Extreme Messtechnik Neutrino sei Dank – Sonnenenergie bei ihrer Entstehung beobachten

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Wissenschaftler konnten zum ersten Mal die Energie der Sonne zum Zeitpunkt ihrer Entstehung messen – im Sonneninneren. Dazu verwendeten sie einen empfindlichen Detektor und konzentrierten sich auf die Neutrinos.

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Mit Hilfe der Neutrinos messen Wissenschaftler die Sonnenenergie dort, wo sie entsteht. Im Inneren der Sonne. Die Bildkombo zeigt den Borexino-Detektor und die Sonne.
Mit Hilfe der Neutrinos messen Wissenschaftler die Sonnenenergie dort, wo sie entsteht. Im Inneren der Sonne. Die Bildkombo zeigt den Borexino-Detektor und die Sonne.
(Borexino Collaboration)

15 Millionen Grad Celsius – so heiß ist es im Inneren unserer Sonne. Dort laufen verschiedene Fusionsreaktionen ab. 99% der Energie entstehen durch einen Fusionszyklus, bei dem zu Beginn zwei Wasserstoffatome zu einem Atomkern von schwerem Wasserstoff verschmelzen. In diesem Zyklus wird die Energie freigesetzt, welche die Sonne zum Leuchten bringt, auch bekannt als Sonnenstrahlung. Es entstehen außerdem elektrisch neutrale Elementarteilchen, die Neutrinos. Jetzt ist es Wissenschaftlern das erste Mal gelungen, die Sonnenenergie im Moment ihrer Produktion zu messen – und das im Sonneninneren.

Der lange Weg der Sonnenstrahlung zur Oberfläche

Bisherige Analysen der Sonnenenergie beruhen auf Messungen der Sonnenstrahlung. Im Durchschnitt braucht diese jedoch über hunderttausend Jahre, um aus dem dichten Sonneninneren an deren Oberfläche zu gelangen. Das bedeutet, die errechneten Werte entsprechen der Energie, die über hunderttausend Jahre zuvor im Inneren der Sonne freigesetzt wurde. Ganz anders verhalten sich die Neutrinos: Weil Neutrinos als elektrisch neutrale Elementarteilchen mit anderer Materie kaum in Wechselwirkung geraten und sich deshalb frei bewegen können, verlassen sie auch das Sonneninnere wenige Sekunden nach ihrer Erzeugung und erreichen bereits nach etwa acht Minuten die Erde.

Die gleichen Eigenschaften, die es den Teilchen ermöglichen, das Sonneninnere so schnell zu verlassen, machen es aber auch extrem schwierig, die Neutrinos aus der für die Sonnenenergie entscheidenden Kernreaktion zu messen. „Die jetzt veröffentlichte Beobachtung konnte nur gelingen, weil Borexino weltweit der empfindlichste Detektor ist und wir Störungen durch Strahlung und andere kosmische Teilchen extrem reduzieren konnten“, sagt Prof. Dr. Stefan Schönert.

„Neben Sonnenneutrinos können wir daher auch Neutrinos aus dem Erdinneren beobachten und mithilfe dieser Daten geophysikalische Modelle testen“, fügt Prof. Dr. Lothar Oberauer hinzu. Beide Wissenschaftler arbeiten am TUM-Lehrstuhl für Experimentelle Astroteilchenphysik.

Energie aus dem Sonneninneren ist unverändert

Die neuen Ergebnisse ermöglichen es zum ersten Mal, experimentell nachzuweisen, dass die Energiefreisetzung im Sonneninneren seit sehr langer Zeit unverändert ist. Dazu verglichen die Forscher die Werte der aktuellen Sonnenenergie, die mit der neuen Methode gemessen werden können, mit denen der Sonnenenergie von vor über hunderttausend Jahren, die sich aus der Sonnenstrahlung berechnen lässt. Das Ergebnis des Vergleichs steht im Einklang mit aktuellen theoretischen Sonnenmodellen.

Die Wissenschaftler der Borexino-Kollaboration haben auch weiterhin ehrgeizige Pläne: In den kommenden vier Jahren sollen die bisherigen Messungen weiter verbessert und neue Neutrino-Beobachtungen durchgeführt werden. Insbesondere wird derzeit ein neues Experiment vorbereitet, um nach neuen Teilchen, sogenannten sterilen Neutrinos, zu suchen. Ihre Existenz hätte fundamentale Auswirkungen für die Teilchenphysik, Astrophysik und Kosmologie.

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