Nordic Semiconductor erweitert sein Portfolio massiv und wandelt sich vom reinen Hardware-Anbieter zum Komplettanbieter für IoT-Lösungen. Auf der Embedded World 2026 im Fokus: Edge-KI speziell für Sensordaten, Satelliten-Konnektivität und ein "Lifetime-OTA"-Service, der Industrieunternehmen fit für den CRA macht.
Hardware hautnah: Ein Development-Board mit dem neuen SoC nRF54LM20, der dank integrierter NPU speziell für extrem stromsparende Edge-KI-Anwendungen entwickelt wurde.
(Bild: mc/VCG)
Wer Nordic Semiconductor bislang als Lieferanten für stromsparende Bluetooth-Chips auf dem Radar hatte, musste sein Bild auf der diesjährigen Embedded World in Nürnberg deutlich nachschärfen. Der norwegische Halbleiterhersteller stellte nicht nur neue SoC-Generationen vor, sondern betonte eine strategische Evolution: Neben Hardware und Embedded Software geraten mehr Cloud-Services ins Zentrum des Geschäftsmodells. Und das nicht erst seit der Übernahme von Memfault. Das Ziel ist eine geschlossene „Chip-to-Cloud“-Lösung, die Entwicklern nicht nur das Design-in erleichtert, sondern auch das Lifecycle-Management von IoT-Geräten im Feld abnimmt.
Vom Chip zur Cloud: Nordic Semiconductor positioniert sich als Komplettanbieter mit den drei Säulen Hardware, Embedded Software und Cloud-Services.
Eine Strategie, die das Unternehmen robuster macht: Auf die aktuelle Speicher- und Flash-Krise am Markt angesprochen, gaben sich die Nordic-Sprecher im Gespräch mit der Elektronikpraxis gelassen. Da man sich auf Standalone-Architekturen mit On-Chip-Speicher fokussiere und diesen selbst fertigen lasse, spüre man aktuell kaum Auswirkungen.
Ein technologisches Highlight am Messestand war die neue SoC-Familie nRF54L, die auf einer effizienten 22-Nanometer-Prozesstechnologie basiert. Mit dem Modell nRF54LM20B bringt Nordic erstmals einen Chip mit integrierter „Axon“ Neural Processing Unit (NPU) auf den Markt, ein Resultat der Atlazo-Übernahme.
Spannend für die Industrie und Automatisierung: Während viele Mitbewerber ihre Edge-KI-Beschleuniger auf rechenintensive Audio- und Bildverarbeitung trimmen, geht Nordic einen anderen Weg. „Unser typischer Kunde aggregiert Sensordaten – etwa für Gesundheits-Wearables oder industrielle Sensorik“, erklärte ein Unternehmenssprecher auf der Messe. Eine auf solche Zeitreihendaten optimierte Hardware-Struktur spart massiv Energie. Ein am Stand gezeigter Benchmark verdeutlichte das Prinzip: Ein KI-Algorithmus, für den die integrierte Cortex-M33-CPU (128 MHz) regulär 70 Millisekunden bräuchte, wird von der NPU in nur 5,6 Millisekunden abgearbeitet. Die CPU kann somit deutlich schneller wieder in den extrem sparsamen Schlafmodus wechseln.
Die neuen Einstiegs-Chips nRF54LS05A und nRF54LS05B: Sie eignen sich ideal als Standalone-Lösung oder als reine Konnektivitäts-Blackbox.
(Bild: Nordic Semiconductor)
Entwickler können für die Modellbildung entweder Nordics eigenes Edge AI Lab (für extrem kleine Neuton-Modelle unter 5 KB) oder etablierte Tools wie Edge Impulse nutzen. Nach unten hin wird die Familie durch den ebenfalls neu vorgestellten nRF54LS05 abgerundet. Dieser Einstiegs-Chip kann entweder als Standalone-Lösung oder als reine „Konnektivitäts-Blackbox“ neben leistungsstarken Host-Prozessoren in komplexeren Industrieanlagen fungieren.
CRA-Compliance per „Lifetime Over-the-Air“-Update
Mit dem nahenden Cyber Resilience Act (CRA) der EU wächst der Druck auf Gerätehersteller, ihre Produkte über Jahre hinweg sicher und aktuell zu halten. Große Consumer-Konzerne haben dafür eigene Cloud-Infrastrukturen – mittelständische Industrieunternehmen oft nicht.
Existenzrisiko OTA-Update: Ein fehlerhaftes Over-the-Air-Update kann für Hardware-Hersteller ruinös sein – ein Problem, dem Nordic mit seiner neuen cloudbasierten FOTA-Lösung begegnet.
(Bild: Nordic Semiconductor)
Hier greift Nordics Cloud-Strategie, die maßgeblich auf der Integration des zugekauften Start-ups Memfault aufbaut. Nordic bietet nun ein Service-Paket an, bei dem Kunden beim Kauf des Chips eine Einmalgebühr entrichten und im Gegenzug über die gesamte Produktlebensdauer Over-the-Air-Updates (OTA) über die nRF Cloud ausspielen können.
Das System bietet zudem tiefe Einblicke („Observability“) in die Geräteflotte. Entwickler können Updates stufenweise ausrollen – etwa erst auf 100 lokale Geräte – und in Echtzeit überwachen, ob die neue Firmware Bugs enthält oder den Stromverbrauch negativ beeinflusst, bevor das globale Rollout startet.
Adaptives Batteriemanagement ohne Zusatz-IC
Ein weiteres regulatorisches Thema, das Nordic aufgreift, ist die EU-Batterieverordnung 2023/1542, die eine leichtere Austauschbarkeit von Batterien fordert. Mit dem „Fuel Gauge v2.0“ präsentierte Nordic ein Software-Update für seine Power-Management-ICs (nPM1300 und nPM1304), das eine hochpräzise Überwachung des „State of Health“ (SoH) ermöglicht – ganz ohne dedizierten Fuel-Gauge-Baustein.
Die Software vergleicht das reale Alterungsverhalten des Akkus kontinuierlich mit dem ursprünglichen Batterieprofil. Gekoppelt mit der nRF Cloud können diese Daten für Millionen von Geräten im Feld aggregiert werden. Betreiber wissen so exakt, wann Batterien in ihrer IoT-Flotte getauscht werden müssen oder können Ladeparameter aus der Ferne nachkalibrieren, um die Lebensdauer zu maximieren.
Stand: 08.12.2025
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Asset-Tracking: Von Apple Find My bis in den Weltraum
Im florierenden Markt für Asset-Tracking deckt Nordic künftig alle Reichweiten ab. Im Nahbereich demonstrierte man, wie sich auf einem einzigen 1-Megabyte-Flash-Chip sowohl „Apple Find My“ als auch das Android-Pendant parallel betreiben lassen, wie etwa in Trackern von Pebblebee.
Parallele Produktneuheiten zum MWC 2026: Nordic erweitert sein Portfolio im Bereich Cellular IoT und Satelliten-NTN.
(Bild: Nordic Semiconductor)
Für die globale Vernetzung baut Nordic das Cellular-IoT-Portfolio um die neuen nRF92- und nRF93-Serien aus. Besonders die nRF92-Serie sticht hervor: Sie kombiniert LTE-M/NB-IoT mit Satellitenkommunikation (NTN) und integriert ebenfalls die ultra-low-power Axon NPU für Edge-KI. Für Anwendungen, die mehr Bandbreite benötigen (wie Gateways oder Security-Devices), schiebt Nordic ab Mitte 2026 das nRF93M1-Modul mit LTE Cat 1 bis (10 Mbps Downlink / 5 Mbps Uplink) nach.
Ein auf dem Mobile World Congress kurz zuvor gezeigter Prototyp kombinierte bereits Satellitenfunk, Mobilfunk, Power Management und Bluetooth (eine Kombination aus der nRF91-Serie, einem PMIC und dem Bluetooth-SoC nRF54L15) in einem winzigen Gehäuse, das problemlos mit 36.000 Kilometer entfernten geostationären Satelliten kommunizieren kann.
Referenzdesign für moderne Zugangskontrolle
Abgerundet wurde der Messeauftritt durch ein neues Referenzdesign für Zutrittskontrollsysteme. Pünktlich zur Veröffentlichung der Aliro 1.0-Spezifikation durch die Connectivity Standards Alliance (CSA) liefert Nordic eine Lösung, die Aliro und Matter auf der nRF54L-Serie vereint. Damit lassen sich physische Schlüssel oder proprietäre RFID-Karten durch sichere, interoperable mobile Zugangsberechtigungen (via Bluetooth, UWB und NFC) ersetzen, die nahtlos mit Smart-Home- und Gebäudeautomatisierungs-Ökosystemen kommunizieren. (mc)