Theodor Schultes war ein Pionier der Radartechnik, dessen Arbeiten einen bedeutenden Einfluss auf die militärische und zivile Nutzung von Radarsystemen hatten. Wir werfen einen Blick auf seinen Beitrag auf viele Bereiche der Wissenschaft und Technik, in denen Radar heute eine zentrale Rolle spielt.
Noch im Bau befindliches Jagdschloß Funkmessgerät 404.
Haben Sie wieder Lust auf einen historischen Seitenblick? Dann befassen Sie sich doch gemeinsam mit uns mit dem Leben und den Errungenschaften einer Persönlichkeit der Elektrotechnik, die im Bereich der Radartechnik als Pionier gilt. Dabei handelt es sich um den deutschen Ingenieur Theodor Schultes, genauer gesagt Joseph Theodor Jacob Schultes, der 10. September 1901 im saarländischen Berschweiler geboren wurde.
Nachdem der Sohn eines Sparkassendirektors sein Abitur in Völklingen (ebenfalls Saarland) erlangt und im Anschluss daran für ein Jahr in einem völklinger Eisenwerk gearbeitet hatte, startete er im Jahr 1921 ein Studium der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Darmstadt.
Nach Abschluss des Studiums im Jahr 1926 blieb er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent bis 1933 an der TH Darmstadt und promovierte 1934 mit dem Titel Doktor-Ingenieur. Parallel dazu war er 1933 nach Berlin umgezogen und arbeitete im Heinrich-Hertz-Institut in Berlin im Bereich der Raumakustik. Passenderweise trug die Dissertation Schultes den Titel „Untersuchungen über Raumakustik“. Vor allem die Beschäftigung mit den (Schall)Wellenreflexionen waren die Grundlagen dafür, dass Schultes im Bereich dessen forschte und entwickelte, was wir heute „Radar“ nennen.
Forschung mit Schallwellen
Während Schultes Arbeit an seiner Dissertation experimentierten Forscher in einem Berliner Tonstudio mit der Ortung von reflektierten Schallwellen unter Wasser für die Marine. Inspiriert durch Experimente mit einem Funkgerät, das im damals noch neuen UKW-Bereich sendete, schlugen die Vertreter der Marine vor, Versuche mit einer Erfassung der Rückstrahlung an Schiffen durchzuführen.
Allerdings zeigte sich aus Unternehmersicht, dass für das Tonstudio die noch recht unbekannte Materie mit einer hohen Gefahr des Scheiterns verbunden und das finanzielle Risiko daher zu hoch war. Anfang 1934 entstand daher die vom Staat in Leben gerufene GEMA, die Gesellschaft für elektroakustische und mechanische Apparate, bei der sich Theodor Schultes erfolgreich für die Leitung des Forschungslabors bewarb.
Nicht zu verwechseln ist diese GEMA mit der ebenfalls als GEMA bekannten Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, die sich um die Nutzungsrechte im Bereich der Musik kümmert. Die GEMA, bei der Schultes arbeitete, forschte und entwickelte vordergründig im Bereich militärischer Technikprodukte, ab 1935 unter direktem Zugriff seitens des Militärs, mit exklusiven Vereinbarungen und Geheimhaltungsvorgaben.
Funkmessgeräte – die deutsche Version des Radars
Ein erster großer Erfolg des von Schultes geführten Labors waren Funkmessgeräte, die erstmals auch praxistauglich nutzbar waren. Funkmessgeräte senden elektromagnetische Wellen im Funkwellenbereich und empfangen deren Reflexionen zur Positionsbestimmung von Objekten. Seit den 1950er-Jahren wird für Funkmessgeräte auch in Deutschland der wohl gängigere Begriff Radar verwendet, der für RAdio Detection And Ranging steht.
Schultes Funkmessgeräte wurden zur Ortung und Führung von Flugzeugen sowie Zielunterstützung von Flakkanonen oder Artillerie verwendet. Er reichte dabei bis 1941 etwa 50 Patente ein, von denen die Mehrzahl den Bereich der Senderöhren betrafen, die für seine für die GEMA entwickelten Funkmessgeräte notwendig waren. Ein im Herbst 1935 der Kriegsmarine präsentiertes Funkmessgerät, welches auch die direkte Arbeit für das Militär besiegelte, arbeitete mit Impulsen von 600 Megahertz bei 82 Zentimeter Wellenlänge und hatte eine Reichweite von 20 Kilometern. Erstmals zum Einsatz kam es auf dem Panzerkreuzer Admiral Graf Spree für die Bordgeschütze, wobei aus Geheimhaltungsgründen die Bezeichnung DeTe-Gerät (Dezimeter-Telegraphie-Gerät) verwendet wurde.
Im Jahr 1939 begann dann der Zweite Weltkrieg, sodass die Bedeutung dieser Technik enorm wuchs – schon zwei Jahre vorher entwickelte Schultes das Funkmessgerät Freya, das mit einer Reichweite von 100 Kilometern und 240 Zentimetern Wellenlänge für das Aufspüren von Flugzeugen eingesetzt wurde. Der Name Freya bezieht sich auf die gleichnamige Göttin aus der nordischen Mythologie, die auch in der Nacht sehen kann. Von den Radaranlagen wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 1.000 Einheiten produziert, wobei die Reichweite zwischenzeitlich auf 160 Kilometer erhöht und die Wellenlänge auf 120 Zentimeter verkürzt werden konnte. Das sorgte für eine bessere Abdeckung und somit eine größere Chance für die Entdeckung von kleineren Objekten. Das britische Gegenstück Chain-Home-Radar arbeitete hingegen mit zwölf Metern als Wellenlänge und war somit technisch unterlegen.
Stand: 08.12.2025
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Der Zweite Weltkrieg als Technikbeschleuniger
Während des Zweiten Weltkriegs wechselte Theodor Schultes in eine Fertigungsstätte der Firma Siemens & Halkse (später nur noch Siemens), die 1847 als Telegraphen Bau-Anstalt Siemens & Halske gegründet worden war und sich bereits zu einem großen Konzern gereift war. Dabei agierte das Werk im Auftrag der GEMA, deren eigene Kapazitäten durch die militärischen Bestrebungen im Bereich der Radartechnik nicht mehr ausreichten. Schultes leitete das „Siemens & Halkse“-Werk für Funkgeräte seit dessen Gründung im Jahr 1942 und führte dort die Forschung und Entwicklung von Funkmessgeräten fort, wobei er weiterhin auch als Mitarbeiter der GEMA agierte.
Schon im selben Jahr wurde das Funkmessgerät Wassermann fertiggestellt, das aus einem Verbund von mehreren Freya-Fernmessgeräten bestand. Für das FuMG 41, Wassermann L (leicht), wurden vier Freya-Fernmessgeräte übereinander platziert, sodass eine 40 Meter hohe Apparatur entstand. Bei dem FuMG 42, Wassermann S (schwer) waren es zwei Reihen zu je vier Freya-Fernmessgeräten, wobei die gesamte Konstruktion inklusive der Basis insgesamt eine Höhe von 60 Metern erreichte. Dank der Zusammenschaltung stieg die Strahlungsleistung, ohne dass die Sendungsleistung erhöht werden musste. Die Reichweite betrug je nach Standort der Anlage sowie der Höhe des zu erfassenden Objektes 35 bis 190 Kilometer, zum Teil auch bis zu 300 Kilometer. Dies wurde durch die Verzehnfachung der Sendeleistung sowie der größeren Antennenfläche im Vergleich zu einem einzelnen Freya-Fernmessgerät ermöglicht.
Freund-Feind-Erkennung per Radar
1943 stellte Schultes ein Rundsicht- oder auch Panorama-Funkmessgerät für Luftlagezentren fertig, das den Namen Jagdschloß erhielt. Mit der etwa 24 Meter breiten Anlage konnte man auf einer Schautafel Flugzeuge sehen, die im Umkreis von 150 Kilometern aufgespürt wurden. Dabei ließ sich zwischen Ortung und Kennung umschalten. Bei der Kennung wurden nur eigene, also deutsche Flugzeuge erkannt und fremde Flugzeuge ausgeblendet. Somit konnte man indirekt auf die Position fremder Flugzeuge schließen, wenn man die Signalbilder miteinander verglich. Da die Messdaten der Radaranlage Jagdschloß in akustischer Form vorlagen, konnte man sie direkt per Telefonleitung oder Funk weiterleiten, zum Beispiel an Hauptquartiere oder an Flak-Anlagen, wo die Signale dann als leuchtende Punkte auf runden Sichtgeräten dargestellt wurden.
Die Höhe der erfassten Objekte konnte nur erfasst werden, wenn man zusätzlich ein sogenanntes Würzburg-Gerät verwendete, das von der Firma Telefunken entwickelt worden war. Mit der Variante Jagdhütte des Fernmessgerätes Jagdschloß wurden nur deutsche Flugzeuge erfasst und geleitet, aber keine anderen Flugzeuge erfasst.
Der Start der Entwicklung für die Funkmessgeräte Jagdschloß und Wassermann lag in einer Zeit um das Jahr 1937, als Schultes noch direkt bei der GEMA arbeitete. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs konnte die Reichweite zur Erfassung von Flugzeugen weiter erhöht werden, zum Beispiel bei dem Funkmessgerät Wassermann auf die schon genannten bis zu 300 Kilometer sowie beim Modell Jagdschloß auf 200 Kilometer. Die Reichweite hing dabei nicht zuletzt von der Flughöhe der zu erfassenden Objekte ab.
Schultes Karriere nach Kriegsende
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 wurde die GEMA im Zuge der Entmilitarisierung durch die Alliierten aufgelöst. Zudem wurde deutschen Forschern zunächst die Arbeit an militärischer Technik, zu der auch die Radartechnik gehörte, verboten. Schultes beschäftigte sich daher zunächst für einige Jahre in einem Privatlabor mit den Themen Elektromedizin und Elektroakustik. Durch eine Anstellung in der Schweiz bei der Albiswerk Zürich AG, einer Tochterfirma von Siemens, konnte Schultes ab 1948 wieder das Themengebiet Radartechnik aufgreifen. 1952 kehrte er nach Deutschland zurück, und zwar zur Siemens-Niederlassung in München, die inzwischen der Hauptsitz des Konzerns ist. 1956 wurde Schultes die Werksleitung in München zugeteilt. Durch sein Renommee konnte er im 1961 als Mitglied des Gründungsausschusses der IABG die Interessen von Siemens vertreten. Die IABG (Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH) wurde vom Bund ins Leben gerufen und ist im Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie für Analysen und Tests zuständig.
Ein bekanntes Projekt war 1982 die Teststrecke für eine Transrapid-Versuchsanlage, aber auch für Airbus oder die ESA (Europäische Weltraumorganisation). Theodor Schultes war von 1963 bis 1971 der technisch-wissenschaftliche Leiter der IABG und ging danach in den Ruhestand. Zehn Jahre später, am 16. März des Jahres 1981, verstarb er im Alter von 79 Jahren in Starnberg (Oberbayern). Theodor Schultes wird, obgleich durch seine Arbeit freilich das Nazi-Regime profitierte, als einer der Pioniere der Radartechnik in Erinnerung bleiben. (sb)