Vorurteile in der Gesellschaft Der Kampf der Geschlechter – Mann gegen Frau?

Autor / Redakteur: Peter Siwon / Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Was wäre eine Welt ohne Vorurteile? Über Jahrhunderte hinweg wurde das Rollenbild von Mann und Frau geprägt. Wir helfen Ihnen beim Entdecken von versteckten Vorurteilen

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Der Kampf der Geschlechter: Peter Siwon beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit den Themen Gehirn und Psyche in der Projektarbeit (Foto: Elisabeth Wiesner, www.fotoart-wiesner.de)
Der Kampf der Geschlechter: Peter Siwon beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit den Themen Gehirn und Psyche in der Projektarbeit (Foto: Elisabeth Wiesner, www.fotoart-wiesner.de)

Haben Sie Vorurteile? Beispielsweise gegen Frauen, Männer, Homosexuelle, Heteros, Banker, Programmierer, Manager oder Microsoft? Vorurteile haben mehr Einfluss auf unser Verhalten als wir annehmen. Sie hindern uns daran, die Lösungsspielräume in Projekten auszuschöpfen.

Einerseits hoffe ich, dass Sie Vorurteile haben, denn sonst würde irgendetwas mit der Funktion Ihres Gehirns nicht stimmen. Andererseits wünsche ich mir, dass Sie keine Vorurteile gegenüber Autoren haben, die provokante Einleitungen schreiben und sich als Vertreter des testosterongesteuerten Geschlechts anmaßen, über Vorurteile gegenüber Frauen zu schreiben. (Liebe Alice, verzeih mir bitte diesen Übergriff auf Deine Domäne.)

Sind Sie – und ich frage Frauen und Männer! – auch der Meinung, dass Frauen schlechtere Softwareentwickler als Männer sind? Oder dass sie Heim und Herd dem Entwicklungslabor vorziehen sollten? Nein? Ehrlich? Um Ihrer wahren Gesinnung auf die Spur zu kommen, empfehle ich Ihnen, den Implicit Association Tests (IAT) durchzuführen. Den finden Sie meiner Website (Experimente).

Ergänzendes zum Thema
Fünf Tipps zum Umgang mit Vorurteilen

Stehen Sie dazu, Vorurteile zu haben: Der erste und wichtigste Schritt ist, dass wir den Mut aufbringen zuzugeben, dass wir (versteckte) Vorurteile haben, die nicht mehr zeit- oder situationsgerecht sind. Wenn wir sie mit dem Wissen über die hier beschriebenen Zusammenhänge genauer beobachten, können wir sie erkennen und wirkungsvollere Maßnahmen ergreifen. Wir beginnen, zwischen den Zeilen unseres Verhaltens zu lesen und die feinen Nuancen von Spott, Herablassung oder Überheblichkeit zu entdecken.

Vorurteile durch Erleben widerlegen: Wir sehen die Welt durch die Brille unserer Vergangenheit. Diese Sicht verändert sich nicht dadurch, dass wir ihr ein theoretisches Gebilde entgegensetzen. Entscheidend ist, dass wir hautnah erleben, dass die Welt anders ist als wir sie bisher interpretierten. Dazu suchen und erzeugen wir möglichst viele Situationen, die dabei helfen, unser inneres Bild durch neue Lebenserfahrungen der äußeren Realität anzupassen. So gesehen ist die Quotenregelung ein sinnvoller Ansatz. Sie hilft den einen, falsche Vorurteile zu widerlegen, und den anderen, ihre Vorurteile zu erkennen und zu korrigieren.

Informationen anders Filtern: Vorurteile haben die dumme Angewohnheit, nach Bestätigungen zu suchen. Drehen Sie den Spieß einfach um und suchen Sie gezielt nach allem, was Ihr Vorurteil widerlegt. Sie werden staunen, wie allein diese Veränderung Ihres Wahrnehmungsfilters die Sicht auf die Welt verändert.

Gegenpole suchen: Wir sollten anerkennen, dass es viele Strategien und Lösungswege gibt, um einer Rolle oder Aufgabe gerecht zu werden. Teams und Unternehmen lassen sich durch Dominanz oder durch Konsensfähigkeit führen. Noch besser ist eine gesunde Mischung von beidem. Ich glaube, es lohnt sich, gezielt nach den Gegenpolen einseitig orientierter Verhaltens- und Denkmuster zu suchen. Das Prinzip der Gegenpole, das sich schon in der uralten chinesischen Philosophie von Ying und Yang findet und überall in der Natur zu Tage tritt, gibt Systemen mehr Stabilität. Gegenpole sind keine Gegner, sondern zwei Teile eines vollkommeneren Ganzen, beispielsweise Mann und Frau.

Früh übt sich: Vorurteile haben oft tiefe Wurzeln in der Kindheit. Deshalb ist es eine wichtige Funktion der Gesellschaft, unseren Kindern den offenen und konstruktiven Umgang mit diesem Phänomen zu vermitteln. Wir können keine Vorurteile verhindern, weil sie Teil der menschlichen Überlebensstrategie sind. Aber wir können lernen, wie wir in einer Gemeinschaft verantwortungsvoll mit dieser Eigenschaft unserer Psyche umgehen.

Das Rollenbild zwischen Mann und Frau

Wenn Sie allerdings Angst davor haben, Ihre versteckten Vorurteile zu entlarven, lesen Sie einfach weiter und kuscheln sich weiter in die Illusion, dass Sie keine Vorurteile gegenüber Frauen in technischen Berufen haben.

Der IAT zeigt, welche Eigenschaften oder Begriffe wir intuitiv mit Frau oder Mann verbinden. Da die Intuition schneller als das Bewusstsein reagiert zeigt die Reaktionszeit, welche Assoziationen uns in Fleisch und Blut übergegangen sind und welche erst den Umweg über den Verstand nehmen mussten.

Wie sich versteckte Vorurteile entdecken lassen

So lassen sich versteckte Vorurteile entdecken. Zum Beispiel wird der Begriff „Hausarbeit“ meist schneller der Begriffskombination „weiblich oder Familie“ als „männlich oder Familie“ zugewiesen. Auch wenn Sie keine Stoppuhr zur Hand nehmen, spüren Sie bei einigen Zuordnungen einen kurzen Moment innerer Unentschlossenheit. Er deutet darauf hin, dass der Bauch spontan anders wählen würde als der Kopf. Ganz schön clever, der IAT.

Doch wir sollten uns nicht dafür schämen, sondern den Tatsachen ins Auge blicken. Die Bildung von Vorurteilen ist die Folge einer lebenswichtigen Fähigkeit unseres Gehirns. Es automatisiert und generalisiert unser Denken und Verhalten auf Basis bewährter Erfahrungen, um in ähnlichen Situationen künftig schneller reagieren zu können. Genau dieses bewährte Prinzip führt aber in ein Dilemma, wenn Frauen Rollen übernehmen, die bisher mehrheitlich von Männern besetzt waren und umgekehrt.

Lesen Sie weiter: Die Alltagserfahrung bestimmt das Rollenbild

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