„Ewigkeitschemikalie“ PFAS Warum PFAS so wichtig für die Industrie sind

Von Beate Lorenzoni * 5 min Lesedauer

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PFAS, die „Ewigkeitschemikalien“, sind in unzähligen Produkten. Sie sind langlebig, toxisch und gefährden unsere Gesundheit und die Umwelt – allerdings nicht alle. Trotzdem sollen jetzt PFAS europaweit pauschal verboten werden. Die Industrie schreit auf, denn für viele Prozesse und Produkte sind sie unverzichtbar. Der Fachverband der Bauelemente-Distribution (FBDi) informiert.

PFAS: Die „Ewigkeitschemikalien“ werden fast überall benötigt, sind aber teilweise gesundheitsgefährdend. (Bild:  DA, VDMA, ZVEI)
PFAS: Die „Ewigkeitschemikalien“ werden fast überall benötigt, sind aber teilweise gesundheitsgefährdend.
(Bild: DA, VDMA, ZVEI)

Per- und Polyfluorierte Verbindungen (PFAS) sind ein heiß diskutiertes Thema der Industrie sowie der Distribution als Zulieferer von Bauteilen für Lösungen, in denen die Stoffe für viele Produkte und Prozesse unverzichtbar sind. Man spricht bei PFAS von „Ewigkeitschemikalien“, weil sie wasser-, fett- und schmutzabweisend sowie chemisch und thermisch sehr stabil sind.

PFAS, erfunden vor rund 80 Jahren, umfassen etwa 15.000 Stoffe, die in der Chemie, Medizintechnik, industriellen Anwendungen und unterschiedlichsten Verbraucherprodukten zum Einsatz kommen. Laut ECHA (Europäische Chemikalienagentur) werden allein in der EU jährlich rund 300.000 t PFAS produziert und verarbeitet. Davon ist die Perfluoroctansäure (PFOA) seit 2020 in der EU verboten, und die Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) stark begrenzt.

Generell sind die Bedenken berechtigt: Laut UN⁠-Umweltprogramm⁠UNEP⁠ treiben mittlerweile durchschnittlich 13.000 Plastikmüllpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche. Schätzungen zufolge zirkulieren 250 Mio. Teile im Mittelmeer und sammeln sich in sogenannten Akkumulationsgebieten (Quelle: UBA). Der WWF bestätigt: Drei Viertel des Mülls im Meer besteht aus Plastik, konkret gelangen jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Mio. t Plastik in die Meere.

Andererseits haben PFAS aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften gerade im Bereich der Zukunftstechnologien für Innovationen und technische Weiterentwicklungen große Bedeutung, u.a. in der Halbleiterherstellung und in Brennstoffzellen. In vielen Branchen kommen diese Stoffe dann zum Einsatz, wenn extreme Rahmenbedingungen wie hohe oder niedrige Temperaturen, hohe Reibungswiderstände oder aggressive chemische Bedingungen dies erfordern. So tragen sie in Anlagen und Erzeugnissen zur Verlängerung der Lebensdauer, Reduzierung der Wartungsintensität und zur Erhöhung der Sicherheit bei.

Schlüsselrolle für zahlreiche Technologien

Für viele Technologien sind PFAS unverzichtbar – etwa für die Energiewende. Das Beispiel der Energiegewinnung zeigt die Anwendungsbereiche sehr plakativ auf – von der Erzeugung (z. B. über Windkraft), der Übertragung und Verteilung bis hin zur Nutzung. In einer Windkraftanlage dient ein PFAS-Stoff als Schmiermittel, das u. a. die Rotorblätter während der Produktion von der Form trennt, oder für gleichmäßige kinematische Bewegungen sorgt.

Geht es um den Netzzugang, sind die hohe Beständigkeit gegen extreme Hitze und aggressive Chemikalien, die guten Isoliereigenschaften und geringe Wasseraufnahme ausschlaggebend für den PFAS-Einsatz in Kühlrohren. Dasselbe gilt für die Ausrüstung zur Stromübertragung und -verteilung, wo die Stoffe zudem in Dichtungen, Gleitringen und Schaltdüsen vorkommen.

Und bei der Speicherung der elektrischen Energie – konkret Lithium-Ionen-Batterien – ist das Bindemittel in der Kathode der Batterie PFAS-haltig. Auch die Energiespeicherung mit einer Brennstoffzelle kann nicht ohne PFAS-haltigem Material bei Membranen und Dichtungen und mehr erfolgen. In Wärmepumpen von Gebäuden schließlich punkten PFAS-Stoffe mit ihrer hohen Temperatur-, Chemikalien- und UV-Beständigkeit, der hohen Durchschlagsfestigkeit, dem hohen Brechungsindex, der Feuchtigkeitsbarriere – zudem sind sie von Natur aus flammwidrig und vermeiden das Fouling in Wassersystemen.

Keiner dieser Bereiche würde ohne sogenannte Querschnittstechnologien, u.a. Pumpen, Kompressoren, elektrische Kontakte, Halbleiter, elektrische Antriebe, in denen Komponenten Schlüsselfunktionen übernehmen, funktionieren. Zum reibungslosen Betrieb der Bauteile tragen wiederum verschiedene PFAS-Stoffe bei – sie machen Bauteile resistent gegen Hitze, Druck und Abrieb. Das gilt insbesondere für die Halbleiterherstellung, denn zurzeit sind keine chemischen Stoffe verfügbar, die in gleicher Weise für die Durchführung der bei der Chipherstellung notwendigen chemischen Prozesse geeignet wären.

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Auch in der Industrie sind die PFAS nicht wegzudenken, wo sie beispielsweise als feste Substanz oder Schmierstoffe das Austreten von Flüssigkeiten verhindern, die Langlebigkeit von Produkten erhöhen, die Abfallmenge verringern, und Schutz vor Brand, Hitze, Flammen bieten. Dazu kommt ihre niedrige elektrische Leitfähigkeit, die dielektrische Isolierung und vieles mehr. In zahlreichen industriellen Prozessen müssen etwa Säuren transportiert und abgepumpt werden – ohne ein PFAS-Innenleben würden diese Pumpen in kürzester Zeit von den Säuren zerstört.

Alternativensuche läuft

Ohne Zweifel sind diese Ewigkeitschemikalien speziell bei den Zukunftstechnologien für Innovationen und technische Weiterentwicklungen von großer Bedeutung. Dem stehen ihre gesundheitsgefährdenden Eigenschaften gegenüber. Schon länger wird an Alternativen geforscht, etwa am Fraunhofer Institut, das eine steigende Zahl an Anfragen etwa nach Ersatzchemikalien, umwelt- und humantoxikologischen Bewertungen, Recycling-, Filter- und Reinigungstechnologien verzeichnet. Es gibt erste vielversprechende Ansätze, aber die Entwicklung braucht Zeit – und die ist knapp.

Eine Entscheidung der EU-Kommission wird für 2025 erwartet

Denn die EU-Mitgliedsstaaten treiben die deutlich eingeschränkte Verwendung der PFAS stark voran, die Entscheidung der EU-Kommission wird in 2025 erwartet. Die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung regeln die REACh-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006. Der Beschränkungsvorschlag zielt darauf ab, die Herstellung, das Inverkehrbringen sowie die Verwendung aller PFAS (als Stoffe und als Bestandteile von Gemischen und Erzeugnissen ab einer bestimmten Konzentration) zu verbieten.

Im Dossier sind (zeitlich begrenzte) Ausnahmen für wenige Verwendungen für 6, 5 bzw. 13,5 Jahre vorgesehen. Für den Großteil der Anwendungen sind jedoch keine Ausnahmen geplant, sodass diese bereits 18 Monate nach Inkrafttreten der Beschränkung verboten wären.

Ein generelles Verbot hat schwerwiegende Folgen

Weil auch unter den PFAS einige als „polymers of low concern“ – also nachweislich ungefährlich für die Umwelt – eingestuft werden, wäre ein generelles Verbot der PFAS ein folgenschwerer Schritt, unter dem ganze Zulieferbranchen wie die Distribution, Komponentenhersteller und andere massiv leiden würden. Zukunftsweisende Schlüsseltechnologien und damit die Innovationsfähigkeit Europas würden auf dem Spiel stehen.

Darum ist für eine nachhaltige Regulierung der Stoffe eine differenzierte Vorgehensweise geboten. Hierbei muss dringend berücksichtig werden, ob die Verwendung eines PFAS-Stoffes ein nicht beherrschbares Risiko für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit darstellt und ob geeignete Alternativen existieren. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass dringend benötigte Chemikalien nicht mehr auf dem Markt verfügbar sind und innovative Zukunftstechnologien nicht entwickelt werden können. Dies hätte massive Auswirkungen auf die Industrie und den Wirtschaftsstandort Europa. Die Existenz vieler mittelständischer Unternehmen wäre bedroht; das Erreichen von Umwelt- und Klimaschutzzielen des EU-Green-Deals in Frage gestellt.

In Europa scheint man nun die Überlegung eines pauschalen Verbots zu überdenken – zu Gunsten eines differenzierten Ansatzes, wie ihn Großbritannien praktiziert. Dort wurden 38 PFAS, die als „polymers of low concern“ aus dem Verbot ausgenommen, mit dem Verweis auf ihren entscheidenden Einsatz für viele industrielle Prozesse.

Eine ausgewogene Regulierung für Innovation und Versorgungssicherheit

Eines ist klar: Ein pauschales Verbot von PFAS bedroht die Versorgungsketten der Distribution und die Innovationskraft vieler Schlüsselindustrien. Eine differenzierte Regulierung, die unverzichtbare Anwendungen erlaubt, ist entscheidend, um sowohl technologische Fortschritte als auch Klimaziele zu sichern.

Und so wird es ohne Übergangsfristen und Ausnahmeregelungen nicht klappen, schließlich sind PFAS zu wichtig für die Energiewende, Medizintechnik, Halbleiterindustrie. Die Distribution bleibt dabei ein wichtiger Partner, um Umweltschutz und industriellen Fortschritt in Einklang zu bringen. (mk)

* Beate Lorenzoni ist die Presseverantwortliche für den FBDi

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