Wie kann jemand ohne Abi und ohne Studium als Ingenieur arbeiten und dann ein rasant wachsendes deutsches Robotik-Unternehmen gründen? Vom Sozialarbeiter in den USA zum Konstrukteur in der Schweiz: Kaum ein Gründer in Deutschland hat so einen interessanten Werdegang wie Neura-CEO David Reger. Ein Portrait.
David Reger mit Humanoid 4NE1: Wer von beiden ist wirklich die Galionsfigur von Neura Robotics?
(Bild: Neura Robotics)
Es ist nicht nur der kuriose Lebenslauf des heute 37-jährigen Schwaben, der die Person so spannend macht. Auch seine Vision und die Haltung, mit der er seine Ziele verfolgt, fallen auf. Denn wenn es ums schnelle Geld geht, zieht er Grenzen: Alle Kaufangebote seiner Firma, die im hohen dreistelligen Millionenbereich gelegen haben sollen, lehnte er bislang ab. Genauso wie Defence-Anfragen, weil Aufrüstung, so Reger, die Welt nicht sicherer mache. In dieser Position steckt nicht nur Idealismus, sondern auch Strategie.
Der Gründer erzählt im OMR-Podcast seinen Einstieg in die Technik ohne die übliche Gründerfolklore. Er kommt nicht über den akademischen Sprint, sondern über einen Umweg, der für ihn keiner ist: Hauptschule, kein Studium, Ausbildung. Wer ihn heute als CEO von Neura erlebt, hört in dieser Rückschau weniger Trotz als eine Art Bedienungsanleitung für seinen Stil. Reger denkt Technik über die Hände. Dinge müssen sich greifen lassen, im wörtlichen Sinn.
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Das wird greifbar, wenn er von seinen frühen Schrauberjahren spricht. Ein Motorrad ist für ihn kein Symbol, sondern ein Gegenstand, an dem man lernt, wie Ursachen und Wirkungen zusammenhängen. „Du verstehst es nicht, weil jemand es dir erklärt. Du verstehst es, weil du es zerlegst und wieder zusammensetzt.“ Dieser Reflex bleibt bei ihm nicht im Hobby hängen. Er wird zur Arbeitsweise.
Lehre unter Taktzeit: Warum bei ihm Tempo vor Titel kommt
Auch sein Berufseinstieg folgt dieser Logik. Reger absolvierte eine Ausbildung im Gießereimodellbau. Da geht es nicht um Basteln, sondern um Formen für Gussteile. Es geht um Maße, Wiederholgenauigkeit, Tempo. Und um eine Umgebung, die wenig Geduld für Langsamkeit hat.
Reger beschreibt diese Lehrjahre als schwäbische Schule im besten und im härtesten Sinn. Der Ton ist direkt, die Arbeit eng getaktet, Fehler sind teuer. Es ist die Art Ausbildung, die nicht fragt, ob du dich gerade entfalten willst, sondern ob du lieferst. Das kann man in seinem späteren Drive verorten, ohne psychologisieren zu müssen: Wer mit Taktzeit aufwächst, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Planung, Risiko und Perfektion.
Reger wirkt dabei nicht wie jemand, der die Vergangenheit verklärt. Er erzählt sie im Podcast so, wie man in Werkstätten erzählt: knapp, konkret, mit dem Fokus auf das, was hängen bleibt. Sein Maßstab ist nicht die perfekte Formulierung, sondern der Moment, in dem das Ergebnis stimmt. Man kann das als Ungeduld lesen. Man kann es auch als Konsequenz eines Umfelds lesen, in dem Stillstand nicht romantisch wirkt, sondern schlicht stört.
Verantwortung als Grundrauschen seiner Haltung
Zu diesem Praxisdrang kommt eine zweite Prägung, die Reger im Gespräch nur am Rand streift, die aber im Text als Hintergrundfolie taugt: die Größe seiner Familie. Er als Zweitältester von insgesamt elf Kindern. Mehr braucht es nicht. Es ist kein privates Kapitel, das man auswalzt, sondern ein Hinweis darauf, wie früh Verantwortung in seinem Alltag normal gewesen sein dürfte.
Später spricht er kurz über die eigene Familie und dass ihn das glücklich macht. Auch hier gilt: nicht ins Private abbiegen. Reger wirkt nicht wie jemand, der „Karriere“ als Selbstzweck betreibt. Er wirkt wie jemand, der Verantwortung gewohnt ist und daraus eine gewisse Konsequenz ableitet. Wenn Dinge nicht vorangehen, bleibt er nicht lange in der Analyse. Er sucht die Stelle, an der man drehen kann. Und dreht.
San Francisco statt Werkbank: Der Sozialarbeiter-Umweg, der ihn prägt
Dazu gehört auch ein Bruch, der in seinem Lebenslauf wie ein Fremdkörper wirkt und ihn zugleich erklärt: Reger ging in die USA und arbeitete in San Francisco als Sozialarbeiter in einem Obdachlosenheim, als „Case Manager“. Nicht Maschine, sondern Menschen, nicht Konstruktion, sondern Krise. Er sagt, er sei eigentlich nur für ein halbes Jahr hingegangen und deutlich länger geblieben, weil er plötzlich dachte: Das ist „meine Berufung“, das will er „für mein Leben lang“ machen.
Nach rund anderthalb Jahren aber wurde es ihm „too much“. Reger beschreibt sich als ehrgeizig: Wenn er etwas tut, dann „vom Herzen und mit Vollgas“. In der Sozialarbeit stößt dieses Prinzip an Grenzen, weil Ergebnisse nicht allein von dir abhängen. Er spricht davon, Tag und Nacht an schweren Fällen gearbeitet zu haben, während Menschen wieder abrutschen, Drogen eine Rolle spielen und das Umfeld nicht immer dasselbe Ziel verfolgt. Für ihn war das mehr als ein Job, mit Schicksalen zu arbeiten. Irgendwann zog er die Konsequenz und suchte etwas, das ihm „Spaß macht“ und für ihn „nachhaltiger“ ist.
Stand: 08.12.2025
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Reger probiert nicht „mal“ etwas aus. Er geht rein, bis es ihn auffrisst. Und wenn er merkt, dass er keinen Hebel hat, wechselt er das Feld. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er Wirkung will.
Selbermachen: Wer die Bausteine nicht kontrolliert, kontrolliert das Produkt nicht
Der nächste Sprung führt in die Schweiz: Wie kommt jemand ohne Studium an einen Ingenieursjob? Er hat sich durchgesetzt, weil er die fehlende akademische Abkürzung mit Tempo kompensiert. Reger schildert, wie er sich die neue Welt über Anschauung erarbeitet: Videos, Bilder, Vergleiche, Wiederholung, nachts, zehnmal. Dazu kommt ein Mentor, der ihm zeigt, wie man Robotik „liest“. Er wartet nicht, bis er offiziell „bereit“ ist. Er erarbeitet sich die Kompetenz im Laufe der Arbeit, bis sie Ergebnisse liefert.
Neura Lara: Mit einem Cobot fing alles an. Noch immer sind die beliebten Roboterarme Teil des Neura-Portfolios.
(Bild: Neura Robotics)
Aus der Schweizer Industrie- und Robotikzeit leitet Reger eine These ab, die später Neura prägt: Wer wirklich Neues bauen will, darf sich nicht zu früh an bestehende Lieferketten binden. Er beschreibt, wie Innovation in der Praxis an Mindeststückzahlen und Einkaufslogik scheitern kann.
Wer etwa bei Zulieferern nach einem neuen Motor, Encoder oder Sensor fragt, bekommt zunächst die Gegenfrage nach Stückzahlen. Ohne Prototyp keine belastbaren Mengen, ohne Mengen keine Entwicklung. Ergebnis: Viele Projekte bewegen sich nur in kleinen Schritten. Selbermachen ist also die einzig logische Option: Wer die entscheidenden Bausteine nicht kontrolliert, kontrolliert am Ende auch das Produkt nicht.
Warum er Neura als Plattform denkt und nicht als Roboterbauer
Zu Neura kommt Reger nicht über einen Businessplan, sondern über ein Muster, das sich bei ihm durchzieht: Praxisdrang, Ungeduld mit den Grenzen klassischer Automatisierung und der Idee, Robotik nicht als „Programmieren von Bahnen“ zu verstehen, sondern als Lernproblem. Der Unternehmer erzählt, dass sein Team wenige Monate nach der Gründung einen vollständigen Prototyp eines Cobots gebaut und kurz darauf bereits an einen anderen Roboterhersteller geliefert habe.
In den ersten Neura-Jahren sucht Reger nicht zuerst den großen deutschen Schulterschluss, sondern den schnellsten Weg zu großen Stückzahlen. In China trifft er auf eine Geschwindigkeit, die er aus Europa so nicht kennt. Wenn dort jemand das Produkt will, dann geht es um die einfache Frage: „Wie viel Geld brauchst du?“ Für Reger ist das zunächst ein Hebel: Neura liefert, die chinesische Seite verkauft schnell.
Doch der Deal bekommt eine zweite Seite. Der Start-up-Gründer schildert später, dass chinesische Partner auch als Investoren an Bord waren und dass er sie am Ende herauskaufen musste. Er erzählt von Druck, von einer Phase, in der es existenziell wurde, und davon, dass er dafür persönlich ins Risiko ging, um IP und Kontrolle zurückzuholen.
Neura-Produkte: Auch Serviceroboter gehören zum Portfolio von Neura.
(Bild: Neura Robotics)
Er ist bereit, mit China zu arbeiten, weil er den Markt und die Geschwindigkeit sieht. Er ist aber nicht bereit, die Schlüssel aus der Hand zu geben.
Reger hatte den Verkauf von Kuka nach China „ziemlich verurteilt“. Es sei ein Verlust für die deutsche Technologie. Das ist hier nicht als politische Pointe zu verstehen, sondern als Selbstbeschreibung: Er kennt die Verlockung der schnellen Deals und das Risiko dahinter. Deshalb zieht er eine Grenze, die er später auch bei anderen Themen zieht. Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis.
Robotik statt Automotive als Zugpferd der deutschen Industrie?
„Grundsätzlich ist Deutschland, glaube ich, der falsche Standort überhaupt ein Unternehmen zu gründen“, wirft Reger vorneweg und dann kommt das „trotzdem“: Er begründet es mit dem, was er als nächste industrielle Aufgabe sieht: Wenn Automotive nicht mehr die Zugmaschine sei, brauche es etwas Neues. Robotik soll ein solcher Pfeiler für Deutschland werden. „Wir brauchen einen neuen Wirtschaftszweig. Der muss radikal geschaffen werden.“ Genau das ist seine Vision: Neura als deutscher globaler Player in dieser Industrie.
Dass er ausgerechnet China nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Realität beschreibt, macht ihn interessanter. In der Dramaturgie ist das ein Scharnier: Der Mann, der Kuka kritisiert, musste selbst erleben, wie schnell Kontrolle zur Existenzfrage wird. Seine Haltung wird dadurch weniger Pose, mehr Erfahrung.
Defence-Hype als Charaktertest
Beim Thema Defence zieht der Unternehmer eine klare Grenze: Er sagt, es gebe viele Anfragen, noch mehr Geld und verlockend einfache Abnahmeversprechen. Ebenso klar sagt er, dass er alle Anfragen aus diesem Bereich ablehnt.
4NE1 ( „For anyone“) – außer für die Rüstungsindustrie: Neura-Roboter sollen laut Reger ausschließlich zivilen Zwecken dienen.
(Bild: Neura Robotics)
Er nennt Defence einen Shortcut und hält ihn für „null nachhaltig“, weil ein Geschäftsmodell dann am Fortbestehen von Konflikten hängt. "Ich glaube auch, dass wir keinen Frieden in Deutschland schaffen können, indem wir bessere Waffen haben", erklärt Reger.
Am interessantesten dabei ist aber, wie er das begründet – nicht nur moralisch, sondern nachvollziehbar strategisch: Er beabsichtigt, ein Weltunternehmen aufzubauen, das zivilen Nutzen skaliert. Er setzt als Gegenbild „Relevanz“ über Technologie und Produktivität. Nicht die Aufrüstung soll Sicherheit bringen, sondern eine wirtschaftliche und technologische Abhängigkeit, weil sie Einfluss schafft.
Neura, das „zweite SAP“?
Reger bleibt also jemand, der sich nicht von bequemen Abkürzungen verführen lässt. Seine Vision ist groß, aber nicht unrealistisch. Noch nicht. Von Investoren wird er häufig gefragt, warum ausgerechnet Neura das „zweite SAP“ werden kann. Abgesehen von diesem Beispiel, um nicht zu sagen: dieser beispiellosen Ausnahme eines Softwarekonzerns, ist Deutschland nicht gerade dafür bekannt, dass aus Start-ups globale Konzerne hervorgehen. Aber diese ständige „Deutschland kann das nicht“-Erzählung ist für den Gründer Reger nicht Bremse, sondern Antrieb: „Das ist ja genau das, was mich motiviert. […] Ich will genau diese Foundation legen.“
Aktuell scheint er jedenfalls auf dem besten Weg dorthin zu sein. (mc)