Fragen an die „Urgesteine“ „Der technische Fortschritt wird nie enden“

Das Gespräch führte Maria Beyer-Fistrich 8 min Lesedauer

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Johann Wiesböck berichtet seit 40 Jahren über Elektronik. Wir sprachen mit ihm über die Leidenschaft für Mikrochips und Megaflops – und über Journalismus.

Johann Wiesböck: Der technische Fortschritt wird nie enden. Jedenfalls nicht in der Elektronik und ihren Anwendungen.(Bild:  VCG)
Johann Wiesböck: Der technische Fortschritt wird nie enden. Jedenfalls nicht in der Elektronik und ihren Anwendungen.
(Bild: VCG)

Nach dem Studium der Elektrotechnik startete Johann Wiesböck 1987 als Fachredakteur bei Design & Elektronik und übernahm von 1998 bis 2023 die Chefredaktion von ELEKTRONIKPRAXIS.

Wenn du auf die Anfänge deiner Karriere zurückblickst: Was war der Moment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?

Dass Elektronik die Zukunftstechnologie schlechthin ist, wurde mir schon im E-Technik-Studium klar. Vielleicht habe ich aus diesem Grund dann den Weg in die Fachredaktion gewählt, anstatt bei der SPINNER GmbH als HF-Ingenieur anzufangen. Bei der Einarbeitung als Elektronikredakteur verdichtete sich dann schnell, dass Mikroelektronik die „Enabling Technology“ für fast alle Branchen und Industrien war und bis heute ist.

Gab es ein frühes Projekt, ein Gespräch oder ein Gerät, das dich nachhaltig geprägt hat?

Als ich nach zwei Jahren die redaktionelle Leitung der Fachzeitschrift Design & Elektronik übernehmen durfte, rief ich als erstes unsere zu dem Zeitpunkt eingestellten Entwicklerforen wieder ins Leben. Der Gedanke, dass man über neue Technologien und Verfahren nicht nur schreibt, sondern als logischen nächsten Schritt die Hersteller direkt mit den Anwendern zusammenbringt, wurde mir schnell klar und hat mich nachhaltig geprägt. Daraus entsprang z.B. die Idee für die Embedded World und viele andere Events, bis hin zu unseren Onlinekonferenzen während der Coronazeit.

Gab es in deiner Laufbahn einen Moment, in dem dir klar wurde, hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um Verantwortung?

Verantwortungsbewusstsein ist ein Wesenszug, den praktisch alle Entwicklerinnen und Entwickler in sich tragen. Das habe ich in all den Jahren in unserer Leserschaft immer gespürt. Über Verantwortung, Nachhaltigkeit und Ethik habe ich so manches Editorial verfasst. Jeder ist in der Pflicht, Sinn und Zweck seines Tuns zu bedenken und gegebenenfalls auch mal „Stopp“ zu rufen.

Wo endet für dich technischer Fortschritt und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?

Der technische Fortschritt wird nie enden – jedenfalls nicht in der Elektronik und ihren Anwendungen. Die Dinge werden so intelligent und klein werden, dass man sich das heute kaum vorstellen kann. Auf dem Weg dahin muss es Transparenz und Regeln geben, um die Menschen aufzuklären und zu schützen.

Eine Pflicht zum Innehalten sehe ich bei der Gentechnik. Krankheiten und Hunger zu bekämpfen ist die eine Seite der Gen- und Bio-Medaille. Menschen genetisch verändern oder gar neue Lebewesen erschaffen, geht dagegen gar nicht. Das ist die dunkle Seite der Macht. Ich hoffe die Menschheit schafft es, hier Konsens zu erzielen.

An welchem Punkt deiner Karriere hast du ernsthaft gezweifelt, ob die Richtung noch die richtige ist?

Ich habe nie gezweifelt. Chefredakteur war mein Traumjob. Ich habe immer wieder neue Möglichkeiten entdeckt, wie wir Fachmedien nützlich für die Branche sein können und dabei auch das nötige Geld verdienen. Mit etwa 40 Jahren dachte ich einige Zeit darüber nach, mich selbständig zu machen. Es wäre sicher spannend gewesen. Vielleicht wäre ich reich geworden oder schnell pleite gegangen. Wer weiß das?

Gab es eine technologische Entwicklung, der du lange skeptisch gegenüberstandest und die du heute anders bewertest?

Skeptisch war ich früher in Bezug auf Neuronale Netze. Das war so Ende der 80er Jahre. Aber nicht aus Angst vor KI, sondern weil ich es zunächst nicht verstand. Ich besuchte dann ein Seminar über künstliche Neuronale Netze und mein mangelndes Verständnis schlug um in Faszination. Bis heute.

Was war für dich als Chefredakteur der Moment, in dem dir bewusst wurde, dieses Magazin prägt eine Branche?

Mein Magazin war immer das Beste. Smiley. Zunächst fütterten wir mit Design & Elektronik die Hard- und Softwareentwickler mit derart tiefgehenden Artikeln und Projekten wie kein anderes Magazin. Ziel war damals, praxisnäher und nützlicher als die Elektronik von Franzis zu sein. Später war es dann die ELEKTRONIKPRAXIS, mit der wir wiederum alles für die Arbeitspraxis lieferten. Dieses Mal aber über die ganze Breite der Elektronikwertschöpfung – von der Entwicklung bis zur Fertigung.

Welche Geschichte hättest du im Rückblick gern noch erzählt, und warum ist sie nie erschienen?

Ich hätte gerne noch erzählt, dass ein deutsches Startup einen überragenden KI-Prozessor entwickelte und mit Millionen an Venture Capital den Weltmarkt eroberte. Nvidia-gleich stieg es auf zum Börsenstar und brachte viele tausend junge Menschen in unsere Branche. Das Unternehmen erzeugte einen mächtigen Impuls für die deutsche Halbleiterindustrie und trug die Faszination Mikroelektronik in die Köpfe der Menschen. Die Story ist leider nie erschienen, weil mich die Redaktionsassistentin aus dem Mittagsschlaf riss. Vielleicht ist die Geschichte auch nie erschienen, weil wir zwar viele kluge Köpfe haben – gerade in der KI – aber nicht genügend Unternehmergeist und Risikofreude besitzen.

Wie viel Haltung darf, wie viel Haltung muss Fachjournalismus aus deiner Sicht haben?

Wer keine Haltung hat, wird weder im Fachjournalismus noch sonst im Leben auf Dauer erfolgreich sein. Gerade das werbefinanzierte Geschäft, wie es auch EP in vielen Feldern betreibt, braucht journalistische Werte und unabhängiges Handeln. Das merken und honorieren sowohl die Leserinnen und Leser als auch die Kunden. Ich habe hier immer versucht, ein gutes Gleichgewicht zu halten. Schräge Geschäftspraktiken habe ich immer abgelehnt. Das kann ich nur jedem raten.

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Welche Eigenschaften sind bei Ingenieuren zeitlos? Was unterscheidet einen guten Entwickler von damals von einem aus dem Jahr 2026?

Erfindergeist und die Lust die auf kreative Lösung von technischen Fragestellungen macht Ingenieur aus. Dabei denken sie systemisch und nachhaltig. Das ist zeitlos. Neu sind der Zeitmangel und die Komplexität, die verhindern, alles selbst verstehen und lösen zu können. Damit müssen junge Ingenieurinnen und Ingenieure heute umgehen.

Wer war der beeindruckendste Ingenieur oder Entwickler, dem du je begegnet bist – und was machte ihn besonders?

Manfred Helzle: Der Gründer von hema electronic war ein Prozessorexperte und nutzte frühzeitig den legendäre Transputer.(Bild:  Johann Wiesböck)
Manfred Helzle: Der Gründer von hema electronic war ein Prozessorexperte und nutzte frühzeitig den legendäre Transputer.
(Bild: Johann Wiesböck)

Stellvertretend für die vielen großartigen Elektronikexperten, die ich in meinem Leben treffen durfte, möchte ich Manfred Helzle nennen. Der Gründer von hema electronic war ein Prozessorexperte von Feinsten. Der legendäre Transputer war sein Steckenpferd und hatte für ihn wegweisende Architekturmerkmale. Manfred inspirierte mich vor allem während meiner Anfangszeit als Redakteur. Er wurde ein guter Freund. Noch im Ruhestand begeisterte er jahrelang Kinder für Elektronik und teilte mit ihnen seine Leidenschaft.

Was ist im Laufe der Jahrzehnte in der Elektronik verloren gegangen und was ist neu hinzugekommen, das du wirklich schätzt?

Was die Mikroelektronikbranche etwas verloren hat, ist der Wagemut. Früher wurde schon mal eine neue Technologie entwickelt und mit Elan und Risiko auf den Markt geworfen. Waren die Kunden begeistert, hatte man den nötigen Marktvorsprung, um richtig Geld zu verdienen. Wenn nicht: dann auf ein Neues. Heute wird überwiegend kunden- und applikationsspezifisch entwickelt. Das mindert das Risiko, begrenzt aber auch die Margen.

Gut gefällt mir, dass Toptechnologien der Hard- und Software viel breiter verfügbar sind. Open Source ist das Zauberwort. Communities bringen ihr Wissen zusammen, um bessere und effizientere Systeme zu schaffen. Das wird bleiben und sich weiter ausbreiten.

Wenn du jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren heute zuhörst: Was klingt vertraut und was ist dir fremd?

Junge Ingenieurinnen und Ingenieure gehen lockerer an die Aufgaben heran, als ich das von früher kenne. Sie wollen natürlich mit KI arbeiten und machen sich weniger Gedanken über das notwendige Grundlagenwissen. Das werden die Tools schon hergeben, denkt man sich. Und wenn nicht, muss man es sich erarbeiten. Das ist ein gesunder Pragmatismus.

Welcher berufliche Irrtum hat dich im Nachhinein am meisten weitergebracht?

Es war kein Irrtum, sondern die ständige wirtschaftliche Bedrohung, die mich in meinen jungen Jahren als Chefredakteur geprägt hat. Krise war normal damals. Das hat mich standfest und emotional resilient gemacht. So konnte ich später in kritischen Situationen die Ruhe bewahren, was meinen Kolleginnen und Kollegen Sicherheit gab.

Gibt es eine Entscheidung, die du damals getroffen hast und heute anders fällen würdest?

Ja. Ich würde mich heute selbständig machen. Wenn man das Geschäftsfeld und seine Besonderheiten ausreichend verstanden hat, klappt das in der Regel. Man ist sein eigener Herr und verdient später auch mehr.

Welchen Rat, den man dir zu Beginn deiner Karriere gegeben hat, hast du ignoriert und bist heute froh darüber?

Meine Mutter hat immer gesagt, mit deiner aufmüpfigen Art wirst du im Leben viel anecken und es nicht weit bringen. Sie war eine kluge Frau, aber da irrte sie. Ich habe immer gesagt, wenn mir etwas nicht passte, und bin damit gut gefahren. Außerdem wäre es gegen mein Naturell gewesen, mit dem Strom zu schwimmen.

Was möchtest du der nächsten Generation mitgeben – nicht als Rat, sondern als Erfahrung?

Ich habe mir nie Ziele gesetzt, sondern mich einfach 100-prozentig engagiert und die Projekte zu meinen eigenen gemacht. Das hat meiner Karriere sehr gutgetan. Die Dinge kamen einfach auf mich zu. Denn Engagement und Leistung werden von den Menschen gesehen und respektiert.

Wenn man deine Zeit als Chefredakteur in einem Satz zusammenfassen müsste: Welcher wäre das?

Ich hatte immer Freude an der Arbeit und mochte meine Kolleginnen und Kollegen.

Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns auch in den kommenden Jahren noch beschäftigen?

Die Batterieentwicklung wird noch für Jahre nicht mit dem Leistungszuwachs bei Halbleitern mithalten können. Ein echter Quantensprung ist nicht in Sicht. Aber die Entwicklungen bei Feststoffakkus lassen hoffen. Dieses Problem begrenzt nicht nur den Bau leichter Elektromobile, sondern auch die Entwicklung autonomer Hochleistungssysteme. Seien es Mikroroboter, die unsere Adern reinigen, oder Terminatoren á la Arnold Schwarzenegger. Die dafür nötigen kognitiven Fähigkeiten wird die Elektronik schon bald bereitstellen – eine adäquate Batterietechnik so schnell noch nicht.

Welches elektronische Gerät aus deiner Laufbahn steht heute noch bei dir zu Hause – einfach, weil es eine Seele hat?

LH9124: Obwohl der Butterfly die schnellste FFT-Leistungen bot, migrierten die Kunden im Laufe der Zeit zu PowerPCs und Sharcs etc. mit besserer Softwareunterstützung.(Bild:  Sharp)
LH9124: Obwohl der Butterfly die schnellste FFT-Leistungen bot, migrierten die Kunden im Laufe der Zeit zu PowerPCs und Sharcs etc. mit besserer Softwareunterstützung.
(Bild: Sharp)

Seit 35 Jahren liegt eine DSP von Sharp auf meinem Schreibtisch. Solche Signalprozessoren haben mich immer fasziniert. Sharps Butterfly-Familie hob 1990 mit dem LH9124 ab, der die damals höchste verfügbare FFT-Leistungen bot. Ich hatte damals sogar eine DSP-Messe organisiert, die mehrere Jahre erfolgreich stattfand.

Wann hat dir die Elektronik zuletzt wieder dieses alte Kribbeln beschert?

Auf der letzten electronica war ich wieder einmal begeistert. Nicht wegen technischer Höchstleistungen, sondern von der unglaublichen Vielfalt und den unzähligen Neuigkeiten. Hinzu kam die konstruktive Stimmung der Besucher und Aussteller. Das war und ist meine Welt. Ehrlich gesagt freue ich mich jetzt schon wieder auf München im November dieses Jahres. (mbf)

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