Der Wagniskapitalmarkt in Deutschland ist volatil und zu klein – mit starken Rückgängen. Ein Jammer, dass das Streben nach dem Mehr nicht nur ein Haushaltsproblem der Regierung ist, sondern nun auch zum Hindernis der Wirtschaft und Gründerszene wurde.
Unternehmensführung: Haben uns die wirtschaftlich starken Jahre mit zunehmendem Erfolg, Haushalt und damit einhergehenden Wünschen letztlich alle Ambitionen genommen?
Es beschleicht mich gemein das Gefühl, dass die Löcher bei Mut und Unternehmertum mit Kapital gestopft werden müssen. Das ist nicht nachhaltig, sondern eher ein Teufelskreis.
Es ist genau die Gesellschaft, die die Work-Life-Balance aus der faktisch untrennbaren Ambivalenz beider herzustellen versucht. Es ist die Gesellschaft, die bei jeder regulatorischen Nicht-Beachtung von noch so kleinen Interessen bulimieartige Wutausbrüche auf den sozialen Medien inszeniert. Oder die Generation, die nicht mehr hungrig, sondern bedürftig nach Schutz und Geborgenheit durch den Staat und die Vorgängergeneration ist.
Dazu kommt noch der tückische Scheineffekt des Silicon Valley, der uns in der aktuellen Sättigungsphase zeigte, mit wie viel Kapitaleinsatz und entsprechendem Lifestyle-Versprechen man innovative Unternehmen kurzfristig treiben kann, bis sie in den Konzernstrukturen der Digitaloligopole aufgrund vom erkauften Wettbewerbsverlust untergehen. Die wirtschaftlich starken Jahre mit zunehmendem Erfolg, Haushalt und damit einhergehenden Wünschen haben uns letztlich alle Ambitionen genommen.
Risiko sichert das Überleben
Dies führt nicht nur zur Regulierungsflut zwecks Adressierens möglichst aller lautesten Stimmen und Interessen. Die jedes Quäntchen Aufopferung und Unbequemlichkeit scheuende Gesellschaft erzeugt darüber hinaus auch die Risikoscheue, die mit Kapital oder dem Weiterso mit Begleitsymptomen des chronischen Meckerns wohlgenährt wird.
Das beobachtet man bei Gründern, die bis zum sie reich machendem Exit mehr aufs Geld der Investoren als auf das der Kunden blickten und in Folge mit der letzten Geld-Tranche von Bord gehen, ohne jemals mit der Organisation Ertrag erzielt zu haben. Nachhaltiges Unternehmertum lebt und lebte organisch, langsamer und resilienter zugleich – denn eine Organisation aufzubauen, die nicht überlebensfähig ist und fast schon auf der Intensivstation liegt, entbehrt jeder nachhaltigen Strategie.
Die Symptome dieser sich veränderten Mentalität erkennt man auch an dem nur langsam und ungenügenden Wachstum der oft angepriesenen und geforderten Transformations- und Kooperationsvorhaben – sei es technologisch oder über Unternehmensgrößen und Institutionen hinweg.
Das Miteinander heißt nämlich Vertrauen und auch stets Risiko. Dabei ist Risiko nichts anderes als Selektionsdruck und prägt uns als Wirtschaft und Gesellschaft wie ein Fels in der Brandung – Anpassungsfähigkeit und Kundenorientierung sind Kernpunkte der Wirtschaft und müssen stets zum Vorschein treten. Risiko ist geradezu ein Überlebensmittel.
Alles zu wollen und nichts zu erreichen
Doch woraus soll die ersehnte Rolle der mutigen Treiber erwachsen, wenn die Orientierung fehlt? Auch wenn der stehengebliebene Kompass durch externe Faktoren mittelfristig zwangsläufig zur heilenden Erschütterung gebracht wird, gibt es auch kurzfristiger eine Lösung.
Man betrachte es sportlich wie in einem Pferderennen: Wir als Gesellschaft müssen uns selbst die Karten offen legen – denn wir wissen, welche Technologien bei uns noch jung, aber im Rennen vorne mit dabei sind oder sein können. Wir können unsere begrenzten Mittel nicht wirksam auf alle Pferde setzen. Die Wahl der Relevanz und der Fokus auf die sich noch ganz vorn befindlichen Lösungen muss also gelingen. Das ist unsere Chance für gesellschaftlichen und politischen Fokus, für Fördermittel und auch private Investitionen, die wir begreifen und in unserem Sinne nutzen müssen.
Alles mit überhöhten Ambitionen gleichzeitig zu wollen, führt unsere Innovationskultur zur nächsten auf den Markt gebrachten laktosefreien Praline, einer weiteren Dating- oder KI-gestützten Recruiting-Plattform – alles Beispiele, die man im Rampenlicht auf Gründungsmessen in Deutschland vorfindet und die Daseinsberechtigung dabei leider nicht nach Impact einordnet.
Die Wettrennen um Themen wie Quantencomputing, bestimmte Medtech- respektive Pharmacluster und künstliche Intelligenz sind global noch nicht entschieden – hier sind wir durch unsere über Jahrzehnte aufgebauten Grundlagen-Forschungseinrichtungen ein ernst zu nehmender Mitspieler. Diese Voraussetzungen müssen in wirtschaftlichen Erfolg umgemünzt werden. Man denke zum Vergleich an das Desaster der Photovoltaik-Technologie, die durch die Grundlagenentwicklung maßgeblich in Deutschland entstand, deren letztendliche Vermarktung jedoch durch Asien und vor allem China erfolgte. Das darf uns nicht noch einmal passieren, so viel im Petto haben wir nicht mehr.
Stand: 08.12.2025
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Um den Mind-Change zu bewerkstelligen, benötigen wir auch das Eingeständnis, dass wir viele der verpassten Technologien und Märkte nicht mehr einholen oder gar überholen können, was bisher politisch auf allen Ebenen versucht wird. Wir werden in der heutigen Konstellation beispielsweise kein Topplayer bei Suchmaschinen oder Social Media mehr sein, wir werden auch keinen Chipentwickler-Riesen als Konkurrenten von Nvidia stellen können. Rückgrat zu zeigen und diese Entwicklung zu kommunizieren ist für einen demokratischen Politiker leider oft ein schmerzhaftes Eigentor der Unbeliebtheit. Und dennoch sind diese Offenheit und Transparenz dringend notwendig, um Kräfte für die benötigte Fokussierung zu bündeln.
Ein weiterer Schritt ist die Einsicht, dass wir bei den meisten der genannten Marktcluster nicht im brodelnden Wettbewerb mit benachbarten Firmen und Institutionen im gleichen Ort oder Bundesland sind, meistens nicht mal innerhalb Deutschlands oder Europa. Der Marktdruck, der Wettbewerb und die damit einhergehende Gefahr des folgenreichen Überholtwerdens stammt aus beiden Himmelsrichtungen entlang der Längengrade – sei es aus Asien oder den USA. Für die Beschäftigung mit dem eigenen Binnenmarkt oder sich selbst lässt der exponentielle Technologielauf also kaum eine Atempause zu und erfordert geradewegs ein gesellschaftliches Miteinander in der geopolitischen Zeitenwende.
Veränderung muss oft weh tun
Die großen Herausforderungen sind uns bekannt, hinzu kommen noch die strukturellen: Die in der Nachkriegszeit gebauten Brücken werden schwungweise sanierungsbedürftig, der Haushalt stagniert und wird real schrumpfen, Renten steigen, die Wirtschaft wandert zunehmend ab. Folglich werden wir uns keine jahrelangen Bauanträge mehr leisten können, müssen entbürokratisieren, aufgrund der Kosten digitalisieren und vieles mehr. Die träge machenden, den Kern des Leistungsprinzips umspannenden Fettpolster werden durch die externen Umstände in einer mehr oder weniger harten Diät abgebaut werden. Der stets auch vom Staat gedämpfte Selektionsdruck wird bei Unternehmern und Gründern weiter zunehmen – aber fortan nun mehr auf ursprünglicher Basis des natürlichen Marktdrucks und als Gegengewicht der Anpassungsfähigkeit. Die Not wird zwangsläufig schwere Veränderungen hervorrufen, die uns nicht in die Ecke treiben, sondern zum opportunistischen Lenker unseres Schicksals machen müssen, gerade wir in Deutschland sollten es retrospektiv wiedererkennen!
Ich sehne mich nach dem Tag, an dem die jungen Gründer freiwillig in die vor Öl triefende und bröckelnde Garage kommen, statt von schicken Gründungs-Inkubatoren mit bunten Bällebädern für Spaß und Entspannung und begleitet durch den Pizza-Gin-Tonic-Schein regelrecht angefleht zu werden. Es wird zwar deutlich weniger Publikum anziehen, dafür aber solches mit Mut, Anpassungsfähigkeit und Unternehmergeist. Solche Gründer, die wir brauchen und auf die wir unsere Zukunft setzen sollten. Dass das so eintrifft, bezweifle ich nicht, es ist nur eine Frage der Zeit und der zuvor entstandenen Scherben – denn der Mensch verändert sich durch Schmerz und Einsicht. An das Letztere glaube ich zunehmend nicht mehr. (mk)