Peking will nicht länger die „Werkbank der Welt“ sein: China investiert massiv in den Ausbau digitaler Industrieplattformen, um mit seiner heimischen Fertigungsindustrie zu einer industriellen Supermacht aufzusteigen.
Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
Statt ein reiner billiger Fertigungsstandort für internationale Unternehmen zu sein, strebt China nun gezielt danach, durch den Ausbau digitaler Industrieplattformen mit seiner heimischen Fertigungsindustrie zu einer industriellen Supermacht aufzusteigen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die das Mercator Institute für China Studies in Berlin Anfang des Monats veröffentlicht hat.
Die Volksrepublik habe sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2049 zu einer Supermacht in Wissenschaft und technologischer Innovation zu werden, schreiben die China-Experten. „Ein zentrales Vorhaben in diesem Rahmen ist die Digitalisierung der Industrieproduktion”, heißt es in dem ausführlichen Bericht mit dem Titel „Chinas digitale Plattformökonomie: Bestandsaufnahme im Kontext von Industrie 4.0 - Herausforderungen und Chancen für deutsche Akteure”. Die Studie ist vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert worden.
Die kommunistische Staats- und Parteiführung koordiniert zentral den Aufbau von digitalen Plattformen für digitale Daten und unterstützt den auch massiv mit Investitionen. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) hat eine erste Liste mit 93 solcher Plattformen veröffentlicht, und das Finanzministerium hat ein erstes Projektbündel mit 4,9 Mrd. Yuan (679 Mio. Euro) finanziert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Fertigungsindustrie, die Schritt für Schritt in eine hochmoderne digitale Plattformökonomie umgewandelt werden soll. Eine wichtige Rolle spielen dabei Chinas Staatsbetriebe, die selbstverständlich den Vorgaben der kommunistischen Parteizentrale folgen. Als eines von mehreren Beispielen nennen die Merics-Autoren die digitale Industrieplattform, die gerade von dem chinesischen Staatsbetrieb Casic aufgebaut wird.
Casic, die China Aerospace Science & Industry Corporation Limited, ist ein chinesischer Hightech-Konzern, der unter anderem Chinas ehrgeiziges Weltraumprogramm umsetzt. Das Konglomerat gehört zu den 500 umsatzstärksten Unternehmen der Erde und steht unter direkter Kontrolle der chinesischen Staats- und Parteiführung unter Präsident Xi Jinping. Casic solle nach dem Willen der chinesischen Führung „Chinas Vorstoß in die digitale Plattformökonomie anführen”, schreibt Merics. Casic hat bereits eine digitale Business-to-Busines (B2B) Plattform namens Indic entwickelt. Diese kombiniert Hardware, Infrastructure as a Service (IaaS), Software as a Service (SaaS) und viele industrielle Anwendungen.
Im Jahr 2018 waren bereits 1,6 Mio. Benutzer auf der Plattform registriert, darunter viele chinesische KMU. Auch eine internationale Version namens Casic Cloud Indics sei bereits auf dem Markt. Siemens und SAP unterstützen den Aufbau der Plattform. Bosch und General Electric sind andere ausländische Firmen, die an verschiedenen Plattform-Initiativen in China beteiligt sind. Während es hier eindeutige Chancen für deutsche und andere westliche Firmen in China gäbe, sind Chinas Prioritäten gleichzeitig klar. China wolle „langfristig einheimische Kapazitäten entwickeln und die eigenen Firmen gegenüber ausländischen Konkurrenten in eine Position der Stärke versetzen“, heißt es in dem Merics-Bericht.
Eine andere sehr erfolgreiche „Industrielle Plattform”, wie chinesische Politiker und Medien die digitalen Plattformen gewöhnlich nennen, ist Cosmo Plat, die von dem führenden chinesischen Hersteller von Haushaltsgeräten Haier in Qingdao entwickelt worden ist. Es strebt die Etablierung einer „flexibilisierten Massenproduktion” an und sammelt seit Jahren massive Daten. 35.000 Unternehmen und 320 Mio. „Enduser”, beispielsweise die Käufer von Haier-Kühlschränken, werden direkt oder indirekt von Cosmo Plat erfasst. Die Haier-Plattform wird einerseits stark vom chinesischen Staat gefördert, schickt sich andererseits bereits an, in vielen anderen Ländern zur führenden digitalen Plattform in ihrer Industrie zu werden.
Während deutsche und europäische Firmen von Kooperationen mit China im Bereich digitale Plattformen profitieren können, warnen die Merics-Forscher deutlich vor Naivität. China nutze die Zusammenarbeit oft für den Erwerb von technischem Knowhow. Gleichzeitig bleibe der Einfluss der Europäer auf Industrienormen und andere wichtige Entscheidungen sehr beschränkt. Sie sollten „potenzielle Risiken” nicht übersehen, heißt es in dem Bericht. „Die raschen Fortschritte Chinas auf dem Gebiet der digitalen Industrieplattformen erfordern auf verschiedenen Ebenen die Aufmerksamkeit deutscher Akteure in Politik und Wirtschaft”, schreiben die China-Experten von Merics.
Stand: 08.12.2025
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Chinas Stahlriese Baosteel setzt bei der Digitalisierung auf Knowhow aus Deutschland
Siemens weitet seine Zusammenarbeit mit dem chinesischen Stahlkonzern Baosteel bei der Digitalisierung und in Sachen Industrie 4.0 weiter aus. Beide Firmen haben kürzlich ein neues „umfassendes strategisches Rahmenabkommen” für die Lieferung von Ersatzteilen und Service unterzeichnet, berichtet MM MaschinenMarkt China.
„Seit der Ankunft der vierten industriellen Revolution steht die Stahlindustrie vor der Herausforderung, die Transformation zu intelligenter Fertigung zu bewältigen”, zitierte des Fachmedium für die fertigende Industrie in China den Generalmanager von Digital Industries, Siemens Greater China, Wang Haibin. „Mit fortschrittlicher Technologie und Expertise globaler industrieller Automatisierung und Digitalisierung, wird Siemens ein enger Partner für Baosteels digitale Transformation sein”, sagte der Siemens-Manager.
Die „Baoshan Iron & Steel Co., Ltd.” (Baosteel) ist seit der Übernahme des Stahlwerkes „Wugang“ in Wuhan vor einigen Jahren ein Tochterunternehmen des staatseigenen Mutterkonzerns „Baowu Steel Group“, der eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr 95.22 Mio. Tonnen Rohstahl produziert hat. Marktbeobachtern zufolge ist es möglich, dass Baowu Steel damit gerade zum größten Stahlkonglomerat der Erde geworden ist, nachdem der bisherige Marktführer Arcelor Mittal seine Produktion aufgrund sinkender Nachfrage in Europa reduziert hat. Siemens kooperiert seit Jahren sowohl mit Baosteel wie auch mit dessen Mutterkonzern Baowu Steel Group. Mit Baosteel hatten die Deutschen etwa im Jahr 2015 ein „Ersatzteil-Framework- Abkommen” vereinbart. Das jetzt neu unterzeichnete Abkommen ist eine Ausweitung dieser Zusammenarbeit – von Produkten auf digitale Beratung, Big-Data-Analysen, intelligente Systeme für Betrieb und Wartung und die Fortbildung von Mitarbeitern.
„Die Stahlindustrie ist eine wichtige Schlüsselindustrie unserer nationalen Volkswirtschaft”, sagte Wei Chengwen, Vize-Geschäftsführer von Baosteel bei der Unterzeichnung des neuen Vertrages mit Siemens. „Unsere Stahlindustrie steht vor Herausforderungen wie Überkapazität, der Notwendigkeit von Kostenreduzierungen, Effizienzsteigerungen, Energie-Einsparungen und der Reduzierung von Emissionen. Und die Digitalisierung ist für die Stahlindustrie der einzige Weg der Transformation und Qualitätssteigerung”, sagte der Baosteel-Manager.
Bei Baosteel sind solche Aussagen mehr als PR. Das Unternehmen betreibt Marktkennern zufolge schon jetzt die modernsten Stahlwerke Chinas, die den mit Abstand qualitativ hochwertigsten Stahl des Landes produzieren. Viele der Stahlwerke Baosteels sind bereits so weit automatisiert, dass außer auf der computerisierten Kommandobrücke hoch über den unter anderem aus Deutschland importierten Walzwerken so gut wie keine Arbeiter zu sehen sind.
Während sich ein großer Teil der chinesischen Stahlindustrie seit etwa einem Jahrzehnt mit eher durchwachsenem Erfolg um Modernisierung und Digitalisierung bemüht, steht die neue Partnerschaft von Baosteel mit Siemens bereits auf einer soliden Basis gemeinsamer Projekte zur Automatisierung und Digitalisierung.
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.