Interview mit Prof. Dr.-Ing. Klaus Metzger von imc Messsysteme Von der Vision einer integrierten Messtechnik
Das Zusammenspiel von PC und graphischer Bedienoberfläche hat die Messtechnik in den letzten 20 Jahren revolutioniert. Der Gesellschafter der imc Messsysteme, Prof. Dr.-Ing. Klaus Metzger, erinnert sich an die Anfänge und blickt in die Zukunft. Und er verrät im Interview mit ELEKTRONIKPRAXIS, wieso sich ein mittelständisches Unternehmen einen enormen Forschungsaufwand leisten kann.
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imc feiert sein 20-jähriges Jubiläum. Was war Ihre Vision und Ihr Anspruch bei der Gründung von imc?
Gemeinsam mit meinen Partnern Dr. Franz Hillenbrand, Stefan Hippe und Dr. Dietmar Sprenger wollten wir Messgeräte bauen und komplexe Systeme bedienbar gestalten. Und das gelang imc mit der bis heute gepflegten Signalanalyse-Software FAMOS und mit Technologien wie FPGAs und DSPs.
Geholfen hatten uns damals die aufkommenden grafischen Bedienoberflächen und unsere Wette auf Microsoft und Windows als Betriebssystem. Ganz entscheidend war natürlich auch das Know-how und das How-not zweier Gründer aus vorherigen Tätigkeiten als Entwicklungsleiter großer, international agierender Firmen.
Wie gestalteten sich die ersten Jahre bei imc konkret?
imc wurde als Entwicklungsfirma im Rahmen des von der damaligen Bundesregierung initiierten Förderprogramms zur technologieorientierten Firmengründung (TOU) gegründet. Von daher waren und sind die imc-Visionen und -Ansprüche meist technologischer Natur. Basis war das spezielle theoretische Know-how der Gründer bei Parameter-Identifikationsverfahren. Die praktische Umsetzung verlangte allerdings Geräte, die damals am Markt nicht verfügbar waren. So waren wir gezwungen, ein Messsystem selbst zu entwickeln. Das modulare Messsystem MUSYCS (Multi-Synchronous-Channel-System) war geboren. Die Idee, dieses Gerät als Transientenrekorder und Vielkanal-Datenerfassungssystem marktfähig zu machen, lieferte Additive, mit denen uns bis heute eine enge strategisch abgestimmte Zusammenarbeit und der gemeinsame Marktauftritt verbinden.
Wir starteten mit den drei innovativen Säulen Signalanalysesoftware, Elektromotorenprüfung und einem universellen Messsystem und waren vom Stand weg erfolgreich. Nicht zuletzt, weil Additive mit seinem Vertriebs- und Marketing-Know-how für den schnellen Markteintritt sorgte.
Sie betonen Ihren hohen technologischen Anspruch. Wie erfolgreich kann man denn als Mittelständler gegen die Großen der Branche international bestehen?
Unser Anspruch ist die Technologie- und Meinungsführerschaft im Bereich der experimentellen und Prüfstandsmesstechnik. Von daher ist unsere Entwicklungsabteilung größer als die des Wettbewerbs. Wir verstehen uns in erster Linie als Entwicklungs-Unternehmen. Das zeigt auch ein Blick auf die Zusammensetzung des Unternehmens: Von den ca. 120 Mitarbeitern sind ca. 70 Mitarbeiter unmittelbar in der Entwicklung und Forschung beschäftigt.
Natürlich bedeutet das auch überproportionale Entwicklungskosten. Sie sichern uns aber den technologischen Vorsprung und schützen imc vor sinkenden Margen bei verfallenden Preisen. Unsere Konkurrenzfähigkeit basiert aber auch auf der Erkenntnis, dass Entwicklung und Marketing zwei paar Schuhe sind. Auf dem Marketinggebiet arbeiten wir seit den Anfangstagen mit Additive zusammen und können uns so ganz auf den Entwicklungspart konzentrieren.
Sie sprechen immer als Innovationsführer über sich. Wo hat imc die letzten 20 Jahre nachhaltige technologische Akzente gesetzt?
Anfangs mit der populären Signalanalyse-Software FAMOS, als imc erstmals eine Ingenieur-Anwendung unter MS Windows realisierte. Weitere Akzente haben wir mit der Nutzung von FPGAs und DSPs sowie der Vernetzung mit Ethernet oder mit dem Messen bzw. Auslesen von Messdaten aus dem CAN-Bus gesetzt. Alles Eigenschaften, die heute Standard sind. Letztlich haben wir in der Summe unsere Vision integrierte Messtechnik umgesetzt.
Was verstehen Sie unter integrierter Messtechnik?
Integrierte Messtechnik ist ein Plattform- und Gleichteilekonzept, das moderne Messtechnik zu vernünftigen Preisen möglich macht. Es basiert darauf, dass man baugleiche Hardwarebaugruppen mit anwendungsspezifischer Firmware ausrüstet und sie mit stets gleicher Software betreibt. Unterm Strich kann man so eine Vielzahl universeller und spezieller Gerätefamilien auf hohem Qualitätsstandard preiswert anbieten. Innovationen sind so schneller und sicherer in neue Produkte integrierbar.
Wie sehen zukünftige Innovationen aus und woher kommen die Ideen dafür?
Unserer Technologie-Scouts beobachten sehr aufmerksam die für imc relevanten Technologien und die daraus ableitbaren Markttrends. Gleichzeitig halten wir einen sehr engen Kontakt zu unseren kritischsten Kunden, die wir Power-User nennen. Mit diesen treffen wir uns einmal pro Jahr und diskutieren Trends und neue Produkte sowie Features unserer bestehenden Produkte. Die Anforderungen versuchen wir dann zu verallgemeinern und leiten daraus künftige Produktentwicklungen ab.
An einem Beispiel lässt sich diese Methode gut verdeutlichen. Mitte der neunziger Jahre hat die Firma Bosch von uns gefordert, in künftigen Systemen sowohl analoge als auch CAN-Bus-Signale synchron zu erfassen. Wir waren uns damals unsicher, ob sich der CAN-Bus durchsetzen würde. Glücklicherweise sind wir den Forderungen dieses Power-Users gefolgt und hatten 1996 erstmals einen CAN-Einschub in unser Messgerät integriert. Damit wurden wir beispielsweise zu den Trendsettern auf diesem Gebiet.
Kann man schon sagen, woran Sie aktuell arbeiten?
Nun, wir haben die derzeitigen Megatrends identifiziert und glauben an eine stärkere Verschmelzung der Messtechnik mit Automatisierung und Simulation. Gleichzeitig wird die leichte Integrierbarkeit dezentraler Messtechnik speziell im Prüfstandsbereich immer wichtiger. Ethercat als Vernetzungsstandard intelligenter Messtechnik und auch das Internet spielen zukünftig eine große Rolle. Die Funktionsvielfalt wird weiterhin stark ansteigen. Dies ist nicht unproblematisch, da der Kunde ja „nur“ messen will. Von daher haben wir in punkto Bedienbarkeit große Herausforderungen zu bestehen.
Was hebt imc heute von seinen Wettbewerbern ab?
Unsere Vertriebsingenieure verstehen sich als Lösungslieferanten. Aus einem Baukasten für Hard- und Software „zaubern“ sie die richtige Anwendungslösung, exakt auf den Kundenwunsch zugeschnitten. Eine Referenz, die man auf dem Gebiet der Messtechnik äußerst selten findet. Entweder verkaufen die Firmen nur Hardware- und Softwareprodukte, also Komponenten, oder sie sind nur auf Applikationen spezialisiert.
Der Kunde bekommt also von imc „alles aus einer Hand“ und wird nicht zwischen Gerätelieferant und Applikationshersteller zerrieben. Wenn etwas nicht so funktioniert, wie es sollte, dann hat er einen kompetenten Ansprechpartner. Dazu kommt, dass die imc-Produktpalette auf dem Gebiet der physikalischen Messtechnik nahezu vollkommen ist. In messtechnischen Anwendungen für Automobil, Zug und Flugzeug hat imc immer eine Lösung.
Ist kundenspezifisches Geschäft nicht sehr problematisch und kommerziell riskant?
Mit der Frage treffen Sie genau die wunde Stelle, speziell da wir stets am Rande der derzeitigen technischen Möglichkeiten rangieren und gleichzeitig gezwungen werden, zu Festpreisen anzubieten. Manchmal würden wir uns wünschen, die Physik hätte nicht so starre Gesetze und wir hätten mehr Spielraum. Gleichzeitig ist die Fähigkeit sich auf alle Bedürfnisse einzelner Kunden auszurichten ein wesentliches Glied der Kundenbindung. In solchen Projekten entstehen sehr werthaltige Partnerschaften, die man als Komponentenlieferant nicht erreichen könnte. Geschätzt wird hier unser Grundsatz, keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Egal welche Probleme sich stellen, wir finden eine Lösung. Diese Einstellung ist seit Anbeginn ein wesentlicher Punkt unserer Firmenphilosophie und gelebte Praxis, die unsere Kunden außerordentlich schätzen.
Ist es Zufall, dass so viele deutsche Firmen und hier vor allem Mittelständler weltweit Trendsetter und Marktführer in der Messtechnik sind?
Nein, ganz und gar nicht. Die Messtechnik war schon immer eine Domäne, in der Deutschland stark war. Man darf auch nicht den Einfluss der Kunden vergessen, die einen hohen Anteil an diesem Erfolg haben. Speziell die Automobil-, Zug- und Flugzeugtechnik spielen hier eine große Rolle. Wer in diesen Anwendungen besteht, der ist auch für alles andere einsetzbar. Speziell die deutsche Automobilindustrie weist uns mit ihren anspruchsvollen Forderungen immer den Weg zur gemeinsamen Spitze.
Am Beispiel des schon erwähnten CAN-Busses lässt sich das sehr gut zeigen. Deutsche Niederlassungen amerikanischer und japanischer Messtechnikfirmen haben Ende der 90er Jahre verzweifelt die Implementierung von CAN-Messtechnik in deren Systeme von ihren Mutterfirmen gefordert. Da auf deren Heimmärkten die CAN-Verbreitung in der Fahrzeugindustrie erst viel später als in Deutschland begonnen hatte, haben sich die deutschen Messtechnik-Firmen einen Vorsprung von mehreren Jahren erarbeitet. Bis die Konkurrenten aus Übersee diesen Trend erkannt und in Produkte umgesetzt hatten, war der Markt schon weitgehend besetzt. Speziell für Firmen aus den USA ist es nur schwer einzusehen, dass auf dem Elektronikgebiet eine Innovation mal nicht aus ihrem Land kommt.
Wie sehen Sie die nächsten zehn Jahre von imc?
Unser Ziel bleibt die Meinungs- und Technologieführerschaft in den von uns gewählten Marktsegmenten.
Im deutschsprachigen Gebiet suchen wir unser Wachstum in der Erschließung neuer Anwendungsgebiete und mit erweiterten Dienstleistungen für die Messtechnik. Dies tun wir eng abgestimmt mit unserem strategischen Marketing- und Vertriebspartner ADDITIVE GmbH. Diese erfolgreiche Partnerschaft möchten wir auch in Zukunft fortführen.
Global sehen wir im Export große Wachstumschancen. Dies gilt in erster Linie für die aufstrebenden Märkte wie China, Indien und Osteuropa. In China und den USA hat sich imc wichtige Beteiligungen gesichert.
In die nächsten zehn Jahre blicken wir also mit großer Zuversicht. Auch deshalb, weil enge Kunden wie zum Beispiel Fahrzeughersteller und deren Zulieferer vor großen technologischen Herausforderungen stehen. Und so die Innovationen frei Haus liefern, indem sie von imc Lösungen erwarten.
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