Ein Blick unter die Haube Wie grün sind die grünen Pistenraupen wirklich?

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 4 min Lesedauer

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Immer mehr Wintersport-Gebiete zeigen sich von ihrer grünen Seite. Das liegt zum Teil auch an der globalen Erwämung, weswegen das grüne Gras durch den Schnee blickt. Doch was können die Gebiete für weniger Emissionen leisten?

Der Pistenbully 600 E+ ist eine hybride Pistenraupe, die nicht an die Steckdose muss.(Bild:  Kässbohrer Geländefahrzeug AG)
Der Pistenbully 600 E+ ist eine hybride Pistenraupe, die nicht an die Steckdose muss.
(Bild: Kässbohrer Geländefahrzeug AG)

Mit dem 600 E+ verfolgt „Kässbohrer Geländefahrzeug“ einen Ansatz, der im schweren Offroad-Segment lange als technisch anspruchsvoll galt: einen diesel-elektrischen Leistungsstrang in einer Hochleistungs-Pistenraupe. Das Fahrzeug ist kein rein elektrisches Konzept, sondern eine Hybridlösung, bei der der Dieselmotor nicht mehr primär mechanisch die Ketten antreibt, sondern als Energiequelle für ein elektrifiziertes Gesamtsystem dient.

Während klassische Pistenraupen ein mechanisch-hydrostatisches Antriebskonzept nutzen, trennt der 600 E+ die Funktionen „Energie erzeugen“ und „Antrieb bereitstellen“ weitgehend voneinander. Der Verbrennungsmotor (6 Zylinder, 11,8 L Hubraum, 520 PS) arbeitet in einem optimierten Drehzahlfenster und versorgt Generatoren mit mechanischer Leistung. Diese Generatoren wandeln die Energie in elektrische Leistung um, die wiederum den elektrifizierten Fahr- und Arbeitsantrieb speist.

Der Dieselmotor als Kraftwerk, nicht als Direktantrieb

Im Motorraum arbeitet ein großvolumiger Sechszylinder, der in erster Linie auf konstante Leistungsbereitstellung ausgelegt ist. Anders als bei konventionellen Konzepten muss er Lastspitzen nicht unmittelbar mechanisch an die Ketten übertragen. Stattdessen erzeugt er elektrische Energie, die über Leistungselektronik verteilt wird.

Dieser Aufbau erlaubt es, den Motor in einem Bereich zu betreiben, in dem Verbrauch und Emissionen besonders günstig sind. Drehzahlschwankungen, wie sie bei wechselnden Hangneigungen oder variierenden Schneeverhältnissen auftreten, werden elektrisch abgefedert. Der Diesel wird damit eher zum stationären Kraftwerk im Fahrzeug als zum klassischen Fahrantrieb.

Technisch bedeutet das auch weniger mechanische Lastwechsel im Getriebe und eine Entkopplung von Drehmomentanforderung und Motordrehzahl. Die Systemregelung entscheidet, wie viel Energie zu welchem Zeitpunkt an welche Verbraucher fließt. Also ob diese an die Fahrmotoren, an die Fräse oder an hydraulische Nebenaggregate geht.

Elektrische Fahrmotoren und Drehmomentcharakteristik

Die elektrische Seite des Antriebs bringt Eigenschaften mit, die besonders im alpinen Einsatz relevant sind. Elektromotoren liefern ihr maximales Drehmoment praktisch ab dem Stillstand. Für eine Pistenraupe, die schwere Lasten am Hang bewegt und gleichzeitig Schneefräse sowie Schild betreibt, ist das ein entscheidender Vorteil.

Das Anfahrverhalten wird präziser, Lastwechsel erfolgen gleichmäßiger und die Kraftübertragung wirkt kontrollierter. Gerade beim Arbeiten im steilen Gelände spielt diese Feinfühligkeit eine große Rolle, weil Traktion und Schlupfmanagement unmittelbar von der Dosierbarkeit der Antriebskraft abhängen.

Die Leistungsregelung erfolgt über eine zentrale Steuerungseinheit, die elektrische Ströme, Drehmomente und Temperaturen überwacht. Hochvolt-Komponenten sind entsprechend gekapselt und gegen Feuchtigkeit sowie Kälte ausgelegt. Das gesamte System ist auf Dauerbetrieb bei extremen Minusgraden und hoher mechanischer Belastung ausgelegt.

Rekuperation und Energiefluss im Gefälle

Wichtig am alpinen Terrain: die Möglichkeit zur Energierückgewinnung. Beim Bergabfahren oder beim Abbremsen können die Fahrmotoren als Generatoren arbeiten. Die kinetische Energie der schweren Maschine wird dabei nicht vollständig in Wärme umgesetzt, sondern teilweise in elektrische Energie zurückgeführt.

Neben dem Fahrantrieb ist die Energieversorgung der Arbeitsaggregate ein zentraler Aspekt. Schild, Fräse und Seilwinde benötigen hohe hydraulische Leistungen. Im 600 E+ wird die Energieverteilung über ein intelligentes Managementsystem koordiniert, das Fahr- und Arbeitsanforderungen miteinander verrechnet.

Wenn beispielsweise bei hoher Fräsleistung weniger Fahrleistung erforderlich ist, wird die verfügbare Energie entsprechend priorisiert. Dieses dynamische Lastmanagement sorgt dafür, dass die Gesamtleistung des Systems optimal genutzt wird, ohne dass der Dieselmotor ständig in ineffiziente Lastbereiche gezwungen wird.

Die Hydraulikpumpen selbst profitieren von der gleichmäßigen Leistungsbereitstellung. Druckspitzen lassen sich besser kontrollieren, was sowohl die Präzision der Schneebearbeitung als auch die Lebensdauer der Komponenten positiv beeinflusst.

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Geräuschverhalten und thermische Aspekte

Ein indirekter Effekt der Entkopplung zwischen Motordrehzahl und Fahrgeschwindigkeit ist das veränderte Geräuschbild. Da der Motor nicht permanent auf wechselnde Lastanforderungen reagieren muss, läuft er ruhiger und konstanter. Auch die reduzierte mechanische Kopplung im Antriebsstrang wirkt sich auf die Gesamtakustik aus.

Thermisch stellt das Hybridkonzept allerdings hohe Anforderungen. Leistungselektronik und Elektromotoren erzeugen Abwärme, die auch bei allen Außentemperaturen zuverlässig abgeführt werden muss. Entsprechend aufwendig ist das Kühlkonzept ausgelegt. Mehrere Kühlkreisläufe arbeiten zusammen, um Motor, Generator, Umrichter und Hydraulik im optimalen Temperaturbereich zu halten.

Systemarchitektur und Zukunftsperspektive

Die Architektur des 600 E+ erlaubt perspektivisch eine stärkere Elektrifizierung, etwa durch größere Energiespeicher oder durch alternative Energiequellen. Das Grundprinzip – Energie zentral erzeugen und elektrisch verteilen – bietet dafür eine skalierbare Basis. Gleichzeitig bleibt das Fahrzeug voll einsatzfähig in bestehenden Infrastrukturen. Es benötigt keine externe Ladeinfrastruktur, sondern kombiniert bekannte Dieseltechnik mit elektrischer Leistungsübertragung. Allerdings macht es die Technik nicht so grün, wie die Außenfarbe zunächst andeutet.

Der Blick unter die Haube des PistenBully 600 E+ zeigt kein radikales Elektrofahrzeug, sondern ein konsequent weiterentwickeltes Hybridkonzept für den schweren alpinen Einsatz. Der Diesel fungiert als Energieerzeuger, die elektrische Antriebsebene übernimmt die präzise und effiziente Leistungsumsetzung. (mr)

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