Die Energie von 4.600 Windrädern könnte schon jetzt eingespart werden, wenn man auf drehzahlregelbare Antriebe setzen würde. Der ZVEI nennt anlässlich zur SPS 2024 solche und zahlreiche andere Möglichkeiten, wie die deutsche und europäische Industrie effizienter und damit wettbewerbsfähiger werden könnte.
Pressekonferenz des ZVEI zur SPS 2024.
(Bild: Manuel Christa/EP)
Im Rahmen der diesjährigen SPS (Smart Production Solutions) in Nürnberg hat der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) zentrale Herausforderungen und Perspektiven der Automatisierungsbranche beleuchtet. Unter dem Schlagwort der „Effizienzwende“ wurden Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und globale Wettbewerbsdynamiken in den Mittelpunkt gestellt. Hauptredner der Pressekonferenz war Rainer Brehm, CEO Factory Automation bei Siemens und Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Automation. Er hob die Bedeutung der Automatisierung für die Zukunftsfähigkeit der Industrie hervor und betonte: „Automatisierung ist ein Hebel gegen eine Rezession.“
Brehm erläuterte, dass die Automatisierungsindustrie nach wie vor mit den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen habe. Hohe Lagerbestände, die während der Lieferengpässe aufgebaut wurden, belasteten viele Unternehmen weiterhin. Dennoch glaubt er, dass „nach dem Profil von der Talsohle auf diesem niedrigen Level dann auch irgendwo eine Erholung kommen wird“. Besonders in Europa und Asien sei die Lage schwierig, während sich in den USA erste positive Entwicklungen abzeichnen könnten. Allerdings warnte er davor, dass der Zugang zu den US-Märkten aufgrund des Regierungswechsels in Form von Zöllen und lokalen Fertigungsvorgaben zunehmend herausfordernd werde.
Globale Wettbewerbsfähigkeit: Chancen und Risiken
Mit Blick auf die internationalen Märkte warnte Brehm vor wachsendem Wettbewerb durch chinesische Unternehmen. Diese drängten zunehmend aggressiv in die Automatisierungsbranche und nutzten Schwächen der europäischen Wirtschaft aus. Dennoch sah er Chancen für europäische Unternehmen. Wer durch Innovation und lokale Präsenz überzeuge, könnte seine Marktposition auch dort behaupten können. Besonders in den USA könnten Unternehmen profitieren, wenn sie ihre Produktion an lokale Vorgaben anpassten und eng mit der regionalen Industrie kooperierten. Es gebe laut Brehm auch positive Bereiche in der Prozessautomatisierung, wie etwa im klassischen Öl- und Gasumfeld, dem es gar nicht schlecht ginge, weil der Ölpreis relativ hoch ist und deswegen dort auch investiert werde.
Die „Effizienzwende“ ist die Antwort des ZVEI darauf, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum in Einklang zu bringen und somit die wirtschaftliche Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas langfristig zu sichern. Kurzum: die Effizienz soll durch Energieeinsparung, Automation, Entbürokratisierung und Digitalisierung erfolgen. Wie genau das aussehen könnte, erläutert der Siemens-CEO wie folgt.
Energie von tausenden Windrädern einsparen
Ein Schwerpunkt der Ausführungen lag auf den technologischen Lösungen, die Energieeffizienz und Ressourcenschonung fördern sollen. Brehm hob hervor, dass durch den Einsatz von drehzahlregelbaren Antrieben rund 4,2 % des europäischen Energieverbrauchs eingespart werden könnten – das entspricht der Leistung von etwa 4.600 Windkraftanlagen bei 3 MW pro Windrad. „Das ist keine Rocket Science, keine neue Technologie.“ Auch die Umstellung auf Gleichstromtechnik für Fabriken bezeichnete er als wesentlichen Hebel, um Einsparungen bei Material und Energie zu erzielen. Insbesondere im Kontext von neuen Fabriken müsse stärker auf nachhaltige Technologien gesetzt werden, um internationale Klimaziele zu erreichen. „Ich glaube, wenn heute einer eine Fabrik planen würde als Insellösung, der würde nicht auf die Idee kommen, da Wechselstrom zu nutzen. Man würde Gleichstrom nutzen“, so Brehm.
Digitalisierung und generative KI als Innovationstreiber
Einen besonderen Fokus legte Brehm auf die Rolle der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI). Über ein Jahrzehnt nach „Industrie 4.0“ kommt das in vielen Firmen noch immer nicht zur Anwendung. Laut einer Studie von Gartner sagen viele Unternehmen, dass sie über eine unvollständige oder gar keine Integration von Anlagen verfügen. Und dort, wo sie zur Anwendung kommt, bleibe immer die Unruhe auf dem Konzept stecken. „Warum ist das so? Weil es noch zu wenig skaliert, weil es zu wenig standardisiert ist. […] Und die Skalierung ist wichtig, weil wir wirklich glauben, dass diese IoT-Konvergenz ein massiver Hebel von Produktivitätssteigerung ist.“
Generative KI sei in der Lage, Prozesse in der Automatisierung grundlegend zu transformieren – von der Entwicklung über die Planung bis hin zur Wartung von Anlagen. Die Automatisierungsbranche stehe an einem Wendepunkt. Skalierbare und standardisierte digitale Lösungen würden entscheidend sein, um Effizienzpotenziale auszuschöpfen. Dabei verwies er auf Projekte wie Manufacturing X und Factory X, die auf die Schaffung gemeinsamer Datenräume abzielen. Dies sei eine Voraussetzung, um Industrieunternehmen bei der globalen Vernetzung zu unterstützen. „viele Firmen bereiten jetzt schon Engineering-Assistenzsysteme vor oder haben es am Markt, wo Sie ganz einfach sagen können: Das ist meine Maschine, gib mir das automatisierte Programm, gib mir den Bedienmonitor. Das wird kommen.“
Effizienz durch Standardisierung
Im Rahmen von Manufacturing X wurde das Projekt Scale MX ins Leben gerufen, um Use Cases für standardisierte Datenräume und Komponentenmanagement zu skalieren. Ziel ist es, herstellerübergreifende Standards zu schaffen, die es Unternehmen erleichtern, Informationen zu ihren genutzten Komponenten effizient zu verwalten. Ein zentraler Use Case befasst sich mit der Bereitstellung standardisierter Produktinformationen wie CAD-Plänen, Schaltungsanleitungen und Simulationsmodellen. Darüber hinaus soll ein Notification-Service entwickelt werden, der Kunden automatisch über Änderungen oder Schwachstellen informiert. Dieser standardisierte Ansatz umfasst auch die Identifikation eingebauter Komponenten und die Verwaltung von Updates, etwa bei Cybersecurity-Bedrohungen. Herstellerunabhängige Lösungen und konkrete Anwendungen für KMU stehen dabei im Fokus, um einen echten Mehrwert für Endkunden zu schaffen. Projekte wie Manufacturing X und Factory X fördern diese herstellerübergreifende Zusammenarbeit und sollen die industrielle Skalierung ermöglichen.
Stand: 08.12.2025
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Bürokratie kostet die Industrie 65 Milliarden Euro
Die zunehmende Bürokratie stellt laut Brehm eine der größten Herausforderungen für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen dar. Eine Analyse der KfW zeigt, dass Unternehmen die Regulierungsflut stärker als Risiko wahrnehmen als Steuern, Energiekosten oder gar den Fachkräftemangel. Besonders das Lieferkettengesetz, die Berichtspflichten der Nachhaltigkeitsrichtlinie (CSRD) und das Carbon Border Adjustment verursachen hohe Zusatzkosten. Laut ZVEI belaufen sich die daraus resultierenden Aufwände auf bis zu 65 Milliarden Euro für die Industrie, wobei einzelne Unternehmen teils sechsstellige Beträge investieren müssen, um die neuen Anforderungen zu erfüllen. Der Verband fordert daher eine Reduktion der Bürokratie, um die Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen Marktumfeld zu sichern. Trotz technischer Fortschritte bei der Automatisierung bürokratischer Prozesse sei der Idealzustand noch längst nicht erreicht. Rainer Brehm betont, dass sowohl politische Maßnahmen als auch technologische Lösungen erforderlich sind, um den regulatorischen Aufwand nachhaltig zu verringern.