Internet der Dinge

Aktivist Jacob Appelbaum warnt vor der Militarisierung des Netzes

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Auch den Hinweis auf chinesische Hacker, vor denen die NSA angeblich schütze, lässt Appelbaum nicht gelten: „Da wird viel Vernebelung betrieben. Man muss sich eines klar vor Augen halten: Die Chinesen sind so schlecht, dass sie praktisch immer erwischt werden. Und die USA sind so gut, dass es eines Edward Snowden bedurfte, damit man ihnen auf die Schliche kommen konnte.“

Besorgte Miene: Professor Matthias Sturm von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig saß zusammen mit Jacob Appelbaum auf dem Podium. Er „mag sich nicht vorstellen“, welche Konsequenz die Datensammelwut der Geheimdienste für das Internet der Dinge haben könnte.
Besorgte Miene: Professor Matthias Sturm von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig saß zusammen mit Jacob Appelbaum auf dem Podium. Er „mag sich nicht vorstellen“, welche Konsequenz die Datensammelwut der Geheimdienste für das Internet der Dinge haben könnte.
(Foto: Johann Wiesböck)
Insgesamt zeichnete Appelbaum ein sehr düsteres Bild von einem Internet, das inzwischen militarisiert worden sei: Die NSA sei eine militärische Organisation, die den gesamten Planeten ausspioniere. Wie ihr britisches Gegenstück GCHQ (Government Communications Headquarters) habe sie zum Beispiel Zugriff auf die meisten E-Payment-Systeme, auf Passagierlisten, Echtzeit-Reisedaten sowie auf Mobilfunknetze. Der oberste Befehlshaber der USA, Präsident Barack Obama, sei zwar Zivilist, aber seine politischen Entscheidungen beruhten in der Regel auf den Informationen, die er von den Geheimdiensten erhalte. „Der Schwanz wackelt mit dem Hund“, kommentierte Appelbaum sarkastisch diese Situation.

Das Internet der Dinge als grauenhafte Dystopie

Professor Matthias Sturm, der an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig lehrt und mit Appelbaum auf dem Podium saß, zeigte sich darüber äußerst besorgt. Wenn das Internet ganz bewusst nicht sicher gemacht werde, habe dies für das sogenannte Internet der Dinge gravierende Konsequenzen: „Es ist ja so, dass wir im Internet der Dinge letztlich Energie und Kräfte über Bitmuster freisetzen. Und diese Bitmuster zu manipulieren, nicht nur von der NSA, nicht nur von anderen, das ist eine Vorstellung, die ich mir nicht machen möchte.“

Appelbaum stimmte zu: Das Internet der Dinge könne zu einer schrecklichen Dystopie werden, wenn zum Beispiel ein Smartphone stets den Aufenthaltsort einer Person weitergebe und automatisch Transkripte von Gesprächen ins Netz hochlade. Auch folgendes Szenario sei nicht von der Hand zu weisen: „Wenn Sie eine Frau sind, die eine Straße entlang geht und Sie Angst haben, jemand könne Ihnen etwas antun wollen – wie viel größer ist Ihr Risiko, wenn Ihr Handy in Echtzeit meldet, dass Sie alleine unterwegs sind?“

Es komme deshalb darauf im Internet der Dinge darauf an, die technischen Möglichkeiten und die Bürgerrechte miteinander in Einklang zu bringen: „Wenn wir in den Geräten und den Systemen festschreiben, dass das Recht und die Technologie deckungsgleich sein und dasselbe bedeuten müssen, dann denke ich, dass uns das Internet der Dinge zu vielem befähigen kann. Es wird uns allen erlauben, viel mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu haben, als es jemals in der Geschichte der Fall war.“

Als Lösungsansatz auf technischer Seite sieht Appelbaum Systeme, die auf freier und offener Hard- und Software basieren. Denn bei proprietären Lösungen bestehe immer die Gefahr einer Hintertür, die es Lauschern ermögliche, sich Zugang zu den Daten zu verschaffen: „Ohne freie Software, ohne freie Hardware, ohne zu verstehen, wie die Systeme arbeiten und wie sie zusammenwirken, ist es praktisch unmöglich, genau zu wissen, was ein Gerät tut, und sicherzustellen, dass niemand sonst das Gerät kontrolliert.“ Appelbaum skizzierte hierfür ein Peer-Review-Verfahren für Systemkomponenten, das öffentliche Audits und forensische Inspektionen der Systemsoftware ermögliche. Man müsse sicherstellen, dass die Systeme aus einem gemeinsamen Repository gespeist werden, das entsprechend auditierte Systemsoftware enthalte.

Vor diesem Hintergrund warnte der Online-Aktivist Europa davor, sich um Einlass in den illustren Kreis der sogenannten Five Eyes zu bemühen. Unter diesem Begriff werden die fünf englischsprachigen Länder USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland zusammengefasst, deren Geheimdienste eng miteinander kooperieren. „Wenn man diesen Weg wählt, muss man wissen, dass die Welt der Spionage eine Pyramide ist. Wer nicht an der Spitze der Pyramide steht, wird keinen vollständigen Zugang zu den Informationsflüssen bekommen und wird nicht den Effekt erzielen, den er möchte.“

Stattdessen riet er Europa dazu, auf Kommunikationssysteme zu setzen, die auf freier Hard- und Software basieren und in Europa entwickelt, hergestellt und überprüft werden könne. Für solche Lösungen sieht Applebaum auch außerhalb Europas ein großes Marktpotenzial.

Eine weitere Idee Appelbaums ist es, Ingenieure zu motivieren, sichere Kommunikationssysteme zu entwickeln. „Wir brauchen diese sicheren Systeme. Und da momentan niemand diese [sicheren] Systeme baut, ist der finanzielle Anreiz, sie zu entwickeln, sehr hoch. Da ist also ein wirtschaftlicher Anreiz, einen positiven Einfluss zu hinterlassen.“

Darüber hinaus schlug der Aktivist vor, unter Umständen auf dem Klageweg gegen Menschenrechtsverletzungen aufgrund von Abhöraktionen vorzugehen: „Wenn Sie ein System entwickeln und herausfinden, dass das System dazu benutzt werden wird, um Menschenrechte zu verletzten, dann sollten Sie wissen, dass jemand gegen Sie vorgehen wird.“

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