Neue deutsche Hoffnung Wie die Robotik die schrumpfende Hannover Messe überstrahlt

Von Manuel Christa 7 min Lesedauer

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Weniger Hallen, aber mehr Tiefgang: Die Hannover Messe 2026 wird zum Schaufenster der Robotik-Branche. Von Physical AI über Low-Cost-Konzepte bis hin zur herstellerneutralen Software-Orchestrierung zeigt unsere ausführliche Übersicht, welche Highlights Sie dieses Jahr unbedingt sehen müssen.

Hannover Messe 2026: Egal ob Humanoide oder Cobots, die Robotik ist auf der diesjährigen Messe groß vertreten.(Bild:  Rainer Jensen/Deutsche Messe AG)
Hannover Messe 2026: Egal ob Humanoide oder Cobots, die Robotik ist auf der diesjährigen Messe groß vertreten.
(Bild: Rainer Jensen/Deutsche Messe AG)

Die Hannover Messe schrumpft weiter. Aber das ist vielleicht gar nicht schlecht. Wenn am 20. April die Tore aufgehen, werden rund 3.500 bis 4.000 Aussteller ihre Stände in einem komplett neuen Hallenlayout beziehen. Die alte Hallenreihe 2 bis 9 bleibt geschlossen, die Messe zieht sich nach Westen zusammen. Zum Vergleich: 2017 waren es noch 6.500 Aussteller. Wer darin nur einen Niedergang sieht, übersieht, was gleichzeitig passiert: eine thematische Verdichtung, wie es sie in Hannover lange nicht gab.

Zunächst die wichtigsten Messe-Links hier zusammengefasst:

Humanoide Roboter: vom Laborexperiment zum Messethema

Humanoide für die Industrie: Hexagon-CEO Arnaud Robert präsentiert den neuen Aeon.(Bild:  Hexagon Robotics)
Humanoide für die Industrie: Hexagon-CEO Arnaud Robert präsentiert den neuen Aeon.
(Bild: Hexagon Robotics)

Humanoide Roboter sind das Trendthema der diesjährigen Messe. Tanzende Maschinen haben wir genug gesehen. Aber kommen sie dieses Jahr nun auch in die Fabriken? Viele Unternehmen zeigen Systeme, die über den klassischen Roboterarm hinausgehen, mit Händen, Beinen oder zumindest Rädern.

  • Hexagon (Halle 26, Stand G44/38): Die Schweden feiern die Industriepremiere ihres humanoiden Roboters AEON, ein System auf Rädern, das Hexagon als „Physical AI“ positioniert. Unter der Haube stecken Metrologie-Sensoren für Echtzeit-3D-Kartierung, Nvidia-Prozessoren für die KI-Verarbeitung und Maxon-Antriebe. Der Clou: Ein Batteriewechsel dauert 25 Sekunden, was den 24/7-Betrieb ermöglichen soll. Einsatzfelder sind autonomes Scannen für Digital Twins, Maschineninspektion und Materialtransport. Mit an Bord als Technologiepartner: Microsoft und Nvidia.
  • Agile Robots (Halle 27, Stand J72): Die Münchner zeigen den Agile ONE, einen humanoiden Roboter mit der anthropomorphen Agile Hand. Fünf identische, modulare Roboterfinger sollen menschenähnliche Geschicklichkeit in die Fabrik bringen. Ergänzt wird das System durch die Softwareplattform AgileCore und die Tochtermarke Franka Robotics, die ebenfalls am Stand vertreten ist. Executive Director Rory Sexton diskutiert am 22. April auf der Center Stage (Halle 25) die Frage: „Humanoid Robots – The Future of Industry?!“
  • Igus (Halle 13, Stand C60): Die Kölner gehen einen anderen Weg und setzen auf den Preis. Ihr humanoider Roboter Iggy Rob steht auf einer ReBeL-Move-Plattform, hat zwei Cobot-Arme und bionische Hände, ist CE-zertifiziert und kostet circa 48.000 Euro. Dazu erweitert Igus seine RBTX-Plattform um bis zu 95 humanoide Modelle und KI-Steuerungen per Geste oder Sprache. Außerdem neu: der ReBeL Pallet Mover, ein autonomer mobiler Gabelstapler für die Intralogistik.
  • Duatic AG (Halle 26, Stand G44): Das Schweizer Unternehmen zeigt einen semi-humanoiden Roboter mit modularem Doppelarm-Design für die Intralogistik. Er navigiert autonom, greift per Bildverarbeitung und soll sich ohne Infrastrukturänderungen in bestehende Umgebungen einfügen lassen.
  • Beijing Galbot AI (Halle 26, Stand G76): Das 2023 gegründete Pekinger Unternehmen bringt gleich zwei Systeme mit: den Galbot S1, einen Heavy-Duty-Roboter mit KI-Doppelarm für industrielle Aufgaben, und den Galbot G1, einen General-Purpose-Roboter auf Basis multimodaler KI-Modelle für Industrie, Handel und Gesundheitswesen.
  • Aeolus Robotics(Halle 27, Stand E05/6): Die Taiwanesen zeigen mit dem Aeobot einen Dual-Arm-Service-Roboter, der autonom navigiert, Aufzüge bedient und verschiedenste Aufgaben übernimmt, vermarktet als Robot-as-a-Service (RaaS). Im Einsatz ist er bereits in der Altenpflege und Gebäudesicherheit in Japan, Taiwan und Hongkong.

Mobile und modulare Robotik

Modularer Roboter: Der Cobot des Münchener Start-ups RobCo verfügt über sechs Freiheitsgrade.(Bild:  RobCo GmbH)
Modularer Roboter: Der Cobot des Münchener Start-ups RobCo verfügt über sechs Freiheitsgrade.
(Bild: RobCo GmbH)

Neben den Humanoiden treibt die Branche vor allem die Abkehr von starren Produktionslinien um. Gefragt sind Systeme, die sich flexibel an wechselnde Aufgaben anpassen lassen und Materialflüsse dynamisch organisieren. Modulare Roboter-Baukästen senken dabei die Einstiegshürden für mittelständische Unternehmen drastisch, während autonome mobile Roboter (AMR) die Intralogistik nahtlos mit der eigentlichen Fertigung verschmelzen lassen.

  • RobCo (Halle 26, Stand E35): Das Münchner Startup, 2024 mit einer 100-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde ausgestattet, zeigt das nach eigenen Angaben weltweit erste modulare Roboter-Kit: konfigurierbar von 1 bis 8 Freiheitsgraden, je nach Aufgabe. Dazu kommen No-Code-Programmierung (RobFlow), KI-Bildverarbeitung (RobVision) und ein Flottenmanagement-Tool (RobCo Studio). Der Ansatz: Roboter sollen so flexibel zusammensteckbar sein wie ein Baukasten – und sich per Vormachen statt Programmieren anlernen lassen.
  • GoodBytz (Halle 26, Stand G44/5): Das Hamburger Startup hat den Robotics Award 2026 gewonnen – für eine automatisierte Küche, die mit Fanuc-Leichtbaurobotern parallele Mahlzeiten zubereitet. KI plant die Abläufe, auch bei simultanen Bestellungen. Das System läuft bereits in über 25 Städten, unter anderem im Uniklinikum Tübingen.
  • Innok Robotics (Halle 26, Stand G44/9): Die Oberpfälzer stellen ihre neue AMR-Familie Induros vor: vier Modelle (350s, 700, 700s, 1300) für Nutzlasten bis 1,3 Tonnen, einsetzbar indoor wie outdoor, auch auf unebenen Böden und Rampen. Zentral gesteuert wird die Flotte über den neuen Flottenmanager Innok Cockpit. Dazu kündigt das Unternehmen ein noch geheimes KI-Highlight an.
  • Guangdong Jaten Robot (Halle 26, Stand E42): Der chinesische AGV-Spezialist, dessen Systeme nach eigenen Angaben bei über 60 Fortune-500-Unternehmen laufen, zeigt Palettenstapler und Logistikroboter für den Einsatz in Automotive, Elektronik und Chemie.

KI-Integration bei den etablierten Riesen

Auch die klassischen Branchenriesen haben die Zeichen der Zeit erkannt und integrieren KI tief in ihre Steuerungssysteme, um die Nutzbarkeit zu revolutionieren:

  • Fanuc (Halle 26, Stand E98): Der japanische Hersteller beweist Flexibilität. Neben der Präsenz im Application Park gibt es einen eigenen Stand im neuen Defense Production Park. Die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie ist einer der robustesten neuen Wachstumsmärkte für Automatisierungslösungen.
  • Yaskawa (Halle 13, Stand C35): Am SmartFactory-KL-Partnerstand liegt der Schwerpunkt auf dynamischer Produktionsplanung und automatisiertem Werkzeugwechsel, um die Wandlungsfähigkeit von Produktionsinseln zu erhöhen.

Forschungshighlights: 6G-Vernetzung und hybride Roboter-Kinematik

Dass die Fabrik der Zukunft nicht nur durch neue Hardware, sondern vor allem durch intelligente Netzwerkarchitekturen und Hybrid-Ansätze geprägt wird, zeigen die großen Forschungsinstitute auf der Messe:

  • Fraunhofer IFAM (Halle 26, Stand G44/6): Das Institut präsentiert mit dem „Machine Tool Robot“ (MTR) eine innovative Fräs-Kinematik, die Industrieroboter und klassische Werkzeugmaschinen vereint. Die gemeinsam mit Siemens, Autonox Robotics und Weiss Spindeln entwickelte Lösung hat es bis auf die Nominierungsliste für den Robotics Award 2026 geschafft. Zudem gibt das Institut Einblicke in sein Testzentrum für kognitive und humanoide Robotik.
  • DFKI (Halle 11, Stand B30): Einen starken Fokus auf Kommunikationstechnologie legt das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Demonstriert am Exponat „Coyote III“ stehen hier 6G-vernetzte, KI-gesteuerte Roboter im Zentrum. Der Ansatz: Indem rechenintensive Prozesse komplett in die Netzinfrastruktur verlagert werden, können die Roboter selbst deutlich leichter, kostengünstiger und anpassungsfähiger konstruiert werden.

Sensorik, Sicherheit und Zulieferer

  • Pepperl+Fuchs(Halle 27, Stand D38): Die Mannheimer zeigen 3D-Vision-Sensoren für Pick-and-Place-Aufgaben in der Robotik sowie ihr breites Sensorik-Portfolio (induktiv, kapazitiv, Radar, IO-Link) unter dem Label Sensorik4.0.
  • Pilz (Halle 27, Stand E38): Der Sicherheitsspezialist aus Ostfildern präsentiert das erste vollständige IO-Link-Safety-System – mit zertifiziertem Master, Sensoren und Konfigurationstool. Dazu: Industrial Security via MYZEL-Plattform und PSENradar für Bereichsüberwachung. Am SmartFactory-KL-Stand (Halle 13, C35) gibt es eine Praxisdemo.
  • Festo (Halle 13, Stand C17): Die Esslinger setzen auf ihr Controlled-Pneumatics-Konzept mit bis zu 70 Prozent Energieeinsparung sowie digitale Zwillinge für Echtzeit-Optimierung. KI soll die Anlageneffizienz steigern, die offene Systemarchitektur erleichtert die Drittanbieter-Integration.
  • Bosch Rexroth (Halle 26, Stand E69 + G44): Neben den Kassow-Cobots der dänischen Tochterfirma zeigt Bosch Rexroth die offene Automatisierungsplattform CtrlX Automation, mit Steuerungen, Antrieben, Navigations-Apps und Sicherheitsfunktionen, skalierbar vom AGV bis zum humanoiden Roboter. Im Application Park gibt es zudem eine Premiere: ein mobiler humanoider Roboter auf einer AMR-Plattform.

Software-Plattformen: Das Betriebssystem für den Roboter

  • Wandelbots (Halle 16, Stand B10/1): Die Dresdner positionieren NOVA OS als herstellerneutrales Betriebssystem für Industrieroboter – eine Art Android für die Fabrikhalle. Es ermöglicht Simulation, Programmierung und Echtzeitsteuerung von Robotern verschiedener Marken über offene, modulare Schnittstellen.
  • Voraus Robotik (Halle 26, Stand G44): Die Hannoveraner verfolgen einen ähnlichen Ansatz: Ihre Plattform voraus.pioneer orchestriert Roboter, Sensoren und KI-Software verschiedener Hersteller – programmiert wird in natürlicher Sprache statt in proprietärem Code.

Vorträge und Panels zur Robotik

Wer den Messebesuch plant, sollte neben den Ständen auch das Rahmenprogramm im Blick behalten. Besonders die Center Stage in Halle 25 und die Bühnen im Application Park (Halle 26) bieten hochkarätig besetzte Deep Dives zu Humanoiden und KI.

Ausgewählte Einzeltermine:

Datum Zeit Ort Thema Speaker / Beteiligte
22. April 14:00 – 14:45 Halle 26 (Solution Lab) Zukunftssichere Produktion gestalten mit Fanuc: Effizient, vernetzt, skalierbar Fanuc
22. April 14:35 – 15:15 Halle 25 (Center Stage) Bringing Humanoids to Production Hexagon (Arnaud Robert), Nvidia (Rev Lebaredian)
22. April 16:35 – 17:15 Halle 25 (Center Stage) Humanoid Robots – The Future of Industry?! Agile Robots (Rory Sexton) u. a.
23. April 12:05 – 12:25 Halle 26 (Solution Lab) 2026: Das Jahr, in dem Robotik im Alltag ankommt Dr. Hendrik Susemihl, CEO und Co-Founder, Goodbytz GmbH
23. April 15:40 – 15:55 Halle 26 (Application Park) Humanoid Robots in the Real World Aska Liu, Founder & CEO, EnduX Limited

Kleinere Messe, größere Dichte

Die Hannover Messe 2026 zeigt eine Robotik-Branche, die sich emanzipiert. Sie wird modularer, deutlich mobiler, durch KI-Vision-Systeme intuitiver und vor allem: branchenunabhängiger.

Für die Branche rund um die Robotik liefert die Messe in diesem Jahr eine hohe Relevanz. Ob es um die Integration von Nvidia-Chips für On-Arm-KI-Berechnungen geht, um die Entwicklung kompakterer Motor-Encoder-Einheiten für humanoide Gelenke oder um hochauflösende 3D-Sensorik für das Bin-Picking, die Innovationen finden wieder im physischen Raum statt. Die Messe mag kleiner sein, aber die Dichte an echter, anwendbarer Technologie ist gleich geblieben. (mc)

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