Elektroautos als Netzretter Wie zukünftig Millionen Autos das Stromnetz der Zukunft stabilisieren könnten

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 3 min Lesedauer

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Während Windräder im Norden auf Hochtouren laufen und Süddeutschland gleichzeitig teuren Strom aus dem Ausland einkauft, zeigt sich ein zentrales Problem der Energiewende. Nicht die Erzeugung ist der Engpass, sondern die Verteilung.

Dezentrale Einspeisung und digitale Steuerung verändern die Struktur moderner Stromnetze.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Dezentrale Einspeisung und digitale Steuerung verändern die Struktur moderner Stromnetze.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Ein abgeschlossenes Pilotprojekt in Baden-Württemberg liefert nun konkrete Antworten darauf, wie sich dieses Problem künftig lösen lässt. Mit dem Elektroauto.Das Projekt „OctoFlexBW", umgesetzt von TransnetBW gemeinsam mit Octopus Energy Deutschland, gilt als wegweisendes Flexibilitätsprojekt. Nach erfolgreichem Abschluss steht fest. Über 700 batterieelektrische Fahrzeuge aus Privathaushalten ließen sich gezielt so steuern, dass sie aktiv zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen – ohne Komforteinbußen für die Nutzer. Im Gegenteil. Die teilnehmenden Kunden profitierten durch den Tarif „Intelligent Octopus" von deutlich günstigeren Ladepreisen und bemerkten die netzdienliche Steuerung in den meisten Fällen gar nicht.

Redispatch 3.0 – das große Bild dahinter

OctoFlexBW ist eng mit dem Konzept von Redispatch 3.0 verknüpft, welches vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert und unter anderem von OFFIS – Institut für Informatik koordiniert wird. Ziel dieses Ansatzes ist es, die bislang ungenutzten Flexibilitätspotenziale der Niederspannungsebene systematisch zu erschließen.

Während Redispatch 1.0 noch auf zentrale Kraftwerke beschränkt war und Redispatch 2.0 erneuerbare Anlagen einbezog, erweitert Redispatch 3.0 den Blick auf Millionen kleiner Einheiten im Netz. Genau hier setzt OctoFlexBW an und liefert erstmals belastbare Praxisergebnisse für diese Vision. Das Projekt zeigt, dass sich auch kleine, verteilte Anlagen wie Elektrofahrzeuge über digitale Schnittstellen bündeln und koordinieren lassen. Damit wird ein zentraler Baustein von Redispatch 3.0 aus der Theorie in die Anwendung überführt.

Flexibilität statt Netzausbau

Die Ergebnisse haben weitreichende Konsequenzen. Mit einer Flotte von 700 Fahrzeugen konnte das Projekt bereits eine tägliche Abrufmenge von 2 MWh realisieren. Hochgerechnet auf eine Million Elektrofahrzeuge entspräche dies einer Kapazität von 3 GWh pro Tag. Konkret bedeutet das: Eine Million intelligent gesteuerter Elektroautos könnten jährlich bis zu 0,5 Terawattstunden Energie für das Stromnetz bereitstellen und damit 3 bis 5 Prozent des gesamten jährlichen Redispatch-Bedarfs in Deutschland kostengünstig decken.

Das Timing könnte kaum besser sein: Die Elektrifizierung des Straßenverkehrs hat 2025 wieder deutlich an Fahrt aufgenommen. Die Zulassungszahlen für Elektrofahrzeuge stiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 43,2 Prozent, ihr Anteil am Gesamtmarkt lag bei 19,1 Prozent. Das „Eh-da-Potenzial" dezentraler Flexibilität wächst damit automatisch mit.

Was folgt nach dem Projekt

Mit dem Abschluss von OctoFlexBW tritt die Entwicklung in eine neue Phase. Die Zusammenarbeit wird im Folgeprojekt „DataFleX" fortgesetzt, in dem weit über 1.000 Elektrofahrzeuge angeschlossen und auch Heimspeicher integriert werden. Perspektivisch sollen weitere flexible Verbraucher wie Wärmepumpen und Klimatechnik eingebunden werden.

Mit Octopus Energy hat TransnetBW dabei einen Partner gewonnen, der vor allem aus Großbritannien umfangreiche Erfahrungen mit vergleichbaren Konzepten mitbringt. Deutschland verfolgt jedoch einen stärker systemischen Ansatz, bei dem regulatorische Vorgaben, Netzbetrieb und Technologieentwicklung eng miteinander verzahnt werden.

Entscheidend wird nun ein regulatorischer Rahmen sein, der die Abrufkosten für Übertragungsnetzbetreiber anerkennt. Nur so lässt sich das Potenzial haushaltsnaher Flexibilitäten vollständig heben und perspektivisch die Netzentgelte senken.

Der technische Kern von Redispatch 3.0

Im Zentrum steht die Fähigkeit, dezentrale Anlagen in Echtzeit zu steuern. Über intelligente Messsysteme und standardisierte Schnittstellen können auch kleine Einheiten in die Netzführung eingebunden werden. Damit entsteht ein durchgängiges System, das auf aktuelle Zustände reagiert und nicht mehr ausschließlich auf langfristiger Planung basiert.

Diese Entwicklung erfordert eine enge Abstimmung zwischen Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern sowie eine robuste, sichere Kommunikationsinfrastruktur. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an die IT-Systeme, insbesondere im Hinblick auf Skalierbarkeit und Cybersecurity.

Herausforderungen: Vom Stromnetz zur Plattform

Trotz der erfolgreichen Demonstration bleibt die Umsetzung im großen Maßstab anspruchsvoll. Die Integration einer Vielzahl unterschiedlicher Anlagen erfordert standardisierte Prozesse und eine breite technische Ausstattung. Zudem müssen wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, damit möglichst viele Akteure ihre Flexibilität tatsächlich zur Verfügung stellen. Ohne diese Voraussetzungen bleibt das theoretische Potenzial begrenzt.

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Mit OctoFlexBW wird deutlich, wohin sich das Energiesystem entwickelt. Das Stromnetz wandelt sich von einer passiven Infrastruktur zu einem aktiv gesteuerten System, in dem Erzeuger, Verbraucher und Speicher miteinander interagieren.

Für die Leistungselektronik bedeutet das eine neue Rolle. Wechselrichter, Batteriesysteme und Ladeinfrastruktur werden zu aktiven Teilnehmern im Netzbetrieb. Die Frage ist nicht mehr, ob diese Entwicklung kommt, sondern wie schnell sie skaliert werden kann. Ein Teil der Netzstabilität entsteht künftig nicht mehr im Kraftwerk, sondern direkt beim Verbraucher. (mr)

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