Robotik in der Fertigung Chinesische Cobots arbeiten als „Praktikanten“ beim Bau von E-Autos

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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Praktikant gesucht? Wie wäre es mit einem Cobot aus China? Mehrere chinesische Hersteller entsenden ihre agilen, für die Kooperation mit Menschen entwickelten Industrieroboter neuerdings für eine Art Praktikum in die Werkhallen großer Hersteller, wie auf der Industriemesse CIIF in Shanghai zu erfahren war.

Cobots sollen den Mitarbeitern die Arbeit primär erleichtern, nicht die Arbeitsstelle überflüssig machen.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Cobots sollen den Mitarbeitern die Arbeit primär erleichtern, nicht die Arbeitsstelle überflüssig machen.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Unter anderem beim Apple-Zulieferer Foxconn und in den E-Auto-Fabriken von BYD und Xiaomi werkeln zur Zeit Cobots mehrerer chinesischer Hersteller vor sich hin, berichtet die chinesische Tageszeitung Jiefang Ribao von den Messeständen der Großunternehmen. Ähnlich wie echte Praktikanten kosten die „Cobot-Praktikanten“ nicht viel, hoffen aber im Gegenzug für fleißige Arbeit auf eine Festanstellung. Genauer gesagt hoffen ihre Hersteller auf Bestellungen der Industrieunternehmen, die schon mehrere Tausend Stück auf einmal einkaufen.

„Mehrere Marken von kollaborativen Robotern aus heimischer Produktion sind für ‚Praktika‘ an die Produktionslinien in den Benchmark-Fabriken dieser führenden Unternehmen entsandt worden“, heißt es in dem Bericht von der „China International Industry Fair“, die vom 24. bis 28. September 2024 in Shanghai stattgefunden hat.

Es werde dabei getestet, „ob die Cobots Bildübertragungen mit konkaven Monitoren („Curved Screens“), die Verarbeitung von photovoltaischen Paneelen, das Lichtbogenschweißen und andere Szenarien beherrschen, die früher „rein menschlich“ waren und die Roboter mit guter Leistung werden in Zukunft genutzt werden“, berichtet die Jiefang Ribao weiter.

Cobots erobern die Werkhallen

Die Cobots schicken sich also gerade an, die Werkhallen Chinas zu erobern. „In diesem Jahr ist die Nachfrage bei den großen Herstellern besonders dringlich geworden“, schreibt die Jiefang Ribao. Foxconn, seine Konkurrenten Luxshare (der gerade die Mehrheit an Leoni übernommen hat) und Lens hätten mehr als 200 der mobilen Arbeitsroboter im Einsatz.

„Im Anschluss an Verifizierung und Tests wird erwartet, dass es im nächsten und übernächsten Jahr zur Einführung von großen Stückzahlen kommen wird“, so die Jiefang Ribao. Mit anderen Worten: Nach Abschluss ihrer Praktika dürfen die besten Cobots damit rechnen, bald viele ihrer Kollegen begrüßen zu dürfen.

Die „Colloborative Robots“ oder Cobots, die für die Zusammenarbeit mit Arbeitern entwickelt wurden und oft einem menschlichen Arm ähneln, werden weltweit schnell immer populärer, erobern einen immer größeren Anteil am Gesamtmarkt der Industrieroboter. Für das laufende Jahr schätzt die International Federation of Robotics (IFR), dass rund zehn Prozent der weltweit insgesamt 600.000 neu installierten Industrieroboter sogenannte Cobots sein werden.

Mehr als die Hälfte dieses Marktes ist in China, dessen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter schon seit 2010 allmählich schrumpft und dessen Regierung die Automatisierung und insbesondere auch die Robotik gezielt fördert, um die heimische Fertigungsindustrie zukunftsfähig zu machen.

Dominanz in der Cobot-Industrie

Noch wird die relativ junge, gerade einmal anderthalb Jahrzehnte alte Cobot-Industrie von den „Big Four“ dominiert – Fanuc und Yaskawa aus Japan, ABB aus der Schweiz und KUKA (ursprünglich deutsch, aber in chinesischem Besitz). Weil Cobots neuerdings so „heiß“ sind, drängen jetzt auch andere große Robotik-Hersteller wie Denso und Kawasaki in dieses Segment.

Und die chinesischen Hersteller werden gleichzeitig immer stärker. Technisch noch ein klein wenig unterlegen, darauf legen vor allem ausländische Analysten immer großen Wert, aber es wird nun wirklich nicht mehr lange dauern, bis sie komplett aufgeholt haben. Auf jeder CIIF sind viele neue Cobot-Innovationen „made in China“ zu bewundern.

Dabei können die chinesischen Produzenten viel günstiger produzieren und verkaufen – und dies keinesfalls nur wegen einiger Subventionen, sondern wegen der in ihrem großen Heimatmarkt möglichen Skalierung und den günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, für die ihre Regierung sorgt, z. B. vernünftige Energiepreise, guter Zugang zu Kapitalmärkten schon für Start-ups, aber auch in späteren Finanzierungsrunden und auch schnelle bürokratische Prozesse.

Cobot-Innovationen aus China

JAKA aus Shanghai hat auf der diesjährigen CIIF sein Modell „Max 40“ vorgestellt, dessen Arm Objekte von bis zu 40 Kilogramm halten kann, doppelt so viel wie in der Industrie bislang üblich.

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Flexiv, ebenfalls aus Shanghai, hat sein neues Modell „Moonlight“ vorgestellt, einen „adaptiven Parallel-Roboter, voller High-Tech-Sensorik, der Feedback über seinen Einsatz in Echtzeit geben kann. Die Cobots dieser Marke sind in China in der Automobilindustrie beliebt, eignen sich aber auch für Fertigungsprozesse in den Bereichen Verbraucherelektronik, Batterien und Biochemie.

Wo Cobots „made in China“ gegen solche aus ausländischer Produktion antreten, sind sie oft bis zu 30 Prozent billiger. Das hat eine Reihe von Gründen, neben der in China möglichen Skalierung, also der Fertigung in enormen Serien, auch der harte Wettbewerb unter den Herstellern und letztlich auch die in China und ganz Asien üblichen Geschäftsmethoden, die sich deutlich von den europäischen oder japanischen unterscheiden: Man hat hinreichend Zugang zu Kapital und erkämpft sich anfangs Marktanteile, ist nicht von Beginn an auf hohe Margen angewiesen.

Günstig und zuverlässig

30 Prozent billiger bedeutet aber nicht, dass die chinesischen Cobots auch schlecht sind. Weil sich nun noch das „Technology Gap“ rasant immer weiter verkleinert, chinesische Cobots also zügig auch im Hinblick auf Feinmotorik, Traglast und Software gegenüber Modellen von Fanuc, Kuka und Co. aufholen, wächst der Marktanteil von Cobots aus heimischer Fertigung von Jahr zu Jahr.

Daten der kanadischen Datenbank MIR zeigen, dass in der ersten Hälfte dieses Jahres chinesische Unternehmen erstmals mehr als die Hälfte des chinesischen Marktes für Industrieroboter insgesamt für sich gewonnen haben. Im Jahr 2022 hatte diese Lokalisierungsrate noch bei 36 Prozent gelegen.

„Unternehmen wie Inovance aus Shenzhen, Estun Automation aus Nanjing und Siasun Robotics aus Shenyang verkleinern den Rückstand auf ihre japanischen und europäischen Konkurrenten, besonders im schnell wachsenden Marktsegment der Cobots“, schreibt DigiTimes Asia.

Auf der Industriemesse CIIF ist der Fortschritt der chinesischen Fertigungsindustrie von Jahr zu Jahr zu verfolgen, wie in einer Art Fortsetzungsroman aus der Kategorie Science Fiction. Neu und relevant sind in diesem Kontext in diesem Jahr die Praktikanten, die weiterlernen. Sie helfen beim Bau von E-Autos von BYD oder Komponenten von Apple und werden dabei dank KI und guter Sensorik nach und nach immer besser.

Auf der diesjährigen CIIF hat etwa die Firma Micro Intelligence aus Changzhou gemeinsam mit Agilebot einen Cobot ausgestellt, der dank KI seine Prozesse selbstständig optimieren kann und auch mit komplizierten Aufgaben immer besser fertig wird. Im Laufe der Zeit, könne das Modell „TRON“ seine Entscheidungen immer weiter optimieren, wird so langsam immer effizienter und unabhängiger, sagt sein Hersteller. Klingt ein wenig wie der ideale Praktikant, oder? (sb)

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