Lesetipp

Aha-Erlebnisse – was kreative Einsicht fördert, was sie verhindert

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Es sei nicht sinnvoll, ständig sämtliche Möglichkeiten zu erwägen – etwa ob ein Nagel mit dem Hammer oder dem Telefonhörer eingeschlagen werden sollte. Vielmehr sei es nützlich, sich nicht immer jede Möglichkeit vor Augen zu führen, sondern die wahrscheinlichste Lösung anzunehmen. «Für diese Fähigkeit, so nützlich sie auch sein mag, muss man manchmal einen Preis zahlen: den Tunnelblick.»

Im einfachsten Fall hindere er Menschen darin, eine Schraube mit einer Münze zu drehen, wenn kein Schraubenzieher zur Hand sei – es resultierten aber auch gewichtigere Probleme daraus. Kinder hätten weniger vorgefertigte «Boxen» im Kopf und kämen gerade aus diesem Grund in manchen Situationen besser auf Lösungen.

Ihre Naivität befähige sie, eine größere Bandbreite an Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Einsichtsvermögen sei zudem wahrscheinlich zu einem guten Teil erblich. «Es scheint, dass diese Gabe eine Blutsverwandte des Wahnsinns ist, und Wahnsinn ist fest in den Genen verwurzelt.»

Schlechte Zeiten für kreative Einsichten

Die Forscher widmen sich dennoch ausführlich der Frage, wie man einsichtsvoller werden kann. An Beispielen wird erläutert, warum eine positive Umgebung kreative Einsicht verstärkt. Es sei sinnvoll, bei einem schier unlösbaren Problem abzuschalten, eine Pause zu machen, an anderes zu denken und anderes zu machen. «Einsichtsauslöser tauchen zu den unwahrscheinlichsten Zeiten und an den abwegigsten Orten auf und decken verborgene Verbindungen zwischen Ihren Ideen und Erfahrungen auf.»

Viele Zeitspannen ließen sich zugunsten von Kreativität umfunktionieren – klassisches Beispiel sei die innere Einkehr beim Duschen oder beim Essen in ruhiger, isolierter Umgebung, heißt es im Buch. Die moderne Gesellschaft wirke dem allerdings entgegen, weil sie kaum noch Raum für Isolation und innere Einkehr lasse. Die innere Welt des Ruhezustandsnetzwerkes habe kaum noch eine Chance. «Als Gesellschaft tauschen wir unsere Kreativität gegen eine begrenzte Art von Effizienz.»

Dies sei absurd gerade in einer Zeit, in der viel von drohenden Innovationslücken und nachlassender Kreativität gesprochen werde. «Die Wahrheit ist, dass wir in einer Hochleistungsgesellschaft leben, weit entfernt vom entspannteren Tempo, mit dem die Generation vor uns noch durchs Leben ging», schreiben die Autoren.

«Wir sind Sklaven des gegenwärtigen Moments, und uns bleibt wenig Gelegenheit für stille Introspektion und mentale Reisen.» Die Autoren beklagen eine «Sucht nach ständiger Stimulation und das unerbittliche Streben nach (unkreativer) Produktivität, verstärkt durch Technologie und globalen Wettbewerb».

Damit sprechen sie wohl vielen Menschen aus der Seele, in deren Leben kreative Langeweile kaum noch Raum einnimmt – teils auch selbstverschuldet durch den ständigen Griff zum Smartphone oder Laptop in jeder noch so kleinen Pause.

Zu beschreiben, um welch wertvolle Leistung des Gehirns viele Menschen sich so bringen, ist Kounios und Beeman hervorragend gelungen. Ihr Buch ist spannend und informativ, auch wenn sich einige Aspekte an manchen Stellen doppeln

Buchtitel bei Amazon: Das Aha-Erlebnis: Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 320 Seiten, 19,99 Euro. ISBN: 978-3-421-04701-4

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