Zeitenwende auch im Umgang mit China: Der „Putin-Schock“ hat die Gefahr von Abhängigkeiten verdeutlicht. Menschenrechtsverstöße, Säbelrasseln gegenüber Taiwan und Null-Covid-Extreme machen Geschäfte in China riskanter. Aber wie teuer käme Deutschland eine Abkehr?
Der Drache hat seine Krallen ausgefahren: China ist sich seiner Bedeutung als „Werkbank der Welt“ und riesiger Absatzmarkt bewusst – und tritt entsprechend selbstbewusst auf. Darf man als demokratischer Handelspartner angesichts massiver Menschenrechtsverletzungen und ungehemmter Expansionspolitik der De-facto-Autokratie stets alle Augen zudrücken?
Die schöne Idee von „Wandel durch Handel“ ist in China gescheitert. Die wirtschaftliche Kooperation mit Deutschland und dem Rest der Welt hat dort nicht zu politischen Veränderungen geführt. Im Gegenteil: Es sind Abhängigkeiten entstanden, die das kommunistische System in Peking als politische Hebel einsetzt. Einst hatte der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer noch argumentiert: „Das Risiko, sich nicht in China zu engagieren, ist größer als das Risiko, in China tätig zu sein.“ Doch heute müssen sich Top-Manager vielmehr fragen, wie viel China-Risiko ihr Unternehmen noch verträgt.
Da ist die drakonische Null-Covid-Strategie, die Firmen in China die Luft abschnürt und Lieferketten unterbricht. Auch hat Russlands Krieg in der Ukraine die Gefahr allzu großer Abhängigkeiten von Autokraten offenbart. Chinas Rückendeckung für Wladimir Putin, die Drohung mit einer Eroberung Taiwans sowie Menschenrechtsverstöße und die durch ein Datenleck gerade wieder drastisch veranschaulichte Unterdrückung von Minderheiten wie Uiguren und Tibeter lassen die Aktivitäten in China zunehmend als Risiko und Belastung erscheinen.
Die Ära uneingeschränkter Globalisierung ist vorbei
„Die Epoche der Globalisierung der letzten 30 Jahre, frei von politischen Störfaktoren, ist vorbei“, sagte Max Zenglein vom China-Institut Merics in Berlin. „Es gilt bei wirtschaftlichen Entscheidungen für die Zusammenarbeit mit China politischen Risikofaktoren stärker Gewichtung zu geben, um Abhängigkeiten beim Umsatz oder bei den Lieferketten zu reduzieren.“
So gibt es in Wirtschaft und Politik ein Umdenken. „Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wirtschaftliche Beziehungen zu autoritären Regimen Schwachstellen schaffen können“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos. „Freiheit ist wichtiger als Freihandel.“ Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck beklagte „sehr relevante Probleme“ mit China, die „jahrelang ausgeblendet“ worden seien. Er will die Abhängigkeiten verringern. „Die Wahrung der Menschenrechte hat ein höheres Gewicht.“
Abhängigkeit lässt sich nicht von heute auf morgen verringern
Bemühungen zur Diversifizierung sieht der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) schon „in vollem Gange“, wie BGA-Präsident Dirk Jandura in Berlin sagte. „Das hat zunächst mehr mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zu tun. Aber auch die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung hat dazu beigetragen, nach neuen Handels- und Lieferwegen zu suchen.“ Alternative Absatzmärkte ließen sich etwa in Nord- und Südamerika aber auch in Indien und Afrika langfristig aufbauen. Doch weniger Abhängigkeit brauche je nach Branche viel Zeit und verursache hohe Kosten.
Die Möglichkeiten für größere Unabhängigkeit von der zweitgrößten Volkswirtschaft sieht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kritischer. Unternehmen wie Volkswagen machten fast die Hälfte ihrer Gewinne in China. „Ähnlich wie mit Russland ist die Asymmetrie und die Einseitigkeit der Abhängigkeit Deutschlands von China das zentrale Problem“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Das nutze China zunehmend als Druckmittel gegenüber Deutschland und Europa.
Millionen Jobs in Deutschland hängen von China ab
Mehr als 5.000 deutsche Unternehmen sind in China tätig und sichern damit in Deutschland eine Million Jobs. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die Volksrepublik. Deutsche Importabhängigkeiten bestehen bei strategisch wichtigen Produkten wie Lithium-Batterien oder Seltenen Erden, wie die deutsche Handelskammer (AHK) in China berichtet. Die Lockdowns in Shanghai und anderswo demonstrierten auch die Abhängigkeit von Lieferketten, wenn Produkte nicht nach Deutschland geliefert werden können, weil ein einziges kleines Teil fehlt.
„Bei strategischen Produkten oder Rohstoffen gilt es, diese mit Augenmaß zu reduzieren“, sagte Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK. Gleichzeitig sicherten Handel und Investitionen aber auch gegenseitig Bevölkerungswohlstand und dienten bei Konflikten der Mäßigung. „Die Abhängigkeit zwischen Deutschland und China ist gegenseitig.“ Um sich von China abzukehren, müssten anderswo neue Lieferketten aufgebaut werden, was lange dauere. „In der Zwischenzeit wäre mit Preissteigerungen zu rechnen.“
Stand: 08.12.2025
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Null-Covid-Lockdowns geben einen Vorgeschmack
Durch die enge Verflechtung deutscher Unternehmen in chinesische Lieferketten würde sich eine Abkopplung „auf die ganze deutsche Wirtschaft negativ auswirken“, warnte Hildebrandt. Einen Vorgeschmack habe es gerade aufgrund der Covid-Einschränkungen und Engpässe in den Lieferketten gegeben. Der Mangel an Vor- und Zwischenprodukten bremse deutsche Unternehmen nicht nur in China, sondern auch in Deutschland.
Anders als mit Russland, das meist Energie liefert, wäre eine Abkehr von China viel schwieriger, sagte auch Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer. „Russland ist eine Drei-Produkte-Wirtschaft. Das ist alles, während wir Zehntausende von Produkten aus China beziehen und wahnsinnig viele Jobs in Deutschland kreieren“, sagte Wuttke.
Europa liefere zwar täglich Waren für 600 Millionen Euro nach China, aber China schicke umgekehrt jeden Tag Exporte für 1,3 Milliarden nach Europa. Insofern sei China „mehr als doppelt so abhängig“.
Gibt es eine Alternative zu China?
Was mit Uiguren und Tibetern passiert, sei „unverzeihbar“ und werfe „riesengroße Fragen“ auf, sagte der Kammerpräsident. Es zwinge Firmen dazu, sich abzuwenden, wenn sie ihre Lieferketten durchgingen und nicht ausschließen könnten, dass irgendwo Zwangsarbeit stattfinde.
Diversifizierung liege im ureigensten Interesse jedes Unternehmens. „Wir alle machen das auch“, sagte Wuttke. „Aber zu einem Markt in der Dimension wie China gibt keine Alternative.“
Für allzu großen Pessimismus sieht Merics-Experte Zenglein aber keinen Anlass, auch wenn es kurzfristig zu höheren Kosten oder Engpässen kommen dürfte. Mittelfristig rechnet er mit neuen Gelegenheiten für die Industrie. „So unbequem das jetzt auch sein mag, es ist nicht das erste Mal, dass sich die globalen Lieferketten neu aufstellen. Man kann darin auch eine Chance sehen.“