimporte angewiesen ist, importiert immer auch Unsicherheit. Die aktuelle Entwicklung führt das schonungslos vor Augen. Höhere Ölpreise schlagen unmittelbar auf Transport, Logistik und Produktion durch. Am Ende trifft es jeden. Unternehmen verlieren Wettbewerbsfähigkeit, Verbraucher zahlen mehr für Lebensmittel, Mobilität und Energie. In einer ohnehin angeschlagenen Wirtschaft ist das ein Anker, der bei voller Fahrt ausgeworfen wird.

Dabei ist das eigentliche Problem hausgemacht. Deutschland hätte längst die Chance, sich unabhängiger zu machen. Erneuerbare Energien stehen zur Verfügung, Speichertechnologien entwickeln sich rasant, und auch die Elektromobilität könnte Teil der Lösung sein. Doch der Ausbau bleibt zu langsam, zu zögerlich, zu inkonsequent. Selbst die Fabriken für Photovoltaik, Batterien und allem anderen waren schon da. Wurde aber nicht gefördert.

Statt strukturelle Probleme zu lösen, verliert sich die Politik in Symbolmaßnahmen. Die Idee, Spritpreise nur einmal täglich erhöhen zu lassen, ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wirkt auf den ersten Blick verbraucherfreundlich, ändert aber nichts an den eigentlichen Ursachen. Preise entstehen am Markt. Da spielt der Tagesrhythmus einer Verordnung keine Rolle. Wer erwartet, dass sich globale Energiepreise so regulieren lassen, verkennt die Realität.

Gleichzeitig werden an anderer Stelle Chancen ausgebremst. Warum wird erst jetzt ernsthaft untersucht, ob Elektroautos zur Netzstabilisierung beitragen können? Vehicle-to-Grid ist kein Zukunftsthema mehr, sondern längst erprobt. Warum dürfen kleine Batteriespeicher von Balkonkraftwerken nicht systematisch ins Netz integriert werden, um Überschüsse aufzunehmen? Warum werden Speicher durch doppelte Netzentgelte faktisch bestraft – einmal beim Einspeichern, einmal beim Entnehmen? Das sind keine technischen Hürden, sondern regulatorische.

Genau hier zeigt sich das eigentliche Versäumnis: Es fehlt nicht an Lösungen, sondern am politischen Willen, sie konsequent umzusetzen. Statt den Ausbau erneuerbarer Energien, Speichern und intelligenter Netzinfrastruktur massiv zu beschleunigen, wird gebremst, verzögert und verwaltet. Und währenddessen bleiben fossile Abhängigkeiten nicht nur bestehen, sondern werden auch noch verfestigt und mit allen Konsequenzen.

Das ist nicht nur ein energiepolitisches Problem, sondern ein wirtschaftliches. Eine Industrienation lebt von planbaren, bezahlbaren Energiepreisen. Wenn diese von externen Krisen bestimmt werden, verliert der Standort an Stabilität. Investitionen wandern ab, Wertschöpfung geht verloren. Ausländische Regierungen halten quasi gerade die Fäden unserer Industrie in der Hand.

Man muss sich eine unangenehme Frage stellen und sie endlich laut stellen. Warum werden Lösungen, die technisch längst existieren, systematisch verschleppt? Wer profitiert davon, dass sie nicht umgesetzt werden? Und warum ist es politisch akzeptiert, erneuerbare Energien immer wieder infrage zu stellen – aber nicht die Netzwerke aus Einfluss, Nähe und Lobbydruck, die genau diesen Fortschritt bremsen?

Das Problem ist nicht fehlendes Wissen. Es ist fehlender Wille. Die eigentliche Tragik: Diese Krise ist kein Naturereignis. Sie ist gemacht. Ein schneller Ausbau erneuerbarer Energien, funktionierende Rahmenbedingungen für Speicher, ein intelligentes Energiesystem – all das liegt auf dem Tisch. Seit Jahren. Stattdessen verwaltet man den Mangel, reagiert hektisch auf jede neue Preiswelle und verkauft Stillstand als Vorsicht. Doch Stillstand ist kein neutraler Zustand. Er kostet jeden Tag Geld.

Wenn sich daran nichts ändert, verliert Deutschland nicht plötzlich seine industrielle Stärke. Es verliert sie schleichend. Nicht durch den einen großen Fehler, sondern durch eine Kette aus kleinen, bequemen, vermeidbaren Entscheidungen. Und genau das macht es so gefährlich: weil es lange niemand merkt – bis es zu spät ist. (mr)

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