Projektmanagement Bleiben Sie auf Augenhöhe! – Wenn Positionskämpfe ein Projekt killen

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Ein Projekt kann nur dann Erfolg haben, wenn sich alle Parteien verstehen. Positionskämpfe führen meist nur zum Scheitern eines Projektes. Geben Sie jeder Meinung eine Chance!

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Beim Verhandeln auf Augenhöhe sind beide Partner gleichberechtigt – es gibt weder Sieger noch Verlierer
Beim Verhandeln auf Augenhöhe sind beide Partner gleichberechtigt – es gibt weder Sieger noch Verlierer

Mit seinen Vorgesetzten auf Augenhöhe zu sprechen ist nicht immer einfach. Szene 1: „Aus, basta, so wirds gemacht!“ Der Macher redet nicht lange herum, sondern macht Menschen flott und sorgt dafür, dass „was geht“. Wirklich?

Szene 2: Der Projektmanager und der Experte aus dem Projektteam haben sich in einer „fachlichen“ Diskussion heillos festgebissen, und der Ton wird immer aggressiver. Sie kennen solche Szenen wahrscheinlich auch. Ist diese Art des Umgangs dem Projekterfolg förderlich? Es gibt bessere Alternativen. Sie haben damit bereits einen wichtigen Schritt hin zu alternativen Verhaltensmustern gemacht:

Wenn der Chef sagt, wo es langzugehen hat

Beim Verhandeln auf Augenhöhe sind beide Partner gleichberechtigt – es gibt weder Sieger noch Verlierer
Beim Verhandeln auf Augenhöhe sind beide Partner gleichberechtigt – es gibt weder Sieger noch Verlierer
Schauen wir uns die Szenen etwas genauer an. Was könnte die Vorgeschichte von Szene 1 sein? Denkbar ist folgendes: Der Chef und Macher, nennen wir ihn Ludwig (sein Lieblingsspruch: „Le projet c‘est moi!“), 44 Jahre, hat ein Meeting einberufen. Vordergründig will er mit seinem Team die Vorgehensweise diskutieren, gegebenenfalls anpassen und beschließen. Tatsächlich weiß er schon genau, wie es laufen soll. Er will nur, dass die Anwesenden ehrfürchtig seiner Genialität huldigen und sein Opus brav abnicken.

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Was zählt, sind Bedürfnisse und Motive. Finden Sie heraus, welche Bedürfnisse und Motive Ihren Verhandlungspartner (VP) antreiben bzw. welche Bedürfnisse und Motive befriedigt werden müssen, damit er bereit ist, ein gemeinsames Ziel zu finden und zu verfolgen. Denkbar wären beispielsweise folgende Bedürfnisse: finanzielle Absicherung, Beschäftigungssicherheit, Anerkennung, Karriere, Erweiterung des Wissens- und Erfahrungsschatzes. Letztlich sind nur die Ergebnisse für die VPs tragfähig, die auch ihre Bedürfnisse berücksichtigen.

Respektieren Sie Ihren VP. Die Bereitschaft auf Augenhöhe zu verhandeln ist eine wichtige Voraussetzung für den Verhandlungserfolg. Wichtig ist, dass Sie den Standpunkt Ihres VP respektieren können, ohne ihn akzeptieren zu müssen. Hier helfen Äußerungen wie „Ich kann Ihre Reaktion verstehen“ oder „Ich kann Ihren Standpunkt nachvollziehen“. Ist das nicht der Fall, dann zeigen Sie durch Fragen Ihr Interesse an seiner Meinung. Gleichzeitig helfen Sie ihm dabei, seinen Standpunkt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. In der Regel finden sich dann geeignete Ansatzpunkte für eine Einigung, und der VP ist auch bereit, Ihre Meinung anzuhören. Darüber hinaus gibt es viele Signale des Respekts: Höflichkeit, Störungen vermeiden, Getränke anbieten, etc.

Vermeiden Sie Siegerposen und Siegerlächeln. Vergessen Sie nie, dass das Ergebnis einer fairen Verhandlung nur durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten entsteht. Eine der größten Leistungen ist es dabei, seine eigene Denke zugunsten einer anderen aufzugeben oder zu ändern. Respektvolle Anerkennung ist hier angemessener als hochmütiges Siegergebaren.

Hören Sie aktiv zu. Aktiv bedeutet, dass Sie gedanklich bei Ihrem VP bleiben und sich nicht bereits Ihre eigenen Argumente und Gegenargumente zurechtlegen. Sie beobachten bewusst Gestik, Mimik, Sprache oder Tonfall. Ihres VP. Sie geben keine Kommentare oder Bewertungen ab und fragen nur nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Sie zeigen beispielsweise durch Nicken oder kurze Rückmeldungen, dass Sie folgen können und die Auskunftsbereitschaft Ihres VP wertschätzen. Und nicht zu vergessen: Lassen Sie Ihren VP bitte ausreden.

Nehmen Sie sich Zeit zuzuhören. Zuhören hat viele Vorteile: 1. Sie erhalten wichtige Informationen über das Weltbild ihres VP und beugen so Missverständnissen vor. 2. Sie erfahren mehr über die Gefühlslage, aktuelle Situation und das Umfeld. 3. Sie bekommen direkte und indirekte Hinweise auf die Motive und Bedürfnisse und können so eine zielgenaue Nutzenargumentation im Sinne des VP entwickeln. 4. Zuhören zeugt von Respekt.

Fragen statt Gegenargumente. Wir neigen häufig dazu, Argumente vorschnell durch Gegenargumente zu entkräften. Geschickter ist es, durch gezielte Fragen den VP dazu zu bringen, seine eigenen Argumente zu präzisieren oder zu überprüfen. Vorteile: Sie erfahren noch mehr über die Hintergründe. Der VP bekommt die Gelegenheit, seine eigenen Argumente aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und gegebenenfalls anzupassen. Wenn Sie eine Frage stellen, dann begründen Sie diese Frage (Ich würde gerne mehr über … erfahren, weil …). Das erhöht die Auskunftsbereitschaft und vermeidet Verhörsituationen. Das Stellen geeigneter Fragen ist generell ein wichtiger Schlüssel in Verhandlungen.

Vermeiden Sie Druck. Druck erzeugt Flucht- oder Abwehrreaktionen und mindert so die Energie, die der VP in eine Lösung stecken könnte. Sobald Sie Druck aufbauen, versuchen Sie den VP, dazu zu zwingen sich unterzuordnen. Damit geht die Augenhöhe verloren, die notwendig ist, damit der VP sein volles Potential in das Projekt einbringt. Er wird seine Energie nun vermehrt dazu nutzen, sich zu schützen, der Fremdsteuerung auszuweichen oder die Augenhöhe wieder herzustellen. Hoher Druck führt außerdem dazu, dass Menschen weniger in der Lage sind, langfristig und analytisch zu denken. D.h. die Gefahr von Panik- oder Kurzschlussreaktionen, die dem Projekt schaden können, steigt. Daraus erwächst ein weiteres Risiko: Der VP wird seine Zustimmung oder sein Einlenken möglicherweise bereuen, sobald er wieder einen klaren Kopf hat. Sie haben dann einen unzufriedenen Projektpartner, der das Gefühl hat, über den Tisch gezogen worden zu sein. Was wird er wohl tun, wenn er am längeren Hebel sitzt?

Warnen statt Drohen. In manchen Situationen ist es notwendig, den VP dazu zu veranlassen, seine Verhandlungsstrategie (Druckausübung) zu überdenken und auf die Konsequenzen hinzuweisen, wenn er dazu nicht bereit ist sie zu ändern. Eine Drohung ist subjektiv und feindselig, „Ich warne Sie, wenn Sie mich weiterhin beschimpfen, dann werde ich Ihren Vorgesetzten informieren“. Sie provoziert eine Verteidigungs- oder Angriffshaltung. Zweckmäßiger ist eine Frage wie: „Was glauben Sie, werde ich tun, wenn Sie weiterhin zu Mitteln wie … greifen?“ „Was würden Sie an meiner Stelle tun?“ „Was wäre, wenn die Verhandlung aus diesem Grund scheitert?“ Die Antworten, die sich der VP nun selbst geben kann, erfüllen höchstwahrscheinlich den Zweck einer wirksamen Warnung. Alternativ wäre eine direkte Warnung möglich: „Ihre Wahl der Mittel macht es mir schwer, die Verhandlung fortzuführen. Ich fühle mich dadurch bedroht und erheblich unter Druck gesetzt. Ich werde die Verhandlung so nicht weiterführen.“ Eine Warnung ist im Gegensatz zur Drohung objektiv und respektvoll. In diesem Fall ist es von größter Bedeutung, dass Sie nicht nur vor den Konsequenzen warnen sondern sie auch wahr machen. Ansonsten werden Sie unglaubwürdig.

Doch da wagt es tatsächlich ein Schlaumeier, offen Kritik zu üben, Einwände geltend zu machen und auch noch einen Gegenvorschlag aus dem Hut zu zaubern. Der Querulant ist ein selbstbewusster 29-jähriger Entwickler, nennen wir ihn David (sein Lieblingsspruch: „Wenn ich im Labor bin, mache ich eh was ich will!“).

Verschwendete Zeit – Macht- und Positionskämpfe

Die von David benutzte Einleitung „Das geht so nicht!“ lässt den Adrenalinspiegel Ludwigs schlagartig in die Höhe schnellen. An dieser Stelle könnte Szene 1 in 2 übergehen: Sowohl Ludwig als auch David heben verbale Schützengräben aus, verminen das Gelände mit kleinen Sticheleien und scharen ihre Verbündeten um sich.

Aus diesen Kampfpositionen werden dann munter die „Argumente“ abgeschossen. Vom kleineren Scharmützel („nach meiner über 20-jährigen Erfahrung“ contra „neue Technologien erfordern neue Methoden“) bis zu ausgewachsenen Schlachten („Sie verschwenden wertvolle Zeit durch ihre Sturheit!“ contra „Wozu haben Sie mich denn als Softwarearchitekten eingestellt, wenn Sie alles besser wissen?“) ist alles geboten.

Ludwig fürchtet um seine Autorität, denn er spürt, dass er auf der fachlichen Ebene nicht mithalten kann. Er holt deshalb zum entscheidenden Schlag aus: „Ich trage hier die Gesamtverantwortung, deshalb wird es so gemacht, wie ich es will. Wem das nicht passt, kann ja gehen.“.

Wenn die Vernunft verliert

Sicherlich läuft es nicht immer so krass, doch nicht selten siegt die mächtigere Position und nicht die Vernunft. Dabei handelt es sich jedoch in den meisten Fällen um einen Phyrrussieg, denn Besiegte geht dann in den Untergrund und verfolgen ihre Überzeugung („So geht das nicht!“) mit subtiler Guerillataktik.

Das müssen keine bewussten Sabotageakte sein. Unsere Psyche verfügt über viele unbewusste Strategien, um sich für die Attacken gegen unser Ego zu revanchieren: Konzentration auf Misserfolg, Demotivation, innere Kündigung, Dienst nach Vorschrift oder Krankheit.

Oder David schmeißt hin und kündigt. Der Macher verliert genau den, den er eigentlich für den Projekterfolg am notwendigsten braucht. Es lohnt sichf, über alternative Verhaltensmuster auf beiden Seiten nachzudenken.

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