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Die Alltagserfahrung bestimmt das Rollenbild
Das Rollenbild und die damit verbunden Stereotype werden durch die Alltagserfahrung bestimmt und nicht durch sporadisch geäußerte ideologische Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung. Werfen Sie einen Blick in die Entwicklungsabteilungen und Chefetagen. In der Kundendatenbank von Microconsult, Trainingsspezialist für Embedded Systeme, liegt die Frauenquote bei nur 9%.
Welcher Alltagserfahrung mag diese Umgebung wohl Vorschub leisten? Sie lautet, dass vor allem Männer die dort angebotenen Rollen mit männlichen Lösungsstrategien und männlichen Eigenschaften besetzen. Die alltägliche Erfahrungsstatistik sorgt dafür, dass die Rollen ganz automatisch bevorzugt mit den Stereotypen von Männern verknüpft werden.
Das ist eine denkbar schlechte Ausgangsposition für Frauen, denn sie können es im Grunde keinem recht machen. Wenn sie sich an männlichen Lösungs- und Verhaltensmustern orientieren, stehen sie im Widerspruch zu den Erwartungen an ihr Geschlecht. Sätze wie „Um den Job eines Mannes zu machen, musst Du als Frau besser sein als die Männer.“ sprechen Bände.
Wenn sie weibliche Lösungs- und Verhaltensmuster einsetzen, geraten sie in Konflikt mit den typischen Erwartungen, die an die männlich geprägte Rolle geknüpft werden. Alle, die bei den Worten „weiblichen Lösungs- und Verhaltensmuster“ gegen Machofantasien ankämpfen müssen, bestätigen diese Argumentation, weil sie offensichtlich eine sehr eingeschränkte Vorstellung von weiblichen Lösungs- und Verhaltensmuster haben.
Sind Frauen doch die "besseren" Menschen?
Neue Wege einzuschlagen ist wichtig: Seit etwa 1980 wird für Musiker der renommiertesten Orchester der USA ein blindes Auswahlverfahren durchgeführt. Die Bewerber bringen ohne einen Hinweis auf das Geschlecht ihr Können hinter einem Wandschirm zu Gehör. Seitdem hat sich die Zahl der Musikerinnen in den Orchestern verfünffacht! Als die Verteilung von Lebensmitteln an die Erdbebenopfer in Haiti durch das rücksichtslose Verhalten der Männer ins Chaos zu stürzen drohte, entschieden sich die Hilfsorganisationen dazu, nur noch Frauen zur Ausgabe der Lebensmittel zuzulassen. Auf diese Weise wurde eine gerechtere und kontrollierbare Verteilung erreicht.
Ich glaube, dass die .com-Blase und die Finanzkrise vor allem durch das übertrieben dominanz- und wettbewerbsorientierte Verhalten hervorgerufen wurde, das Ausdruck männlich dominierter Strategien ist. Wäre das passiert, wenn mehr Frauen oder Mütter in den Vorständen von Unternehmen und Banken säßen?
Rollenmuster sollten sich an den Potenzialen der Frau ausrichten
Wenn wir die Konflikte zwischen Rollen und Geschlechtern nicht auflösen, die auf unzeitgemäßen Vorurteilen beruhen, verspielen wir wichtige Potenziale und lassen viele Chancen ungenutzt verstreichen.
Vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen wird es höchste Zeit, dass wir den Mut für neue Erfahrungen mit der Verteilung und Definition von Rollen aufbringen. Es ist unsinnig, dass Frauen sich an männliche Rollenmuster und Arbeitsbedingungen anpassen müssen. Die Rollenmuster und Arbeitsbedingungen müssen sich auch stärker an den Potenzialen und Bedürfnissen der Frauen orientieren. Damit künftig auch Sie, liebe Männer, meine Kolumne weiterhin lesen, füge ich überzeugt hinzu: Es ist umgekehrt auch unsinnig, wenn Männer sich an weibliche Rollenmuster und Arbeitsbedingungen anpassen müssen.
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