CMMI bei der Continental Division Powertrain CMMI-Modell als Referenz für System- und Software-Entwicklungsprozesse
Immer komplexere Produkte sowie steigende Anforderungen des Marktes hinsichtlich Qualität, Kosten und Zeit fordern neue Vorgehensweisen für die Ablauforganisation in der Automobilzuliefer-Industrie. Die Division Powertrain der Continental AG erkannte diese Situation frühzeitig und wählte für Softwareentwicklungsprozesse das CMMI-Modell als Referenz.
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CMMI (Capability Maturity Model Integration) ist ein Referenzmodell zur Beurteilung und Verbesserung der Reife von Geschäftsprozessen, das fünf Reifegradstufen (Maturity Level) postuliert. Eine Organisation auf (Maturity) Level 1 ist durch hohes Risiko und wenig Qualitätsbewusstsein geprägt. Eine Level-5-Organisation hingegen minimiert die Risiken und kann einen hohen Qualitätsstandard vorweisen.
Drei Gründe für CMMI
Für die Division Powertrain von Continental gab es drei wesentliche Gründe, sich für CMMI zu entscheiden. Zum einen weist CMMI einen sehr guten Praxisbezug auf, weil die nachhaltige Implementierung der theoretisch beschriebenen Prozesse nachgewiesen werden muss und Unterschiede zwischen Theorie und Praxis identifiziert und dokumentiert werden. Zum anderen ist der Erfolg von CMMI-Einführungen erwiesen.
Nach einer Studie des SEI (Performance Results of CMMI-Based Process Improvements, August 2006) erreichten die 30 befragten Unternehmen nach der CMMI-Einführung signifikante Verbesserungen z.B. bei Kosten (durchschnittlich 34%), Produktivität (61%) und Qualität (48%). CMMI eignete sich daher besonders gut für Powertrain, da messbare Leistungssteigerungen der Entwicklungsprozesse erzielt werden sollten. Als System-Lieferant war für Powertrain außerdem ausschlaggebend, dass System-, Software- und Komponentenentwicklungsprozesse mit den Prozesskategorien des CMMI-Modells verglichen werden können.
In mehreren Etappen zum Ziel
Initiale Audits lieferten schnell ein vollständiges Bild über Stärken und Schwächen der damaligen Ausgangssituation. Auf dieser Basis konnte mittels der Handlungsempfehlung der externen Auditoren, eigener Prioritäten und der Unterstützung der Beratungsfirma NaviGet GmbH ein zielgerichtetes Verbesserungsprogramm gestartet werden.
Das Gesamtvorhaben „Standardisierung/Optimierung aller Produktentwicklungs-Prozesse“ wurde in mehrere Etappen aufgeteilt. Erstes Teilziel war die Standardisierung des System- und Software-Entwicklungsprozesses und das Erreichen des Levels 2 mit dem Fokus Projekt- und Produktqualität. Anschließend wurde der Level 3 zur Definition organisationsweiter und einheitlicher Prozesse mit dem Ziel der Kosten- und Entwicklungszeitoptimierung festgelegt. Zuletzt startete die Einführung von CMMI auch bei den Komponenten-Entwicklungsprozessen.
Um eine nachhaltige Wirkung der Prozessverbesserungen sicherzustellen, wurden bereits zum Projektstart die jeweiligen Prozesseigner und Prozessmanager etabliert, wobei sich die Struktur der Verantwortungen an den CMMI Prozesskategorien orientiert. Prozesseigner und Prozessmanager bleiben über das Projekt hinaus in der Verantwortung für die jeweilige Prozesskategorie wie z.B. für Requirements Management oder Verification/Validation bzw. für den jeweiligen Geschäftsprozess wie z.B. Software-Entwicklung.
Entscheidungen über neue Prozessoptimierungen und -standardisierungen erfolgen seit der CMMI-Einführung in Gremien, die auf unterschiedlichen organisatorischen Ebenen eingerichtet sind und entsprechende Handlungsvollmachten haben.
Damit alle beteiligten Ressourcen zielgerichtet und synchronisiert zusammenarbeiten, hat Powertrain eine Vorgehensweise inklusive Tools zur Abwicklung von Prozess-Verbesserungsprojekten definiert, die in jedem Prozessverbesserungsprojekt verwendet wird. Nach der Pilotierung in repräsentativen Kundenprojekten an mehreren Standorten und in allen betroffenen Geschäftsprozessen werden die Ergebnisse eines Verbesserungszyklusses in einer neuen Prozess-Version offiziell zur Anwendung freigegeben.
Eine ganze Reihe positiver Ergebnisse

Die Einführung standardisierter Geschäftsprozesse und das Erreichen des CMMI Level 3 für System- und Softwareentwicklung zeigten deutliche Wirkung im Hinblick auf Projekte, Produkte, Prozesse und Mitarbeiter.
Projekte und Produkte:
- Signifikant gestiegene Projektrentabilität durch weniger bzw. kürzere Entwicklungszyklen und maßgebliche Verbesserung von Frontloaded Design mit Hilfe eines durchgängigen Anforderungs- und Change Managements.
- Disziplinübergreifendes Projektmanagement, klare Reporting- und Eskalationswege.
- Schnelle Erreichung der geforderten Produktreife und Produktqualität.
- Für den Kunden kann nachgewiesen werden, mit welcher Prozessversion sein Produkt entwickelt wird.
Projekte und Produkte:
- Konsistente, leicht zugängliche, weltweit einheitliche Prozessdokumentation.
- Transparenz hinsichtlich Leistungsfähigkeit der Prozesse und Einhaltung der Prozesse.
- Gestiegene Nachhaltigkeit und gesunkene Kosten in Prozessverbesserungsprojekten.
- Powertrain ist in der Lage, die Wirkung der Verbesserungsmaßnahmen der jeweiligen Version zuzuordnen.
Mitarbeiter:
- Konsistentes Trainings- und Coaching-Konzept.
- Aktive Teilnahme an Prozessverbesserungen.
- Prozesse können projektspezifisch und „kontrolliert“ angepasst werden.

Die standardisierten, mit ARIS modellierten Entwicklungsprozesse, zugehörige Methoden, Checklisten und Vorlagen sind weltweit für alle Mitarbeiter im Intranet in der sogenannten Powertrain Process World grafisch visualisiert verfügbar. Bis Anfang 2008 wurden ca. 2000 Entwickler an 13 Standorten trainiert und befähigt, standortübergreifend in komplexen Powertrain-Projekten damit zu arbeiten. Über rollenbasierte Sichten können die Anwender auf für sie relevante Prozesselemente zugreifen. Das jetzt etablierte systematische Prozess-Änderungsmanagement sorgt für eine kontinuierliche Verbesserung der Prozesse. Um die typischen Risiken in Großprojekten zu vermeiden, richtete Powertrain zusammen mit der NaviGet GmbH das Projekt von Beginn an entsprechend der Leitlinien Zielorientierung, Beteiligung und Geschäftsbezug aus.

Powertrain setzt standardisierte System- und Software-Entwicklungsprozesse ein; Prozess-Metriken geben Hinweise auf Verbesserungspotenziale und Verantwortlichkeiten sind etabliert. Die Organisation ist befähigt, Handlungsbedarfe zu erkennen, Verbesserungsprojekte abzuwickeln und die daraus resultierenden Sollprozesse nachhaltig auszurollen. Der ursprüngliche Zweck der CMMI-Einführung wurde somit erfüllt.
Im Dezember 2007 erfolgte die Integration mit der Continental AG. Die neu strukturierte Division Powertrain fokussiert sich jetzt darauf, auch in der Komponentenentwicklung den CMMI Level 3 zu erzielen und die Erkenntnisse aus der Anwendung der CMMI-Einführung in der Produktentwicklung auf andere Prozesskategorien und Organisationsbereiche zu übertragen, damit in allen Geschäftsprozessen ein vergleichbarer Reifegrad erreicht wird.
*Gerhard Spanner ist CMMI- und Prozessmanagement-Experte in der Business Unit Engines Systems bei Continental.Stefan Weber ist Senior Expert Process and Quality Management in der Business Unit Engines Systems bei Continental.Ingo Lamprecht ist bei der NaviGet GmbH Seniorberater für Prozess Management und CMMI.
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