Aufgemerkt Der Telegraf geht nach 176 Jahren in den Ruhestand

Redakteur: Peter Koller

Das Ende einer (Elektronik-)Ära: In Indien ist diese Woche das letzte kommerzielle Telegrafen-Netz der Welt stillgelegt worden – 176 Jahre nach Erfindung der Technik.

Anbieter zum Thema

Ein früher Schreibtelegraf nach Morse
Ein früher Schreibtelegraf nach Morse
(Wikimedia)

Auch wenn es Vorläufer-Technologien gab, so wird doch die Erfindung des kommerziell nutzbaren Telegrafen dem US-Erfinder und Künstler Samuel Morse zugeschrieben. Zusammen mit seinem Assistenten Alfred Vail und dem Physiker Joseph Henry entwickelte er den Schreibtelegrafen, bei dem auf einem durch ein Uhrwerk vorbeigeführten Papierstreifen Punkte und Striche erzeugt werden. Aus Drahtresten, Blechabfällen und seiner Wanduhr baute er den ersten Morseapparat, den er am 4. September 1837 erstmals vorführte. Nebenbei erfand er auch noch das Morse-Alphabet und legte so die Grundlage für die Kodierung von Text in Punkten und Strichen.

Samuel Morse
Samuel Morse
(Wikimedia)
Die erste kommerzielle Telegrafen-Strecke wurde 1844 über eine Distanz von rund 60 Kilometern zwischen Baltimore, Maryland, und Washington D. C. eingerichtet. Als erste Nachricht übermittelte Samuel Morse in Morse-Code den Text „What hath God wrought?“ (Was hat Gott bewirkt?).

Deutlich leichter zu beantworten ist die Frage, was Morse bewirkt hat, und das ist nicht weniger als die Begründung einer Ära der elektronischen Kommunikation. Innerhalb kurzer Zeit breitete sich die Telegrafentechnik rasant aus. 1861 wurde die erste Leitung quer über den amerikanischen Kontinent gelegt, was die unmittelbare Auflösung des legendären Kurierservice Pony Express zur Folge hatte. 1858 wurde das erste Transatlantikkabel zwischen Irland und Neufundland verlegt, das allerdings nur drei Wochen funktionierte. Doch die Ära der transatlantischen Kommunikation war nicht aufzuhalten.

Die Datenübermittlung via Telegraf war anfangs prohibitiv teuer und nur durch den enormen Zeitvorteil gerechtfertigt: Nach heutigen Maßstäben kostete um 1860 die Übertragung von zehn Wörtern von den USA nach England etwa 2600 US-$. So enstand der abgehackte „Telegramm-Stil“.

Als kürzestes Telegramm der Geschichte ist ein Austausch zwischen dem in Paris lebenden Dichter Oscar Wilde und seinem Verleger in Großbritannien bekannt geworden. Wilde, der wissen wollte, wie sich sein neues Buch in England verkauft, kabelte: „?“. Die Antwort kam prompt: „!“.

Ihren Höhepunkt erlebte die Telegrafie im Jahr 1929 mit 212 Millionen verschickten Telegrammen allein in den USA. Anschließend begannen Technologien wie Telefon und später Telefax sowie das Internet der Telegrafie immer stärker Konkurrenz zu machen.

Das letzte drahtgebundene Telegramm der Welt wurde nun Anfang der Woche über das staatliche indische Netzwerk Bharat Sanchar Nigam, Ltd. gesendet, das damit seinen Betrieb einstellte. Es ging vom indischen Fernsehreporter Ashwani Mishra an Rahul Ghandi, Vizepräsident des Indian National Congress und wünschte dem Empfänger Glück für die Zukunft.

STOP

(ID:42224350)