EMS-Branche Unsichtbar, obwohl systemrelevant: Wie die EMS-Branche um Wahrnehmung kämpft

Von Susanne Braun 5 min Lesedauer

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Geschäftsprinzipien, die über Jahrzehnte für die Electronic Manufacturing Services gut funktioniert haben, geraten zunehmend unter Druck. EMS-Unternehmen müssen Wege finden, sich fachlich zu differenzieren und zugleich sichtbar zu werden. Ein Besuch bei DBK EMS zeigt, was machbar ist.

DBK EMS ist in Rülzheim beheimatet und sieht sich nicht als simpler Dienstleister, sondern als Mitdenker.(Bild:  niko design / DBK)
DBK EMS ist in Rülzheim beheimatet und sieht sich nicht als simpler Dienstleister, sondern als Mitdenker.
(Bild: niko design / DBK)

Ein klassischer EMS-Dienstleister ist ein Auftragsfertiger, so ist oft immer noch die landläufige Annahme, vorausgesetzt, die Allgemeinheit weiß überhaupt, was ein EMS ist. Googeln Sie mal EMS, was finden Sie da? Den Fluss Ems? Den HR-Dienstleister Experts Managed Service? Die EMS-Gruppe? Die evangelische Mission in Solidarität? Oder vielleicht die Frage danach, ob EMS-Training wirklich effektiv ist? In diesem Zusammenhang steht EMS natürlich nicht für Electronic Manufacturing Services, sondern für elektrische Muskelstimulation.

EMS in der Elektronikindustrie sind Auftragsfertiger für elektronische Baugruppen. Sagt Wikipedia. Doch für alle, die nicht in dieser Branche arbeiten, ist EMS irgendetwas anderes, denn „unsere“ EMS, die Fertiger und Co., haben neben allen anderen Herausforderungen ein signifikantes Problem zu bewältigen, das sich nicht einmal richtig messen lässt: Man kennt sie nicht. Und davon mal abgesehen sind viele EMSler heute viel mehr als Fertiger.

Eine Branche unter Druck

Elektronikfertiger stehen unter hohem wirtschaftlichem und technologischem Druck. Volatile Märkte, steigende Kundenanforderungen, Fachkräftemangel, zunehmende Regulierung und geopolitische Unsicherheiten prägen den Alltag. Hinzu kommt ein weiterer Wettbewerbsfaktor, der in der Branche häufig unterschätzt wird: Sichtbarkeit.

Weil EMS-Dienstleister in vielen Projekten nicht öffentlich genannt werden dürfen, fehlen Referenzen und Außenwirkung – selbst dann, wenn sie einen wesentlichen Anteil an Entwicklung, Industrialisierung und Qualitätssicherung leisten. Das Beispiel DBK EMS zeigt, wie stark dieses Sichtbarkeitsdefizit inzwischen strategische Entscheidungen beeinflusst. Das Unternehmen hat uns nach Rülzheim eingeladen, um Einblicke in die Fertigung und Gespräche über die eigene Rolle im Markt zu ermöglichen.

Mehr Verantwortung, weniger Referenzfähigkeit

„Die Attraktivität steht und fällt damit, ob wir Antworten finden“, sagt Andreas Röder, Business-Unit-Leiter von DBK EMS. Antworten seien heute weniger auf einzelne Fertigungsschritte gefragt als auf komplexe Fragestellungen – etwa zu Beschaffung, Design-for-Manufacturing, Testkonzepten und Prozessstabilität. Gleichzeitig bleibe genau dieser Beitrag zum Endprodukt nach außen meist unsichtbar. Logos, Produktnamen oder konkrete Anwendungen dürften in vielen Fällen nicht kommuniziert werden.

Für DBK EMS ist diese eingeschränkte Sichtbarkeit ein zusätzlicher Stolperstein – neben den klassischen Herausforderungen der Branche. Zu Röder, der auf rund 30 Jahre Erfahrung in der Elektronikfertigung zurückblickt, kamen früher die Kunden noch mit einem Kofferraum voller Bauelemente, die zusammengesetzt werden mussten. Fertig. Heute ist das so nicht mehr vorstellbar und nicht gefordert, denn fertigen kann in der Branche nahezu jeder, damit hebt man sich nicht mehr ab. Diese Erkenntnis muss sich allerdings auch erst einmal einstellen. Röder beschreibt den EMS-Bereich innerhalb der DBK-Gruppe als eine hoch dynamische und an Bedeutung gewinnende Einheit. Es ist heute umso wichtiger, dass Entscheidungsträger ein hohes Maß an Branchenverständnis mitbringen.

Mittlerweile verfolgt DBK EMS ein deutliches Ziel. Statt auf Hochgeschwindigkeitsfertigung setzt das Unternehmen auf High-Mix-Low-Volume, höhere Flexibilität und eine stärkere inhaltliche Einbindung in Kundenprojekte. Ziel ist es, als Mitdenker und Partner aufzutreten – nicht nur als ausführender Dienstleister. Oder, wie es Vertriebsleiter Andreas Weißenborn ausdrückt: „Wir werden die Produktidee nicht erfinden.“ Aber der Produktlebenszyklus wird von Beginn bis zum Ende begleitet, vom Prototyp bis zum After-Sales. Verständlicherweise kann das nicht jeder EMS-Anbieter leisten. Gerade kleinere Unternehmen bleiben häufig in der klassischen Auftragsfertigerrolle verhaftet, weil ihnen die personellen und organisatorischen Ressourcen für zusätzliche Kundenaufgaben fehlen.

Im Fall von DBK EMS bedeutet die Rolle als Mitdenker unter anderem, neue Kompetenzen jenseits der standardisierten Leiterplattenfertigung aufzubauen – etwa im Umgang mit alternativen Substraten wie Keramik. Ergänzend stehen Entwicklerkapazitäten zur Verfügung, um Kunden bereits in frühen Projektphasen zu unterstützen. Design-for-Manufacturing und Design-for-Test versteht DBK EMS dabei ausdrücklich als operative Aufgabe und nicht als hohles Marketingversprechen.

Technische Differenzierung als Voraussetzung für Sichtbarkeit

ELEKTRONIKPRAXIS zu Besuch in der Fertigung von DBK EMS. Das Unternehmen tut sich insbesondere bei den Textkapazitäten für den HV-Bereich hervor.(Bild:  DBK Group)
ELEKTRONIKPRAXIS zu Besuch in der Fertigung von DBK EMS. Das Unternehmen tut sich insbesondere bei den Textkapazitäten für den HV-Bereich hervor.
(Bild: DBK Group)

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Test und Qualitätssicherung. DBK EMS verfügt über eine eigene Hochvolt-Testumgebung, und das ist im EMS-Umfeld keine Selbstverständlichkeit. In Kombination mit erweiterten Testmöglichkeiten adressiert das Unternehmen unter anderem Anwendungen aus der Medizin- und Labortechnik, die in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen haben.

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Parallel dazu hat sich auch die Kundenstruktur verschoben. Während 2020 noch rund die Hälfte des Umsatzes aus dem Automotive-Umfeld der eigenen Unternehmensgruppe stammte, liegt dieser Anteil heute bei etwa 20 Prozent. Die Bedeutung von DBK EMS innerhalb der Gruppe wächst, und das nicht zuletzt, weil der Automobilbereich derzeit schwächelt.

Natürlich eröffnet die Einbindung in den Konzern Spielräume, die vielen unabhängigen EMS-Anbietern fehlen. Sie erleichtert Investitionen, ermöglicht neue Themenfelder und erhöht die Planungssicherheit. Aus Sicht von Röder ist das ein wesentlicher Vorteil in einem Markt, in dem Kunden immer häufiger Aufgaben an den Dienstleister verlagern, nicht nur im Bereich der Beschaffung. Im Unterschied zur klassischen Materialbeschaffung, die im EMS-Umfeld seit langem etabliert ist, gewinnt der Boxbuild bei DBK EMS zunehmend an Bedeutung: Neben elektronischen Komponenten müssen heute auch Gehäuse- und Mechanikteile integriert beschafft und koordiniert werden. Das wiederum erhöht die Anforderungen an den Einkauf deutlich. Doch gerade dort kann ein EMS-Anbieter heute Mehrwert schaffen, für den Kunden auch bereit sind, zusätzliche Kosten in Kauf zu nehmen.

Sichtbarkeit entsteht im direkten Austausch

Business-Unit-Leiter Andreas Röder sieht in der Diversifizierung des DBK-Portfolios die Zukunft. Fertigen kann heute so gut wie jeder.(Bild:  DBK Group)
Business-Unit-Leiter Andreas Röder sieht in der Diversifizierung des DBK-Portfolios die Zukunft. Fertigen kann heute so gut wie jeder.
(Bild: DBK Group)

Sichtbarkeit entsteht für DBK EMS weniger über klassische Marketingkanäle als über persönliche Begegnungen. Kunden werden gezielt in die Fertigung eingeladen, um Fachwissen, Testkompetenz und Prozessverständnis vor Ort zu vermitteln. Die Branche sei ein „Persönlichkeitsgeschäft“, betont Röder. Vertrauen und Austausch auf Augenhöhe spielten eine größere Rolle als jede Produktbroschüre.

Parallel beschäftigt sich das Unternehmen mit Nachhaltigkeitsansätzen, etwa mit der Rückgewinnung von Bauteilen auf Funktionsebene. Bemühungen hinsichtlich der Kreislaufwirtschaft machen nicht vor der Elektronikbranche Halt – und sie sollten es auch nicht. DBK EMS prüft in Zusammenarbeit mit externen Partnern, ob sich Baugruppen so aufarbeiten lassen, dass sie erneut eingesetzt werden können. Das könnte nicht nur ökologische Effekte haben, sondern auch die Resilienz der Lieferkette erhöhen und den Aufbau von Prototypen beschleunigen. Ergänzend bietet DBK EMS einen Reparaturservice an, der neben dem Austausch von Komponenten auch systematische Fehleranalysen umfasst. Im Hochvolt-Umfeld geht es dabei weniger um klassische Defekte als um Verschleißmechanismen.

Ungleiche Rahmenbedingungen in der EMS-Branche

Als zusätzlichen Wettbewerbsfaktor sieht Röder die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa. Fehlende Planungssicherheit durch wechselnde industriepolitische Leitlinien wirke im internationalen Vergleich bremsend. Länder wie China hätten sich strukturelle Vorteile erarbeitet, weil strategische Ziele langfristig und konsistent verfolgt würden.

Für die EMS-Branche ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck. Unternehmen müssen technologisch und organisatorisch deutlich mehr leisten als früher. Doch insbesondere im Bereich der EMS bleibt ihre Rolle für den Markt vielfach unsichtbar. Wer künftig bestehen will, muss daher nicht nur effizient fertigen, sondern seine Kompetenz auch erlebbar machen, und zwar über Prozesse, über Zusammenarbeit und über Vertrauen. Gerade darin liegt für EMS-Anbieter heute eine der größten strategischen Herausforderungen. (sb)

Event-Tipp

Das Managementtreffen für die EMS-Branche

Der EMS-Tag gilt als eines der wichtigsten Managementtreffen der Branche, bei dem aktuelle Veränderungen, erfolgversprechende Strategien, generelle Managementfragen und wichtige technologische Entwicklungen in der Elektronikwelt analysiert und diskutiert werden. Das Programm bietet praxisorientierte Vorträge und interessante Einblicke in den EMS-Markt.

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