Prozessmanagement

Der schleichende Tod der Qualitätssicherung

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Oder aber das QS beteiligt sich pro forma weiter, allerdings ohne etwas beizutragen, außer vielleicht Hinweise über formale Lappalien wie fehlende Kommas und Rechtschreibfehler. Oft ist auch zu beobachten, dass sich der Vertreter der QS nur noch am Prozess festhält und auf z. B. die Einhaltung von Quality Gates beharrt, nicht aber an den Inhalten, die dort geprüft werden sollen. Das nährt zusätzlich das Misstrauen der anderen Projektbeteiligten.

Qualitätssichernde Maßnahmen werden also nicht unterlassen, weil erkannt wurde, dass sie nicht weiter benötigt werden, sondern weil sie stillschweigend sukzesive immer weniger eingesetzt und schließlich dauerhaft „vergessen“ werden. In dieser Phase ist ebenfalls schön eine Kombination aus zwei weiteren Verhaltensmustern zu beobachten. Der „Weg des geringsten Widerstands“ in Verbindung mit „der Mensch, das Gewohnheitstier“: Eine geduldet oder willentlich eingeführte kleine Änderung bzw. das Vernachlässigen eines „unbedeutenden“ Prozessschritts, und in Kürze wird der geänderte Prozess als das Normalmaß angesehen. Von diesem wird dann irgendwann wieder ein kleiner Teil weggelassen. Sie erkennen die Abwärtsspirale?

Phase 3: Die Endhektik im Projekt beginnt

Schließlich kommt für das gesamte Projektteam „vollkommen plötzlich“ das Ende in Sicht. Durch die fehlende kontinuierliche Pflege des Projektplans wird meist viel zu spät erkannt, dass der aktuelle Projektfortschritt mit dem zu Beginn festgelegten Plan nicht mithalten konnte. Jetzt muss mit Volldampf gearbeitet werden. Es zählen schnelle, sichtbare Ergebnisse. Daher schiebt das Team alles „Unwichtige“ oder „Unsichtbare“ zur Seite. Es gilt Masse statt Klasse zu produzieren und alle geforderten Funktionen zu implementieren – ob dabei der Code so schön strukturiert und kommentiert ist, wie im initialen Qualitätsplan festgeschrieben, ist Nebensache geworden.

Testfälle müssen her, aber schnell. Dabei ist es zweitrangig, ob diese mit den Anforderungen beidseitig verlinkt sind oder nicht. Die Projektbeteiligten finden diese Dinge nicht weniger wichtig als zu Projektbeginn, es mangelt ganz einfach an der Zeit dafür. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Die Qualität des Produkts lässt zu wünschen übrig. Funktionen sind entweder gar nicht enthalten oder schlecht umgesetzt. Auch lassen Stabilität, Performance und Bedienbarkeit oft zu wünschen übrig.

Wir haben Beteiligte befragt, was ihrer Ansicht nach zu den Problemen wie Zeitverzug, Hektik oder das Weglassen von QS-Maßnahmen geführt hat. Es wurden immer wieder recht ähnliche Begründungen genannt. Auf Platz 1 liegt das nahende Projektende und daraus resultierender Stress und Hektik, da noch zu viel Projekt für zu wenig Zeit übrig ist.

Hinter vorgehaltener Hand erfährt man auch oft, dass wohl das Projektmanagement und die QS überlastet bzw. unfähig sind. Das ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass einiges im Argen liegt. Die Stimmung im Projekt ist am Kippen und Unwillen macht sich breit.

Der Kleinkrieg zwischen Qualitätssicherung und dem Rest

Illustration des schleichenden Tods der Qualitätssicherung. Neben dem typischen Projektstress liegen die Ursachen oft in einem mangelnden gegenseitigen Verständnis zwischen Qualitätssicherung und dem Rest des Teams oder in einer mangelhaften Integration. (Archiv: Vogel Business Media)

Andere Gründe sind insbesondere von außen gut zu beobachten. Häufig liegt die Ursache im Kleinkrieg zwischen der Qualitätssicherung und den sonstigen Projektbeteiligten. Er ist teils nur auf Missverständnissen und wenig Einfühlen in die Belange des anderen begründet.

Die Qualitätssicherung schafft es nicht, die von ihr geforderten Maßnahmen als Gewinn für alle Projektbeteiligten und essentiell für den Projekterfolg zu verkaufen.

Der Aufwand wird dem Nutzen für das Projekt nicht gegenübegestellt und auch auf die oftmals erst in späteren Projektphasen erlebbaren Erleichterungen hingewiesen. Hier hilft es, Beispiele aus einem Vorgängerprojekt aufzubereiten bei denen man durch eine geeignete Maßnahme viele Probleme im Vorfeld hätte beheben können.

Die Unterstützung der Projektleitung, die mit der QS an einem Strang ziehen muss, ist unerlässlich. Sonst sehen die anderen Projektbeteiligten in den geforderten Maßnahmen eine Gängelung und unnützen Mehraufwand, der sie „von der tatsächlichen Arbeit abhält“. Es entstehteine Abwehrhaltung.

Der Qualitätssicherung bleibt dies natürlich nicht verborgen, und häufig wird diese Ablehnung persönlich genommen. Man fühlt sich missverstanden und ungeliebt und nicht in das Projekt und das Team integriert. Als Ergebnis zieht sich die QS irgendwann beleidigt aus dem Projekt zurück, oder legt sich ein „mir doch egal“-Gefühl zu und bringt sich kaum noch ein.

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