Vom EMS zum E²MS Vom Bestückungsdienstleister zum Entwicklungspartner auf Augenhöhe

Von Simon Wunderle* 4 min Lesedauer

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Die Elektronikbranche steht unter Druck. Entwicklungszyklen verkürzen sich, der Bedarf an Individualisierung steigt und die Anforderungen an Qualität und Lieferleistung wachsen stetig. In diesem Umfeld gewinnt das erweiterte Dienstleistungsmodell E²MS zunehmend an Bedeutung.

Mit dem Konzept E²MS können Bestückungsdienstleister zum ganzheitlichen Projektpartner werden.(Bild:  FSM AG)
Mit dem Konzept E²MS können Bestückungsdienstleister zum ganzheitlichen Projektpartner werden.
(Bild: FSM AG)

Lange Zeit war das traditionelle EMS-Modell (Electronics Manufacturing Services) ausreichend, um den Anforderungen der Kunden gerecht zu werden. Die Aufgaben bestanden primär in der reinen Fertigung von elektronischen Baugruppen. Angefangen bei der Materialbeschaffung über die Bestückung teilweise bis hin zur Endprüfung.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Kunden erwarten heute mehr als nur perfekte Lötstellen. Sie suchen nach einem Partner, der sie bereits in der Entwicklungsphase unterstützt, Kostenpotenziale identifiziert und mit ihnen gemeinsam innovative Produkte zur Marktreife bringt. Folgende Tabelle soll die Differenzierung beider Modelle verdeutlichen:

Bereich Klassischer EMS E²MS
Rolle Auftragsfertiger Entwicklungs- und Projektpartner über den gesamten Produktlebenszyklus
Einstiegspunkt Nach abgeschlossener Entwicklung Bereits in der Konzept- oder Vorentwicklungsphase
Wertbeitrag Produktion Engineering, Produktion & Lifecycle-Management
Fokus Herstellkosten, Lieferperformance Innovation, Marktreife, Nachhaltigkeit
Schnittstellen operativ strategisch-technisch

Der Markt verlangt zunehmend nach integrierten Lösungen, und genau hier setzt das E²MS-Modell an.

Praxisbeispiel: Von der Idee zur Serie in Rekordzeit

Ein mittelständischer Medizintechnikhersteller stand vor der Herausforderung, ein neues, miniaturisiertes Diagnostikgerät innerhalb von sechs Monaten zur Serienreife zu bringen. Die bisher übliche Vorgehensweise wäre gewesen, den vertrauten EMS-Dienstleister nach Abschluss der Entwicklung mit der Fertigung zu beauftragen.

Dieser klassische Weg sollte bei diesem Projekt jedoch bewusst nicht eingeschlagen werden. Stattdessen entschied man sich für die Zusammenarbeit mit einem E²MS-Dienstleister. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als äußerst profitabel erwies. Der E²MS-Partner konnte bereits in der Konzeptphase eingebunden werden. Dadurch wurden zentrale, projektentscheidende Faktoren von Anfang an systematisch adressiert.

  • Bauteilverfügbarkeit: Schon beim Erstellen der Stückliste (BOM) wurden kritische Komponenten durch Second-Source-Alternativen abgesichert. So konnten Engpässe wie nicht mehr verfügbare Bauteile oder Lieferzeiten von 40+ Wochen vollständig vermieden werden.
  • Testbarkeit: Die Design-for-Testing-Kriterien (DfT) flossen direkt ins Layout ein. Dadurch konnten im Nachgang die gesamten Testvorgaben wie Boundary-Scan, ICT-Pads und FCT-Pads erfüllt werden, da alle kritischen Testpunkte berücksichtigt wurden.
  • Fertigungssicherheit: Bereits vor der Prototypenfertigung wurden thermische sowie EMV-relevante Aspekte simuliert. Auf dieser Basis ließ sich eine optimale Platzierung der Bauteile sicherstellen.

Durch das integrierte Vorgehen konnten Entwicklungszeiten drastisch reduziert, Designfehler vermieden und ein optimaler Fertigungsprozess definiert werden. Das Ergebnis: Das Produkt konnte nicht nur schneller, sondern auch deutlich kostengünstiger in Serie gehen.

Mehr als Fertigung: Was hinter E²MS steckt

Das „²“ im Begriff E²MS steht für die Erweiterung des traditionellen EMS-Modells um Engineering-Leistungen. Der Dienstleister wird dadurch nicht nur zum Auftragsfertiger, sondern zum Entwicklungspartner. Typische Leistungen im E²MS-Umfeld sind unter anderem:

  • Elektronik- und Layoutentwicklung
  • Design for Manufacturing (DfM): z. B. Auswahl lötfreundlicher Bauteile, thermische Entkopplung, standardisierte Lagenaufbauten
  • Design for Testing (DfT): z. B. Integration von Testpunkten, Boundary-Scan, ICT-Zugänglichkeit
  • Design for Sustainability (DfS): z. B. Verwendung RoHS-konformer Materialien, Modularisierung, CO₂-optimierte Lieferketten
  • Prototyping & Rapid Engineering
  • Industrialisierung und Testkonzeption
  • Integration digitaler Fertigungsdaten (Traceability), durch Seriennummern, Prozessdaten-Logging, ERP/MES-Integration
  • After-Sales-Services und Lifecycle-Management

Der große Vorteil für Unternehmen, welche die Elektronik in ihren Prozess integrieren: Sie profitieren von einer durchgängigen Prozesskette, kürzeren Abstimmungswegen und fundiertem Fertigungs-Knowhow bereits in der Konzeptphase.

Vorteile für die Kunden

Die Zusammenarbeit mit einem E²MS-Partner ermöglicht es den Unternehmen, sich auf ihre Kernkompetenzen wie Systementwicklung, Vertrieb oder Marktstrategie zu konzentrieren. Gleichzeitig gewinnen sie entscheidend an Time-to-Market, Produktqualität und Risikominimierung.

Ein erfahrener E²MS-Anbieter bringt nicht nur Engineering-Expertise mit, sondern vereint tiefes Fertigungswissen mit einem umfassenden Verständnis für den gesamten Produktlebenszyklus. Bereits in der Konzeptphase fließen Erkenntnisse aus der Fertigung zurück in die Entwicklung. Dadurch lassen sich teure Schleifen vermeiden. Auch Themen wie Bauteilverfügbarkeit, Testbarkeit und Nachhaltigkeit werden von Anfang an mitgedacht.

Das Resultat: weniger Prototypen, signifikant reduzierte Nacharbeit, höhere Erstpassquote, mehr Planungssicherheit und letztlich eine schnellere Marktverfügbarkeit bei optimierten Kosten. E²MS-Partner schaffen somit eine echte Wertschöpfungserweiterung und leisten einen aktiven Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit ihrer Kunden.

Die andere Seite der Medaille: Anforderungen an den Dienstleister

Der Schritt vom EMS- zum E²MS-Anbieter ist kein Selbstläufer. Es braucht Investitionen in qualifiziertes Personal, spezifisches Knowhow in allen Schritten des Produktlebenszykluses, digitale Tools, verlässliche Prozesse, die Anpassungsfähigkeit erlauben – und nicht zuletzt eine neue Denkweise. Wer Engineering-Leistungen anbietet, muss nicht nur technisch kompetent sein, sondern auch projektorientiert arbeiten und Verantwortung übernehmen. Ferner müssen Kunden sich darauf verlassen können, dass ihre Entwicklungen sicher sind, auch, wenn sie eng mit dem Dienstleister verzahnt wurden.

Fazit: Vom Dienstleister zum Möglichmacher

E²MS ist mehr als ein Schlagwort, es ist ein strategischer Entwicklungsschritt für die gesamte Elektronikbranche. Der Wandel vom reinen Fertiger zum ganzheitlichen Entwicklungspartner eröffnet neue Potenziale für beide Seiten.

Für herstellende Unternehmen bedeutet das: Wer frühzeitig die richtigen Partner einbindet, kann Innovationszyklen verkürzen, Risiken minimieren und Qualität sichern. Für EMS-Anbieter bietet sich die Chance, sich vom Wettbewerb abzuheben und echte Wertschöpfung zu betreiben. Die Zukunft gehört denen, die beides vereinen. Engineering & Manufacturing in einem starken, integrierten System. (sb)

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* Simon Wunderle ist Projektleiter E²MS bei FSM AG.

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