Das CERN beendet die Zusammenarbeit mit Russland und Belarus als Konsequenz des Kriegs in der Ukraine. Die Entscheidung löst international kontroverse Diskussionen in der Wissenschaftsgemeinschaft aus.
Das CERN beendet die Zusammenarbeit mit Russland.
(Bild: KI-generiert)
Seit 30. November ist nun Schluss: Die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) hat ihre Zusammenarbeit mit Russland und Belarus offiziell beendet. Diese Entscheidung wurde als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukrainevor einem Jahr getroffen und markiert das Ende einer Kooperation, die sich über 70 Jahre erstreckte.
Mit dem Auslaufen der Abkommen stellt das CERN klar, dass es sich gegen staatliche Institutionen richte und nicht gegen Einzelpersonen. Gleichzeitig betont das CERN, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft auch in schwierigen Zeiten auf Zusammenarbeit angewiesen bleibt, was zu kontroversen Diskussionen innerhalb der Mitgliedsstaaten geführt hat.
Ende einer 70 Jahre alten Partnerschaft
Ohne Russland und Belarus sind nur noch 24 Länder am CERN beteiligt.
(Bild: CERN)
Das CERN, Betreiber des weltgrößten Teilchenbeschleunigers, des Large Hadron Collider (LHC), hatte bereits im März 2022 in einer ersten Reaktion beschlossen, keine neuen Kooperationen mit Russland und Belarus einzugehen. Das neue Abkommen, das Ende 2024 in Kraft trat, ist eine direkte Fortsetzung dieser Linie und beendet nun auch alle bestehenden wissenschaftlichen Vereinbarungen mit den beiden Ländern. Ziel dieser Maßnahme ist es, politische und moralische Konsequenzen aus dem Krieg in der Ukraine zu ziehen, ohne die wissenschaftliche Neutralität komplett aufzugeben.
Das CERN betonte dabei, dass die Maßnahme nicht gegen einzelne Forschende gerichtet sei. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Russland, die über andere Institutionen mit dem CERN verbunden sind, können weiterhin in internationalen Projekten mitwirken. Dennoch betrifft die Entscheidung etwa 500 Forschende aus Russland und Belarus, die bisher direkt am CERN arbeiteten oder an Projekten beteiligt waren. Diese Lücke in der wissenschaftlichen Belegschaft stellt neue Herausforderungen für die Organisation dar.
Auswirkungen auf die internationale Forschung
Mit dem Ausschluss Russlands und Belarus verliert das CERN nicht nur finanzielle Beiträge, sondern auch bedeutende wissenschaftliche Expertise. Russland steuerte bisher etwa 4,5 Prozent des jährlichen Budgets bei, was rund 11 Millionen Schweizer Franken (ca. 10,2 Millionen Euro) entspricht. Diese Finanzierungslücke soll nun durch Beiträge anderer Mitgliedsstaaten geschlossen werden. Dennoch bleibt unklar, wie schnell die finanziellen und strukturellen Auswirkungen kompensiert werden können.
Besonders schmerzhaft ist der Wegfall der russischen Ingenieurskompetenz, die in zahlreichen Bereichen der Hochenergiephysik eine Schlüsselrolle spielt. Russische Spezialisten hatten Komponenten des Large Hadron Colliders entwickelt und gewartet. Experten wiesen darauf hin, dass die wegbrechende Expertise laufende und zukünftige Projekte lähmen wird. Erste Verzögerungen bei neu gestarteten Experimenten wurden bereits gemeldet.
Darüber hinaus könnte die politische Entscheidung langfristige Folgen für die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit haben. Forschende warnen davor, dass eine dauerhafte Isolierung Russlands die globale Forschungsgemeinschaft nachhaltig schwächen könnte. Gleichzeitig zeigt die Maßnahme, dass wissenschaftliche Institutionen zunehmend politisch Stellung beziehen, was in der Vergangenheit seltener der Fall war.
Allerdings ist das auch von russischen Forschungseinrichtungen zu beobachten: Russland hat sich beispielsweise freiwillig aus mehreren internationalen Kooperationen zurückgezogen. Dazu gehören Projekte in der Arktisforschung, die teilweise zugunsten nationaler Strategien eingestellt wurden, sowie eine reduzierte Beteiligung am ITER-Fusionsprojekt. Auch in der Raumfahrt hat Russland seine Zusammenarbeit mit westlichen Partnern wie der ESA eingeschränkt, während es gleichzeitig eigene Programme priorisiert.
Historische Verbindung zwischen CERN und Russland
Der Large Hadron Collider (LHC) bei CERN ist der weltweit größte und leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger.
(Bild: Brice, Maximilien; CERN)
Russland war seit den 1960er Jahren eng mit dem CERN verbunden. Sowohl wissenschaftlich als auch technologisch trugen russische Forscher maßgeblich zu zahlreichen Erfolgen des CERN bei, darunter die Entdeckung des Higgs-Bosons im Jahr 2012, die ein Meilenstein in der Teilchenphysik war. Russische Ingenieure entwickelten zudem wichtige Technologien, darunter supraleitende Magnetspulen, Präzisionskühlsysteme für den Large Hadron Collider und hochsensible Detektorelemente, die in den Teilchendetektoren und Beschleunigern verwendet wurden.
Auch Belarus spielte in der internationalen Forschungskooperation des CERN eine Rolle, insbesondere durch die Bereitstellung hochspezialisierter Bauteile und die Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Detektortechnologien. Diese enge Partnerschaft ermöglichte es, bedeutende Fortschritte in der Grundlagenforschung zu erzielen und die wissenschaftliche Infrastruktur des CERN entscheidend zu prägen.
Beide Länder haben über Jahrzehnte hinweg zu bahnbrechenden Entwicklungen in der Hochenergiephysik beigetragen. Mit der aktuellen Entwicklung endet jedoch eine Phase enger Zusammenarbeit, die über sieben Jahrzehnte hinweg trotz politischer Spannungen Bestand hatte. Der Konflikt in der Ukraine hat diese Grundlage nun nachhaltig erschüttert.
Stand: 08.12.2025
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Politische und wissenschaftliche Spannungen
Die Entscheidung des CERN stößt in der internationalen Gemeinschaft auf gemischte Reaktionen. Während viele Mitgliedsländer die klare Haltung gegen den Krieg begrüßen, gibt es auch Stimmen, die vor einer Politisierung der Wissenschaft warnen. Besonders umstritten ist die weiterhin bestehende Zusammenarbeit mit dem in Russland ansässigen Joint Institute for Nuclear Research (JINR). Diese Institution gilt als eines der wichtigsten Zentren der Kernforschung und pflegt traditionell enge Verbindungen zu internationalen Partnern.
Das JINR ist eine internationale Forschungsinstitution mit Sitz in Dubna und unterhält enge Verbindungen zum CERN. Kritiker bemängeln, dass die Kooperation mit dem JINR trotz des Krieges fortgesetzt wird und so ein uneinheitliches Signal gesendet werde. Befürworter argumentieren hingegen, dass dadurch die Trennung von Wissenschaft und Politik gewahrt bleiben sollte. Ein weiterer Aspekt ist die Unsicherheit darüber, wie sich der Konflikt auf die Finanzierung des JINR und dessen wissenschaftliche Agenda auswirkt.
"Wissenschaft als Brücke zwischen Konfliktparteien"
Seit 30.11.2024 weht keine russische Fahne mehr vor dem CERN.
(Bild: Brice, Maximilien: CERN)
Gleichzeitig werden Stimmen laut, die fordern, dass wissenschaftliche Kontakte in anderen Bereichen erhalten bleiben sollten, um Brücken für eine zukünftige Zusammenarbeit zu bauen. So äußerte sich etwa der ehemalige CERN-Direktor Rolf-Dieter Heuer dahingehend, dass Wissenschaft stets eine Brücke zwischen Konfliktparteien sein sollte. Heuer betonte in mehreren Interviews, dass Wissenschaft eine universelle Sprache spreche, die über politische und kulturelle Grenzen hinweg Verständigung ermögliche. Insbesondere in Zeiten von Konflikten sei es wichtig, wissenschaftliche Dialoge aufrechtzuerhalten, um langfristig Vertrauen und Kooperation wiederherzustellen.
Auch internationale Forschungsnetzwerke wie das SESAME-Projekt (Synchrotron-Light for Experimental Science and Applications in the Middle East) zeigen eine grenzüberschreitende Koooperation, selbst in politisch schwierigen Zeiten. SESAME, das Synchrotron-Projekt im Nahen Osten, wurde selbst unter extrem herausfordernden Bedingungen aufgebaut und vereint Länder mit teils angespannten politischen Beziehungen wie Israel, Iran und Palästina. Das Projekt steht symbolisch für die Möglichkeit, wissenschaftliche Zusammenarbeit als Grundlage für Dialog und Annäherung zu nutzen, unabhängig von geopolitischen Spannungen.
Zukünftige Kooperationen mit Asien und Amerika
Das CERN steht vor der Herausforderung, die finanziellen und wissenschaftlichen Lücken zu schließen, die durch den Ausschluss Russlands und Belarus entstanden sind. Einige Mitgliedsstaaten haben bereits zugesagt, ihre Beiträge zu erhöhen, um das Budget auszugleichen. Zudem setzt das CERN verstärkt auf Kooperationen mit anderen internationalen Partnern, um den Wegfall russischer Expertise zu kompensieren. Insbesondere Partnerschaften mit asiatischen und amerikanischen Forschungsinstituten rücken stärker in den Fokus.
In der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird intensiv diskutiert, wie die langfristigen Folgen der Entscheidung bewältigt werden können. Dabei stehen sowohl technische Fragen als auch der Umgang mit Forschenden aus den betroffenen Ländern im Fokus. Einige Experten schlagen vor, spezielle Programme zur Integration betroffener Forschender zu schaffen, um deren Expertise nicht komplett zu verlieren. Trotz der angespannten Lage betont das CERN seine Bereitschaft, die Zusammenarbeit mit russischen Forschenden wieder aufzunehmen, sobald sich die politische Situation entspannt.
Wissenschaft in Zeiten politischer Krisen
Merkel 2008 zu Besuch beim CERN: Kann Wissenschaft gänzlich unpolitisch sein?
(Bild: Maximilien Brice, CERN)
Die Entscheidung des CERN wirft ein Schlaglicht auf die komplexe Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik in Zeiten internationaler Konflikte. Viele Organisationen sind bemüht, sich neutral zu positionieren: So gibt es Beispiele wie das Internationale Rote Kreuz, das trotz geopolitischer Spannungen in Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan oder der Ukraine operiert. Oder das SESAME-Projekt, das Kooperationen zwischen Konfliktparteien ermöglicht.
Der Russland-Rauswurf des CERN steht beispielhaft für eine Entwicklung aufgekündigter oder aufgeschobenen Kooperationen zwischen russischen und westlichen Forschungsorganisationen. Beispielsweise plante die Europäische Weltraumorganisation (ESA) ursprünglich, in Zusammenarbeit mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos im Rahmen des Exomars-Programms einen Rover zum Mars zu schicken. Wegen der geopolitischen Spannungen und der daraus resultierenden Sanktionen gegen Russland wurde die Mission jedoch verschoben. Die ESA hatte 2022 die Zusammenarbeit mit Roskosmos beendet und plant, den Rosalind-Franklin-Rover eigenständig zu starten. Der Start ist für 2028 vorgesehen, mit einer Ankunft auf dem Mars im Jahr 2030. Mithilfe russischer Raketen hätte der Rover 2022 losfliegen sollen.
Der Schritt des CERN zeigt auf, dass wissenschaftliche Einrichtungen zunehmend zwischen wissenschaftlicher Neutralität und politischer Verantwortung abwägen müssen. Diese Entwicklung wird von den geopolitischen Spannungen und dem Druck der Mitgliedsstaaten bestimmt, klare Signale gegen Völkerrechtsverstöße zu setzen. Aber nicht nur Russland wird dadurch bestraft, auch die Wissenschaft an sich. (mc)