Ernüchterung statt Euphorie Cobots: Ist der Hype vorbei?

Von Manuel Christa 7 min Lesedauer

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Rund um kollaborative Robotersysteme – kurz Cobots – ranken sich seit Jahren große Erwartungen: Sie sollen Menschen in der Produktion unterstützen, ohne sperrige Schutzzäune auskommen und in engem Takt mit Menschen zusammenarbeiten. Doch so weit ist die Branche noch nicht. Ist also der Cobot-Hype tatsächlich vorbei?

Vier Fachleute mit unterschiedlichem Hintergrund: (v.l.n.r. sitzend) Dr.-Ing. Johannes Kurth (ehemals KUKA, jetzt Berater bei ROBUEN), Heiko Röhrig (EGS Automation, Robotik-Experte), Dr. Theo Jacobs (Fraunhofer IPA Stuttgart) und Fabian Maurer (Tepea Automatisierungstechnik Robotik). Moderiert hat Jens Müller (li.), Geschäftsführer von Müller und Partner Sachverständige. (Bild:  Manuel Christa)
Vier Fachleute mit unterschiedlichem Hintergrund: (v.l.n.r. sitzend) Dr.-Ing. Johannes Kurth (ehemals KUKA, jetzt Berater bei ROBUEN), Heiko Röhrig (EGS Automation, Robotik-Experte), Dr. Theo Jacobs (Fraunhofer IPA Stuttgart) und Fabian Maurer (Tepea Automatisierungstechnik Robotik). Moderiert hat Jens Müller (li.), Geschäftsführer von Müller und Partner Sachverständige.
(Bild: Manuel Christa)

Auf Messen und in der Fachpresse wurden Cobots zunächst als regelrechte Revolution gefeiert, weil sie einfache Automatisierung und neue Einsatzmöglichkeiten versprachen. Inzwischen scheint die anfängliche Euphorie jedoch nachzulassen, da sich nicht alle Versprechungen reibungslos erfüllen ließen. Oder beginnt die eigentliche Entwicklung vielleicht erst jetzt, wo erste reale Anwendungen zeigen, wozu Cobots tatsächlich fähig sind?

Podiumsdiskussion: „Cobots – Ist der Hype vorbei?“

Darüber sprach eine Expertenrunde auf der Automatisierungsmesse „All About Automation“ in Friedrichshafen. Eingeladen waren vier Fachleute mit unterschiedlichem Hintergrund:

  • Dr.-Ing. Johannes Kurth (ehemals KUKA, jetzt Berater bei ROBUEN),
  • Moderiert hat Jens Müller, Geschäftsführer von Müller und Partner Sachverständige.

Sie alle berichteten von Chancen und Hemmnissen, von konkreten Integrationsprojekten und bewerteten sowohl technische als auch wirtschaftliche Aspekte. Dabei zeigte sich, dass kollaborative Roboter längst den Einzug in verschiedene Produktionsbereiche geschafft haben, sich die Aufbruchstimmung der Anfangsjahre allerdings in eine pragmatischere Sichtweise verwandelt hat.

Im Folgenden soll ein Blick auf die wichtigsten Aussagen und Erkenntnisse dieser Diskussion geworfen werden: Wo liegen die Potenziale kollaborativer Roboter tatsächlich, welche Stolpersteine gibt es und wie gestaltet sich die Zukunft dieser jungen Technologie? Zwar scheint die Begeisterung teilweise abzunehmen, doch klar ist: Der erste Hype ist vielleicht vorbei, der Cobot-Boom aber längst nicht.

Cobot oder Industrieroboter?

Kollaborative Roboter – häufig nur Cobots genannt – sind so konzipiert, dass sie ohne große Schutzeinrichtungen Seite an Seite mit Menschen arbeiten können. Sie verfügen über eingebaute Sensoren, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Leichtbauweisen, die eine sichere Interaktion ermöglichen. Gerade diese Eigenschaften sorgten für die Idee, Cobots könnten eine regelrechte Revolution der Werkhallen bedeuten: flexibel, intuitiv und platzsparend.

Das Spannende ist die neue Aufteilung der Aufgaben zwischen Mensch und Roboter: Während klassische Industrieroboter monotone, schnelle Abläufe bewältigen, sollen Cobots dort zum Einsatz kommen, wo bislang stark auf menschliche Feinfühligkeit oder anpassungsfähige Handarbeit gesetzt wurde. Beispielsweise in der End-of-Line-Logistik oder bei ergonomisch belastenden Montageschritten. Sicher aber ist, dass Cobots weniger robust sind als schwere Industrieroboter, da ihr Design auf sichere Zusammenarbeit ausgelegt ist.

Fabian Maurer von Tepea schätzt, das Verhältnis zwischen Cobots und Industrierobotern bei seinen Aufträgen in etwa auf jeweils die Hälfte, je nach Anwendung.

Ganz anders berichtet Heiko Röhrig von EGS. Bei circa 95 Prozent der Aufträge, die zunächst als Cobot-Lösung eintrudeln, wird bei EGS der Auftrag dann doch per Industrieroboter gelöst. „Die dogmatischen Anfragen, bei denen ein Cobot gefordert wird, nehmen ab und es geht hin zu technisch fundierten Anfragen“, so Röhrig.

Chancen, Herausforderungen und Normen von Cobots

Wenn eine neue Technologie auf den Markt kommt, möchte man die zunächst in Bestandsanlagen ausprobieren. „Das Problem ist, Mensch-Roboter-Kollaboration passt aber schon von der Idee her überhaupt nicht in Bestandsanlagen oder eben nur sehr selten. Eigentlich nur dann, wenn man Planungsfehler damit korrigieren kann“, meint Dr. Kurth. Mittlerweile habe man den Nachweis gebracht, dass die Technologie funktioniert. Nun sei es aber an der Zeit darüber nachzudenken, Mensch-Roboter-Kollaboration bei Neuanlagen dort einzusetzen, wo sie sinnvoll ist.

Aus Sicht der Forschung habe man vom ersten Hype dazugelernt, meint Dr. Jacobs vom Fraunhofer IPA: „Ich glaube, diese erste Hypewelle, wo einfach auch die Kunden kamen mit dem Wunsch, es muss zaunlos sein, es muss kollaborativ sein und bitte gar nichts anderes hinbauen, das kann ich meinem Chef nicht verkaufen, das haben wir glücklicherweise so ein bisschen hinter uns gelassen.“

Nun sei auch dank des Hypes in der Sicherheitstechnik technologisch mehr möglich als vor etwa 10 oder 15 Jahren. Wir hätten jetzt entsprechend sichere Steuerungen für die Kollaboration oder sichere begrenzte Geschwindigkeiten, dass in sicheren Arbeitsräumen gearbeitet werden kann.

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Chancen und Potenziale zusammengefasst

  • Ergonomische Entlastung: Cobots eignen sich für körperlich anstrengende oder monotone Tätigkeiten. Das senkt Gesundheitsrisiken und erhöht die Attraktivität des Arbeitsplatzes.
  • Flexibilität und Platzersparnis: Die kompakte Bauweise ermöglicht den Einsatz auch dort, wo kein Raum für große Roboterzellen vorhanden ist. Cobots lassen sich zudem schneller umrüsten.
  • Mensch-Roboter-Teamwork: Der Cobot kann einfache oder unergonomische Tätigkeiten übernehmen, während die Werkerin oder der Werker sich auf anspruchsvollere Handgriffe konzentriert.
  • Herausforderungen
  • Sicherheit und Haftung: Trotz integrierter Sicherheitsfunktionen erfordert jede Anwendung eine eigene Gefährdungsbeurteilung. Oft bleiben Schutzmaßnahmen und Sensorik unverzichtbar.
  • Fehleinschätzungen: Nicht alle Aufgaben eignen sich für kollaborative Roboter. Hohe Taktzeiten, komplizierte Produktionsabläufe oder bestimmte Prozessrisiken können den Einsatz erschweren.
  • Robustheit und Lebensdauer: Das Leichtbaukonzept macht Cobots sensibler. In schmutzigen oder sehr schnellen Produktionsumgebungen kann das zu vorzeitigem Verschleiß führen.
  • Integration in bestehende Anlagen: Vorhandene Maschinen sind nicht immer für eine kollaborative Umgebung ausgelegt. Schnittstellen müssen neu geschaffen, Abläufe oft umgeplant werden.

Normen und Sicherheitsvorschriften

Ein zentrales Thema auf dem Podium war der normative Rahmen, insbesondere ISO 10218 als Basisrichtlinie für Roboter. Neue Ergänzungen definieren konkrete Kraft- und Druckgrenzwerte oder regeln, welche Geschwindigkeiten als sicher gelten. In der Praxis gestaltet sich das jedoch komplex, da neben der Maschinenrichtlinie auch die jeweilige Anwendung zu beurteilen ist. Betriebe sollten daher früh Experten für Robotersicherheit einbeziehen, um spätere Anpassungen zu vermeiden.

„Das ist eigentlich nach wie vor die große Herausforderung, also es kommen Leute von einer Messe, es wird hier auch der Fall sein, es laufen doch Cobots, die haben entweder kein Werkzeug oder irgendeinen Ball am Handgelenk und daraus nimmt halt einfach jeder mit, da kann ich einen relativ einfachen Greifer dran schrauben und dann geht's los. Und ich bin tagtäglich regelmäßig noch bei Neuanfragen in Werkhallen unterwegs und es ist nach wie vor abenteuerlich, was da im Do-it-yourself-Bereich aufgebaut wird. Also der Klassiker Cobot mit einem pneumatischen Greifer am Handgelenk und Schutzzaun ist nach wie vor Realität“, berichtet Heiko Röhrig aus der Praxis und appelliert an die Roboterhersteller, auch im Sinne des Endanwenders, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten. „Es hilft mir nichts, einen Roboter in den Markt zu bringen, der am Ende Gefährdung darstellt. Es hilft mir nur was, wenn ein Roboter normenkonform und schlussendlich irgendwo arbeitet.“ Gerade im Hinblick auf die neue ISO 10218 sind sich die Experten einig, dass noch viel geschehen muss, um kollaborative Robotik unbürokratisch einsetzen zu können.

Der Leichtbauroboter LBR iiwa von KUKA war 2004 einer der ersten Cobots.(Bild:  KUKA)
Der Leichtbauroboter LBR iiwa von KUKA war 2004 einer der ersten Cobots.
(Bild: KUKA)

Wirtschaftliche Perspektive

Nicht immer ist ein Cobot die wirtschaftlichste Lösung. Gerade bei extrem schnellen Taktzeiten oder hohen Stückzahlen sind klassische Industrieroboter oft unschlagbar. ROI (Return on Investment) und TCO (Total Cost of Ownership) hängen unter anderem davon ab, wie häufig Prozesse umgerüstet werden müssen, wie sensibel das Arbeitsumfeld ist und ob sich der geringere Platzbedarf in echte Kostenvorteile ummünzen lässt.

Gleichzeitig können Cobots in Variantenfertigungen oder bei kleineren Losgrößen punkten, weil sie sich schnell an neue Aufgaben anpassen lassen. Die Investitions- und Installationskosten bleiben zudem oft niedriger, da auf umfangreiche Schutzzäune verzichtet werden kann. Unterm Strich gilt: Wo Flexibilität gefragt ist, hilft der Cobot; wo es rein um Output geht, bleibt der Industrieroboter meist konkurrenzlos.

Langlebigkeit und Robustheit ist hier auch entscheidend. Aus der Praxis berichtet Geschäftsführer Fabian Maurer von Tepea und bestätigt, dass sich hier durchaus dank des Hypes einiges getan hat. „Aber ganz unter uns: Wenn ein Roboter mit der gleichen Traglast ein Viertel vom Eigengewicht eines Industrieroboters hat, dann wird er am Ende nicht so robust sein können. Also nicht bei gleicher Performance“, so Maurer und fügt hinzu: „Einen Cobot an einer Stelle einzusetzen, wie der Kollege kurz gesagt hat, wo eigentlich ein Industrie- Roboter hingehört, ist der falsche Weg, an einer Stelle einzusetzen, wo ich zum Beispiel auch den Leichtbau nutze, weil ich ihn hängen will, ist er genau richtig untergebracht.

Cobots: Der Hype ist der Reifephase gewichen

Die Podiumsdiskussion hat gezeigt, dass sich der Markt für Cobots in einer Reifephase befindet: Anfangs noch als Wundermittel bejubelt, um günstig und zaunlos automatisieren zu können, zeigen realitätsnahe Praxiserfahrungen, wo Cobots tatsächlich glänzen können und wo ein klassischer Industrieroboter weiterhin die bessere Wahl ist.

Gerade bei ergonomisch belastenden Tätigkeiten und in flexiblen Produktionen spielen Cobots ihre Vorteile aus.

Auch die Normen entwickeln sich weiter, sodass sicherheitstechnische Fragen zunehmend klarer geregelt sind. Gemeinsam mit Fachleuten für Robotersicherheit und sorgfältiger Planung lässt sich vermeiden, dass ein vermeintlich simpler Cobot-Einsatz später doch nachträgliche Umbauten erfordert.

Wo Flexibilität, Platzersparnis und menschennahe Handhabung gefragt sind, sprechen gute Gründe dafür. Wo hohe Stückzahlen oder maximale Geschwindigkeit im Vordergrund stehen, bleibt der klassische Roboter oft die erste Wahl.

Unterm Strich ist das Interesse um Cobots noch nicht geringer geworden – es hat sich nur auf ein realistischeres Niveau eingependelt. Und genau das könnte den nachhaltigen Erfolg der Mensch-Roboter-Kollaboration fördern, da Projekte nun mit größerer Sachlichkeit und Planungssicherheit angegangen werden. Wer das Potenzial erkennt und es sachgemäß umsetzt, darf sich auf leistungsfähige und ergonomisch wertvolle Produktionslösungen freuen.

(mc)

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