Nicht nur Relaishersteller sind derzeit gefordert, sich breiter aufzustellen. Alte Erfolgsrezepte funktionieren nicht mehr. Das Gütesiegel „Made in Germany“ verblasst. Dazu kommen geopolitische Unsicherheiten, eine erratische Zollpolitik und fragwürdige politische Entscheidungen. Was ist also zu tun?
Dr. Markus Winzenick, ZVEI: „Nach wie vor bläst uns der konjunkturelle Gegenwind sehr, sehr rau ins Gesicht.“
(Bild: Melanie Bauer Photodesign / ZVEI)
Im Fokus aktueller Trends und Entwicklungen steht der noch effizientere Einsatz elektrischer Energie und der Einsatz elektrischer Energie in immer weiteren Anwendungsfeldern. Wir im ZVEI sprechen ja nicht umsonst von der All Electric Society und Relais spielen dabei eine ganz zentrale Rolle.
Aber wo stehen wir denn derzeit in der Relais-Branche? Ganz ehrlich: Nach wie vor bläst uns der konjunkturelle Gegenwind sehr, sehr rau ins Gesicht. Uns so wie sich bei starkem Seegang ein Seemann nur mit seinem speziellen breitbeinigen Seemannsgang an Deck halten kann, so sind auch die Relais-Hersteller derzeit gefordert, sich nach Möglichkeit geschäftsmäßig breiter aufzustellen. Erfolgsrezepte, die vor zehn oder 20 Jahren noch für Wachstum gesorgt haben, ziehen nicht mehr oder kommen zumindest zunehmend an Grenzen.
China: von der verlängerten Werkbank zur Exportnation
Konnten wir in den Nullerjahren China gut als „verlängerte Werkbank“ nutzen und ganz generell an dem außerordentlichen gut zweistelligen Wachstum in China partizipieren mit unseren „Made in Germany Produkten“, so ist die Welt heute völlig anders. Das chinesische Wirtschaftswachstum liegt nach offiziellen Angaben bei nur noch etwa 5 % und wird nach Einschätzung einiger Analysten wegen Konsumzurückhaltung, Baukrise, Demografie und Technologie- und Handelsstreit mit den USA im Jahr 2029 nur noch 3 % betragen.
Wie reagiert China darauf? Im Prinzip mit zwei Stoßrichtungen: Einerseits verblasst das Gütesiegel „Made in Germany“. Das heißt: Die Chinesen werden preissensitiver und setzen zunehmend ihre eigenen Komponenten und Produkte ein. Und zum andern werden die Probleme einfach „exportiert“. So betrug der chinesische Handelsüberschuss im letzten Jahr 2024 fast 1 Bio. US-$. Besonders deutlich wird dies in der Solarbranche.
Nicht nur dass die Solar-Module mittlerweile fast ausschließlich aus China kommen, auch die Wechselrichter mit entsprechenden chinesischen Relais drängen zunehmend auf den europäischen Markt. SMA kann davon derzeit ein Lied singen. Aber auch die deutschen Relais-Hersteller partizipieren daher immer weniger vom nach wie vor guten PV-Ausbau in Deutschland in Höhe von etwa 15 GW pro Jahr.
Die Trumponics-Wirtschaft in den USA
Die erratische Zollpolitik der USA führt nicht nur zu einer großen Verunsicherung etablierter Handelspartner. Auch deutsche Wirtschaftsbranchen wie der deutsche Maschinenbau sind hiervon besonders stark betroffen. Die EU-Einigung mit den USA bezüglich der Stahl- und Aluminiumzölle beinhaltet vor allem 50 % US-Zölle auf diese Produkte, die zusätzlich zu den normalen Zöllen anfallen.
Es ist daher kein Wunder, dass der VDMA beim Maschinenbau-Gipfel in Berlin Mitte September seine Jahresprognose nach unten korrigiert hat. So erwartet der VDMA nach bereits zwei Verlustjahren auch in 2025 einen weiteren Produktionsrückgang von fünf Prozent und nur ein Prozent Wachstum im kommenden Jahr. Neben ausufernder Bürokratie und allgemein steigenden Kosten werden internationale Handelskonflikte als Hauptgrund genannt.
Und neben der erratischen Zollpolitik kommt hinzu, dass zurzeit so gut wie alles von Trumps Agenda inflatorisch wirkt: Schuldenfinanzierte Steuersenkungen, eine zunehmende Politisierung der Fed, die Handelspolitik mit entsprechenden Strafzöllen, eine bewusste Schwächung des Dollars, der aber gleichzeitig Weltreservewährung bleiben soll, die Beschränkung der Migration.
Erste Frühindikatoren deuten laut Handelsblatt darauf hin, dass sich die Teuerungsrate immer weiter vom Zielwert der Fed entfernt. Der schwache US-Dollar verschärft das Risiko. Sollte an den Märkten die Stimmung umschwenken, droht der anhaltenden Rally bei Aktien und Anleihen ein abruptes Ende. Und dies betrifft dann nicht mehr nur die USA.
Hinzu kommt die Trumpsche Abkehr in der Klimapolitik: Leugnung des Klimawandels, das Motto „Drill-Baby-Drill“ also Fossile statt Erneuerbare Energien, Verbrenner statt Elektromobilität, all dies bremst die notwendigen technologischen Transformationsprozesse nicht nur in den USA.
Europa: Politische Entscheidungen in Frage gestellt
Auch in Europa und speziell in Deutschland werden von politischer Seite bereits getroffene politische Entscheidungen erneut in Frage gestellt.
Stand: 08.12.2025
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Heizungsgesetz abschaffen? Allein diese Diskussion führte dazu, dass der Heizungsmarkt im 1. Halbjahr dieses Jahres nochmals um 22 % gegenüber der Vorjahresperiode einbrach, weil Verbraucher erneut verunsichert wurden. Was für ein „Bärendienst“ der Politik! Und dennoch zum Trotz, die Fördermaßnahmen für Wärmepumpen beginnen zu wirken. So wurden im 1. Halbjahr 55 % mehr Wärmepumpen in Deutschland installiert und Wärmepumpen stiegen damit mit einem Gesamtmarktanteil von 47 % zum wichtigsten Wärmeerzeuger auf, vor Gas- und Ölheizungen. Und im Neubau ist das Rennen ohnehin entschieden. Hier liegt der Wärmepumpen-Anteil bereits bei 67,6 %. Gasheizungen machen hier nur noch 4,2 % aus.
Verbrenner-Aus verschieben? Der letztjährige Einbruch bei reinen Batteriefahrzeugen wird in diesem Jahr wieder aufgeholt werden. Bereits in den ersten neun Monaten wurde mit gut 382.000 neu angemeldeten reinen Batteriefahrzeugen der Vorjahreswert des Gesamtjahres 2024 übertroffen. Der Marktanteil von BEVs stieg damit auf 18,4 % und hat damit den 14,6-prozentigen Marktanteil von Dieselfahrzeugen deutlich überholt.
Und glaubt von den Politikern oder den CEOs in der Autoindustrie wirklich jemand, dass ein Aufschieben des Verbrenner-Aus oder eine Aufweichung der CO2-Grenzwerte die Marktanteile der deutschen Autoindustrie im weltweit wichtigsten Automarkt China beflügeln könnte? Es ist wichtig, diesen einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen – klimapolitisch sowieso, aber eben auch aus wirtschaftspolitischen Gründen! Auch ein Skirennläufer wechselt schließlich nicht während der Abfahrt seine Ski.
Relais profitieren beim Thema Elektromobilität dabei vor allem vom Aufbau der Ladeinfrastruktur. Und dieser Bereich war bislang auch in diesem Jahr in Deutschland ein deutlicher Wachstumsmarkt mit 12 % Zuwachs bei den Normalladepunkten und 33 % Zuwachs bei den Schnelladepunkten.
Wohnungsbau-Turbo lässt auf sich warten
All diese Gemengelage führt dazu, dass die Relaisbranche nach einem Umsatzeinbruch von gut einem Drittel im letzten Jahr noch nicht wieder richtig Tritt gefasst hat. Zwar konnten im 1. Halbjahr dieses Jahres leichte Umsatzzuwachse im unteren einstelligen Bereich erzielt werden. Doch von einem breit getragenen Aufschwung ist man noch weit entfernt. Nicht zuletzt auch, weil die Baubranche sich nur ganz, ganz langsam zu erholen scheint.
So stieg die Zahl der Baugenehmigungen nach einer Halbierung in den letzten beiden Jahren im 1. Halbjahr 2025 um 3,4 % an. Der von der Regierung beschlossene sogenannte „Wohnungsbau-Turbo“ könnte hier helfen, doch bevor dieser im Hinblick auf Relais seine Wirkung entfaltet, wird mindestens noch ein Jahr vergehen, da die Wohnungen zunächst erst einmal gebaut werden müssen, bevor Relais dann im Rahmen der Installationsverteilung und der Wohnungseinrichtung hiervon profitieren können.
Was also ist zu tun? Um im Bild des eingangs erwähnten Seemanns mit seinem ruhigen, breiten Seemannsgang zu bleiben, lohnt es sich, sich breiter aufzustellen und auch im Sturm oder mancher heiß geführter politischer Diskussion erst einmal Ruhe zu bewahren. Die Energiewende wird trotz des ein oder anderen politischen Störfeuers weiter gehen, da der Klimawandel eben nicht ideologischer, sondern naturwissenschaftlicher Natur ist. Politiker können die Energiewende national beschleunigen oder abbremsen, aber nicht den weltweiten Transformationsprozess aufhalten.
Deutschland: Groß-Batteriespeicher und Netzinfrastruktur
Neben dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren spielt derzeit der Aufbau von Groß-Batteriespeichern und der Netzinfrastruktur eine große Rolle. Derzeit sind in Deutschland 21,1 GWh Batteriespeicherkapazität verbaut, wovon 17,3 GWh Heimspeicher und 2,9 GWh Großspeicher ausmachen. Gleichzeitig gibt es eine wahre Antragsflut in Höhe von 500 GWh für den Bau von Großspeichern zur Netzstabilisierung und Reduzierung von Redispach-Maßnahmen, zur Unterstützung von Schnellladepunkten auf dem Land oder zum Abfedern von Spannungsspitzen in der Industrie.
Selbst wenn diese Großspeicher nicht alle gebaut werden, – da hier auch Anträge doppelt und dreifach eingereicht werden – rechnet die Bundesnetzagentur bis Ende 2027 mit einem Zuwachs von weiteren 7 GWh, was mehr als eine Marktverdoppelung darstellt.
Auch der Ausbaubedarf der deutschen Stromnetze ist erheblich. Dies betrifft nicht nur den Netzausbau infolge der Energiewende, sondern auch den lokalen Netzausbau infolge immer größer werdender Rechenzentren in Zeiten von KI. Die großen HGÜ-Leitungen für die Stromweiterleitung von Nord nach Süd werden wohl erst 2027 bis 2028 fertiggestellt werden. Immerhin befinden sich nun viele Teilprojekte im Bau. Bis August 2025 waren für 4.319 km Leitungen die Baugenehmigungen erteilt.
Daneben gibt es einen weiteren hohen Bedarf an Anpassungen der Netze auf der Verteilerebene im Niederspannungsbereich. Hier sollen bis 2032 ca. 10 Mrd. Euro investiert werden. Relais werden hierbei vor allem für die Digitalisierung des Netzwerkmanagements eine Rolle spielen, denn die Zeiten, als jemand per grauem Wählscheiben-Telefon mehr Leistung im Netz erbat, sind schließlich vorbei.
Die aufgezeigten Anwendungen zeigen, dass DC – also Gleichstromlösungen immer wichtiger werden. Dies gilt auch für die Automation. Auch hier werden Lösungen entwickelt, die heute übliche Fabrikautomation komplett auf Gleichstrom umzustellen, um so letztendlich energieeffizienter produzieren zu können.
Ja, wir leben in sehr herausfordernden Zeiten wirtschaftlich gesehen, aber auch politisch und technologisch gesehen. Dabei haben wir sicher nicht alles in der Hand und müssen uns manchmal den Wind ins Gesicht blasen lassen. Aber wir haben es in der Hand, unsere Produkte so anzupassen und weiterzuentwickeln, dass sie – wenn auch nur als Komponenten – ihren Teil beitragen können zu den Lösungen dieser Herausforderungen der heutigen Zeit. (kr)