Geheimoperation Beethoven Niederländische Regierung will ASML unbedingt halten

Von Susanne Braun 3 min Lesedauer

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In der Herstellung der Lithografie-Maschinen für die Halbleiterproduktion führt kaum ein Weg an ASML vorbei. In der Führungsetage jedoch soll es seit einiger Zeit Unzufriedenheit mit Blick auf die niederländische Politik geben und man zöge eine Expansion oder gar eine Auslagerung ins Ausland in Betracht. Berichten zufolge wollen die Niederlande ASML aber unbedingt halten.

Container mit der neuesten ASML-Technologie, der Twinscan EXE:5000.(Bild:  ASML)
Container mit der neuesten ASML-Technologie, der Twinscan EXE:5000.
(Bild: ASML)

Wie wichtig Halbleiter für die moderne Technologie sind, ist inzwischen wohl überall angekommen. Halbleiter sind Bausteine elektronischer Geräte wie Smartphones, Computer, Tablets, Fernseher, Automobilelektronik, Haushaltsgeräte und vieles mehr. Sie ermöglichen die Umwandlung und Steuerung elektrischer Signale und sind daher unverzichtbar für die Funktionsweise dieser Geräte. Doch auch in Bereichen der Telekommunikation, in der Industrie, Medizin sowie in der Energie-Sparte kommt man um Bauteile ohne Halbleiter nicht herum.

Was passiert, wenn es zu einer Halbleiter-Knappheit kommt, hat nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie gezeigt. Die Knappheit wurde durch eine Kombination verschiedener Faktoren verursacht, etwa durch die gestiegene Nachfrage nach Elektronik, Produktionsunterbrechungen aufgrund von Lockdowns und Engpässen bei der Lieferkette. Das führte wiederum zu Lieferverzögerungen, Produktionsstopps und höheren Preisen für bestimmte Produkte.

Zwar ist die Lithografie in der Herstellung von Halbleitern nicht die einzige Methode, doch in vielen Fällen inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil des Halbleiterherstellungsprozesses und spielt eine zentrale Rolle bei der Realisierung immer leistungsfähigerer und komplexerer integrierter Schaltungen. Nikon und Canon beispielsweise stellen Lithografie-Maschinen für die Halbleiterherstellung her, doch das größte und innovativste Unternehmen in dem Bereich ist der niederländische Konzern ASML.

ASML droht mit Abgang

Einem Bericht der niederländischen Tageszeitung De Telegraaf vom 6. März 2024 zufolge ist in der Beziehung zwischen ASML und der scheidenden Landesregierung allerdings nicht alles eitel Sonnenschein. Unmut über Pläne, die Steuervergünstigungen für Expats abzuschaffen, wurde aus Kreisen ASMLs ebenfalls öffentlich geäußert, wie die Befürchtung, dass die Gesetzgebung für Arbeitsmigranten verschärft werden könnte, wenn ein neues, rechtsgerichtetes Kabinett an die Macht käme. Aufgrund des Mangels an technisch qualifizierten Arbeitskräften in den Niederlanden ist ASML auf Arbeitende aus dem Ausland angewiesen; rund 40 Prozent der aktuell Beschäftigten kommen aus dem Ausland.

„Die Auswirkungen der Begrenzung von Arbeitsmigration sind erheblich“, sagte ASML-Chef Peter Wennink Anfang 2024. „Wir brauchen diese Menschen, um weiter zu innovieren. Wenn wir diese Menschen hier nicht bekommen können, werden wir an einen Ort gehen, wo wir wachsen können.“

„Die Besorgnis über den bevorstehenden Weggang ist so groß, dass das scheidende Kabinett unter strengster Geheimhaltung an einem Plan arbeitet, der verhindern soll, dass das Börsenjuwel über die Grenze schaut“, so Leon Brandsema und Niels Rigter von De Telegraaf. In zuständigen Ministerien wurde eine geheime Operation namens Beethoven ins Leben gerufen, in der das Kabinett prüft, was getan werden muss, um ASML im Land zu halten.

Denn eine Verlagerung von ASML-Geschäftsteilen und selbst nur eine Expansion ins Ausland wird von der Regierung wohl als schwerer Verlust angesehen, nachdem andere multinationale Konzerne wie Shell und Unilever in der Vergangenheit ihre Hauptsitze nach Großbritannien verlegt haben. „Die Besorgnis über das niederländische Geschäftsklima erreicht jetzt, da ASML ebenfalls mit einer Verlagerung ins Ausland droht, einen Siedepunkt. Das Unternehmen ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch strategisch wertvoll“, so die De-Telegraaf-Autoren.

Könnte ASML nach Frankreich gehen?

Die herrschende Knappheit beim Wohnraum wird von den Verantwortlichen von ASML ebenfalls kritisch betrachtet, denn die Arbeitsmigranten müssen schließlich auch ein Dach über dem Kopf haben. Einer Quelle von De Telegraaf zufolge würde deswegen nach Frankreich geschaut, auch wenn dies nicht öffentlich vonseiten ASML kommentiert wird. „Es ist klar, dass wir wachsen müssen“, wird ein Sprecher zitiert. „Wir bekommen viele Fragen über das Wie, Was und Wo, können aber nicht alle Gerüchte und Spekulationen kommentieren.“

Die Regierung Frankreichs umschmeichelt Spitzenunternehmen nicht nur mit Initiativen wie Sprachprogrammen, sondern steckt auch allerhand öffentliche Gelder in die heimische Chipproduktion.

„Die harte Botschaft von ASML ist nun in Den Haag angekommen, wo auf höchster Ebene daran gearbeitet wird, das Unternehmen hier zu halten. Teil der ‚Operation Beethoven‘ ist eine persönliche Intervention von Premierminister Mark Rutte“, so De Telegraaf. Am Mittwoch (6. März 2024) war zwischen Rutte, Wirtschaftsminister Micky Adriaansens und ASML-Chef Wennink ein Gespräch zum Geschäftsklima anberaumt.

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ASML ist nicht das einzige Unternehmen, das sich nach einer anderen Heimat umschauen könnte, so die Autoren von De Telegraaf. Jedes sechste Unternehmen ziehe eine Verlagerung ins Ausland in Betracht, unter anderem wegen des Steuerrechts und einer „negativen Stimmung gegenüber Unternehmen“. Dazu nehme die Vorhersehbarkeit der Regierung aufgrund politischer Instabilität ab. Seit den Parlamentswahlen 2023 im November sind die Politiker mit der Regierungsbildung beschäftigt. (sb)

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