KI in der Volksrepublik China begeistert mit rasanter KI-Adoption und offenen Modellen

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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China setzt im globalen KI-Wettlauf auf Offenheit statt Abschottung und bringt damit Bewegung in ein scheinbar festgefahrenes Kräfteverhältnis. Doch wird Chinas offener Ansatz am Ende den Ausschlag geben und den Vorsprung der USA in der KI-Entwicklung gefährden?

KI aus China punktet in der Allgemeinheit mit offenen Modellen und geringen Preisen.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
KI aus China punktet in der Allgemeinheit mit offenen Modellen und geringen Preisen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Gewinnt China das KI-Rennen gegen die USA mithilfe von „Open-Weight“-Modellen? Einiges spricht im Moment dafür. Während amerikanische Unternehmen wie OpenAI ihre Geheimnisse gewissenhaft hüten (closed-weight), legen chinesische Unternehmen ihre Gewichte frei. Das Resultat ist eine noch weiter beschleunigte, beinahe universelle Anwendung von Modellen wie Doubao, Deepseek oder Yuanbao in der chinesischen Bevölkerung und in vielen Unternehmen.

Das Tencent Research Institute wollte von 3.500 Chinesen wissen, wie oft sie Artificial Intelligence Generated Content (AIGC) nutzen.(Bild:  Asia Waypoint)
Das Tencent Research Institute wollte von 3.500 Chinesen wissen, wie oft sie Artificial Intelligence Generated Content (AIGC) nutzen.
(Bild: Asia Waypoint)

Die Chinesen nutzen die generative KI im Alltag inzwischen beinahe täglich. Mit von der Partie sind nicht nur Computer-Nerds und gut gebildete Wissensarbeiter, sondern auch Grundschüler und Rentner. Die „Penetration“ der generativen KI im chinesischen Alltag ist schon jetzt wirklich beeindruckend.

Das „Tencent Research Institute“ hat vor einigen Tagen die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht. 96,2 Prozent der rund 3.500 befragten Chinesen nutzen bereits die chinesischen Äquivalente von ChatGPT. Und dies nicht nur oberflächlich oder gelegentlich. 67,7 Prozent nutzen die generative KI mindestens einmal täglich, am Arbeitsplatz, zum Lernen, für alltägliche Fragen.

„Hey Doubao!“

Während man diese Umfrage noch als optimistisch abtun könnte, weil Tencent ja selbst geschäftliche Interessen in diesem Bereich verfolgt, so ist die Adoption von Chatbots auf dem Handy im chinesischen Alltag nicht mehr zu übersehen. Kaum ein Chinese, egal welchen Alters, verzichtet noch auf das, „Mal eben Doubao fragen“ oder „Mal eben Deepseek fragen“, wie es hier heißt. Auch Firmen, von sehr großen bis sehr kleinen, integrieren die chinesischen LLM mit erstaunlichem Tempo in ihre Arbeitsabläufe.

Führend unter den Anwendungen ist Doubao von Bytedance, dem Mutterunternehmen von TikTok, gefolgt von Deepseek. An dritter Stelle folgt Yuanbao von Tencent. Die Entscheidung all dieser chinesischen KI-Unternehmen, ihre Modelle als „open-weight“ anzubieten, trägt dabei mit zu ihrer wachsenden Popularität bei.

Anders als bei Open-Source-Software, wobei der Quellcode offengelegt wird und von jedem verändert werden kann, stellen Open-Weight-LLM meist nur die während des Trainings erlernten numerischen Parameter oder „Gewichte“ ins Internet. Jeder kann sie sich dann herunterladen und damit spielen. Es ist eine viel transparentere Art, die Nutzung der eigenen Chatbots und Modelle zu ermöglichen, als bei den proprietären, geschlossenen Modellen.

Günstig und begehrt

Auch beim Preis gehen die Chinesen einen anderen Weg als die Amerikaner. Anders als die teuren Closed-Weight-Modelle aus den USA wie ChatGPT von OpenAI oder auch Claude von Anthropic, ist die Nutzung chinesischer KI-Modelle nahezu kostenlos. Weit mehr als das, was auch für das Abo einer Musik-App auf dem Handy bezahlt wird, wird selten kassiert.

Hinter all dem steckt ein gänzlich anderes Geschäftsmodell als das in den USA. Chinesische Unternehmen versuchen nicht, mit Milliarden-Investitionen das Training von proprietären Modellen zu verbessern, um sie dann teuer zu verkaufen, sondern setzen auf die schnelle Adoption ihrer Modelle. Momentan machen sie damit viel weniger Geld als die amerikanische Konkurrenz, aber wer von den Unternehmen sich in diesem Rennen um Marktanteile durchsetzen kann, wird später so viel Geld verdienen können, wie er will.

Auch fördern Open-Weight-Modelle andere Arten von Adoption als die mit geschlossenen, geheim gehaltenen Gewichten. „Sie lassen sich von Unternehmen, Regierungen und Forschern leichter an die speziellen Eigenheiten einzelner Anwendungsfälle anpassen und ermöglichen es den Nutzern, ihre KI-Werkzeuge direkt vor Ort statt in der Cloud zu betreiben. Einnahmen können dennoch über begleitende Dienstleistungen erzielt werden, etwa durch Unterstützung bei der Anpassung“, zitierte der Economist kürzlich Percy Liang, einen Associate Professor für Informatik an der Stanford University und Direktor des „Center for Research on Foundation Models (CRFM)“.

Strategische Unterschiede

Es sind also unterschiedliche Strategien zu beobachten. Während amerikanische Unternehmen auf riesige Gewinne spekulieren, indem sie die besten Modelle zu entwickeln versuchen (und, wie zuletzt OpenAI mit „gpt-oss“, nur noch halbherzig beim Veröffentlichen von Open-Weight-Modellen mitmachen), sind chinesische Unternehmen erst einmal vorwiegend auf die Verbreitung ihrer Modelle fokussiert, auf das „Einsammeln von Usern“. Das Geldverdienen kommt später.

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Seit das chinesische Start-up Deepseek, bis dahin nahezu unbekannt, im Januar 2025 sein LLM „R1“ veröffentlicht hat, das trotz seiner geringeren Trainingskosten viele amerikanische KI-Experten schwer beeindruckt hat, hat sich die Debatte um die Dominanz im globalen KI-Wettlauf verändert. Glaubten zuvor die meisten Beobachter, dass die USA für immer ihre Nase vorn haben werden, sind sich viele von ihnen heute nicht mehr so sicher.

Dieser Moment im Januar wird seither als der „Deepseek-Schock“ bezeichnet. In China hat Deepseek nun den Sprung von einem Insider-Tipp für KI-Kenner zu einem weitverbreiteten Alltags-Werkzeug der chinesischen Bevölkerung geschafft. Schnell legten andere Anbieter wie Bytedance und Tencent mit eigenen Modellen nach.

Heimliche Annäherung

Dass günstige, dank offener Gewichte sogar noch besser in die eigenen Prozesse integrierbare Sprachmodelle sehr populär sind, lässt sich indessen nicht nur in China, sondern auch im Silicon Valley in Kalifornien beobachten. Selbst dort nutzen viele Start-ups heimlich Deepseek, auch wenn sie es wegen der zurzeit weitverbreiteten China-Hysterie in Politik und Medien selten offen zugeben.

„Das könnte das größte Geheimnis des Silicon Valleys sein, das nicht verraten werden kann“, schreibt das chinesische Tech-Portal Huxiu. „Seit es DeepSeek gibt – wer wäre da noch bereit, für OpenAI oder Anthropic zu bezahlen?“, zitiert Huxiu den CEO und Gründer von „Web Summit“, Paddy Cosgrave.

Sollte sich die Adoption tatsächlich als entscheidender Erfolgsfaktor für KI-Unternehmen herausstellen und sollten offene Gewichte dabei eine Rolle spielen, dann käme wohl schon bald der nächste „Deepseek-Schock“ auf uns zu. (sb)

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