ZVEI zur Konjunktur Wie steht es um die deutsche Elektroindustrie, Herr Gontermann?

Von Kristin Rinortner 3 min Lesedauer

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Die Erholung der deutschen Wirtschaft kommt nicht so recht in Schwung. Der ZVEI hat seine ursprüngliche Prognose kürzlich deutlich abwärts revidiert – von real minus zwei auf minus sieben Prozent. Wir haben Dr. Andreas Gontermann, den Chef-Volkswirt des ZVEI, zur aktuellen Lage befragt.

Sieben Fragen an Dr. Andreas Gontermann, Chef-Volkswirt des ZVEI zur Konjunktur.(Bild:  Gerd Altmann auf Pixabay /  Pixabay)
Sieben Fragen an Dr. Andreas Gontermann, Chef-Volkswirt des ZVEI zur Konjunktur.
(Bild: Gerd Altmann auf Pixabay / Pixabay)

Herr Gontermann, die deutsche Elektro- und Digitalindustrie steht seit Monaten konjunkturell unter Druck. Welche Hindernisse und welche Chancen auf Erholung sehen Sie?

Gontermann: Als wir nach einem schwachen Jahresausklang 2023 in das Jahr 2024 gestartet sind, war unsere Erwartung zunächst die eines allmählichen – und spätestens ab dem zweiten Halbjahr wieder stärkeren – Anziehens der Konjunktur. Es kam anders. So lässt die Erholung bis heute auf sich warten. Dabei sind vor allem fehlende Aufträge das größte Produktionshindernis. Fast sechs von zehn Branchenunternehmen berichten darüber. Entsprechend hat der ZVEI seine ursprüngliche Prognose kürzlich auch deutlich abwärts revidiert – von real minus zwei auf minus sieben Prozent. Immerhin sprechen die abnehmende Inflation, sinkende Zinsen oder auch Lagerzyklen für eine wieder bessere Entwicklung 2025.

China ist mit Abstand das wichtigste Abnehmerland der heimischen Elektrounternehmen. Zuletzt verzeichnete die Branche hier aber ein deutliches Minus. Wie ist die aktuelle Lage?

Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: Er leitet seit 2007 die Abteilung Wirtschaftspolitik, Konjunktur & Märkte im ZVEI. (Bild:  ZVEI)
Dr. Andreas Gontermann, ZVEI: Er leitet seit 2007 die Abteilung Wirtschaftspolitik, Konjunktur & Märkte im ZVEI.
(Bild: ZVEI)

Gontermann: Ja, die deutschen Elektroexporte nach China sind im August um zehn Prozent gesunken. In den gesamten ersten acht Monaten konnten sie aber noch um dreieinhalb Prozent zulegen, wohingegen die Ausfuhren in den Rest der Welt hier rückläufig waren.

China hat den mit Abstand größten Elektromarkt weltweit. Auf ihn allein entfallen fast 40 Prozent des globalen Marktes. Obwohl die Lieferungen unserer Branche nach China im vergangenen Jahr 2023 zurückgegangen sind, lagen sie absolut immer noch höher als die – gestiegenen – Exporte in die zweitplatzierten USA.

Wird China perspektivisch durch andere Länder abgelöst werden, zum Beispiel von Indien?

Gontermann: Der indische Markt für elektrotechnische und elektronische Güter ist seit 2010 im Schnitt um rund sieben Prozent pro Jahr gewachsen, also sehr dynamisch. Sein Volumen macht aber erst ein Zwanzigstel des Pendants in China aus. Auch bei den deutschen Elektroausfuhren in die beiden Länder reden wir heute noch über unterschiedliche Dimensionen. Lieferungen im Wert von drei Milliarden Euro nach Indien standen im letzten Jahr Exporte von mehr als 25 Milliarden Euro nach China gegenüber.

Die USA haben gewählt: Wie haben die Unternehmen der deutschen Elektro- und Digitalindustrie im Vorfeld auf diese Schicksalswahl geblickt?

Gontermann: Anlässlich der letzten ZVEI-Vorstandssitzung im Oktober hatten wir unsere Mitglieder nach ihrer Sicht auf die USA befragt. Hier kam u.a. heraus, dass zwei Drittel der Firmen die Vereinigten Staaten verglichen mit Europa bzw. Deutschland als den besseren Investitionsstandort ansehen.

Gleichzeitig hatten wohl weder der IRA (Individual Retirement Arrangement, Anm. d. Red.) noch andere US-Maßnahmen – wie die großzügigen Corona-Hilfen, der Chips Act oder das Infrastrukturpaket – großen Einfluss auf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen. Für sich genommen hat auch die Wahl kaum Investitionen gehemmt.

Welche Bedenken gab es und was wünschen die Unternehmen sich?

Als Damoklesschwert wurden vor allem protektionistische Maßnahmen ausgemacht, d.h. Zölle, Einfuhrbeschränkungen oder wettbewerbsverzerrende Vorteile für amerikanische gegenüber ausländischen Unternehmen. Dieses Schwert hängt ja nun weiter in der Luft.

Von einer neuen US-Administration wünscht man sich eigentlich eine Vertiefung der transatlantischen Beziehungen, und zwar über den Aufbau gemeinsamer resilienter Lieferketten, den Abbau von Handelshemmnissen sowie gemeinsame Standards und Zusammenarbeit in Sachen Technologie.

Wie schätzt der ZVEI die Lage in Deutschland ein, nachdem die Koalition zerbrochen ist?

Gontermann: Die Lage ist ernst. Eine politische Hängepartie kann sich die Wirtschaft, kann sich Deutschland nicht leisten.

Wo sieht der Verband die wichtigsten Handlungsfelder einer neuen Regierung, um unsere Branche wieder in Schwung zu bringen?

Gontermann: Die Unternehmen brauchen schnell Entlastung, vor allem Bürokratieabbau, das heißt die Rücknahme von Regulierungen, die keinen Sinn machen. Der Strompreis muss auf ein wettbewerbsfähiges Niveau sinken. Letztlich gilt es, angebotsorientierte Rahmenbedingungen zu schaffen, die wieder Investitionen und Innovationen auslösen und so Wachstum entfachen und damit zur Wohlstandssicherung Aller beitragen. Dafür braucht es eine stabile handlungsfähige Bundesregierung, auch um wirtschaftsorientiert auf die sich gerade neu konstituierende EU-Kommission und das neue Parlament einwirken zu können.

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Herr Gontermann, vielen Dank für dieses Gespräch.

 Das Interview führte Kristin Rinortner.

* Dr. Andreas Gontermann leitet seit 2007 die Abteilung Wirtschaftspolitik, Konjunktur & Märkte im ZVEI. Das Team liefert u.a. mit dem monatlichen Konjunkturbarometer oder dem Außenhandelsreport sowie entsprechenden Spezial-Ausgaben aktuelle Berichte zur wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Elektro- und Digitalindustrie.

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