Verkabelung von Industriemaschinen Neue Prüf- und Zertifizierungsvorschriften in den USA

Autor / Redakteur: Volker Huber* / Kristin Rinortner

Viele europäische Unternehmen, die im Dollar-Raum aufgrund des starken Euros günstig produzieren, sind mit strengen, mitunter schwer nachvollziehbaren Sicherheitsvorschriften konfrontiert. Dazu trägt die neue US-amerikanische Norm NFPA 79 maßgeblich bei. Welche Änderungen das betrifft und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, lesen Sie in diesem Beitrag.

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Nordamerika ist einer der wichtigsten Märkte für Maschinen und Anlagen. Hersteller, die Produkte nach Nordamerika exportieren, müssen unterschiedliche Sicherheitsanforderungen und Produkthaftpflichtrisiken berücksichtigen. Dabei sind die amerikanischen Normen und gesetzlichen Regelungen für deutsche und europäische Entwickler nicht immer nachvollziehbar. In den USA existieren keine gesetzlichen Vorschriften, wonach ein Produkt beim Eintritt in den Handelsraum ein Konformitätszeichen tragen muss. Ausgenommen sind hiervon Medizinprodukte, die eine FDA-Zulassung (Hygienevorschriften) benötigen oder Produkte, die unter die FCC-Richtlinie (elektromagnetische Verträglichkeit) fallen.

Prüf- und Zertifizierungsunternehmen in den USA

Alle kommerziell eingesetzten Produkte müssen jedoch mindestens den gesetzlichen Anforderungen der OSHA entsprechen. Die Occupational Safety and Health Administration (Bundesamt für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz) veröffentlicht Richtlinien für die Sicherheit in Betrieben und Arbeitsstellen. Nur von der OSHA akkreditierte Prüf- und Zertifizierungsinstitute, so genannte NRTL (Nationally Recognized Testing Laboratories) wie UL, CSA oder auch INTERTEK sind berechtigt, Produkte für den nordamerikanischen Markt zu testen und zu zertifizieren.

In Betrieben erfolgt die Genehmigung zur Inbetriebnahme von Maschinen und Anlagen durch lokale Inspektoren, den AHJ (Authority Having Jurisdiction). Wird die Konformität einer Anlage oder Maschine mit den Normen angezweifelt, kann diese vorläufig gesperrt werden („Red Tag“). Ein Prüfzeichen eines NRTL zeigt dem AHJ die Konformität mit den geforderten Normen an. Typische Prüfstandards nach denen NRTL prüfen, sind z.B. NEC 2008, NFPA 79 und UL 508 A.

Produkthaftung in Nordamerika

Bei Unfällen unterscheidet sich die Rechtsprechung in Nordamerika von der deutschen bzw. europäischen. Die Produkthaftung liegt beim Inverkehrbringer, oder im kommerziellen Bereich auch beim Betreiber eines Gerätes oder einer Maschine. Wer ohne ein anerkanntes Prüfzeichen auf dem nordamerikanischen Markt agiert, trägt ein sehr hohes Risiko, wenn die Anlage bzw. Maschine infolge eines „Red Tag“ gesperrt wird. Die Konformität mit nationalen Sicherheitsnormen entbindet zwar nicht von der Produkthaftung, dokumentiert jedoch die eingehaltene Sorgfaltspflicht des Herstellers und kann so die Risiken in einem Gerichtsprozess erheblich reduzieren.

NFPA 79: Die aktuelle Ausgabe 2007

Für Maschinen- und Anlagenbauer, die ihre Produkte in die USA exportieren wollen, gibt es neue Zertifizierungs-Hürden: Die aktuelle Edition 2007 des NFPA-79-Standards (National Fire Protection Association, 79: Electrical Standard for Industrial Machinery) enthält nicht nur ein Verwendungsverbot, sondern auch eine Ausnahmeoption für AWM-Leitungen (Appliance Wiring Material). Leitungshersteller, Maschinenbauer, Installateure, Abnahme- und Prüfingenieure sowie lokal verantwortliche Officer (AHJ) müssen jetzt klären, was Norm-konform ist und was nicht.

Das betrifft auch die Auswahl und Verwendung von Kabeln und Leitungen in Industriemaschinen für die USA. Vorsicht ist geboten, denn wer die anzuwendenden Normen oder lokalen gesetzlichen Zusatzanforderungen nicht kennt oder nicht einhält, läuft Gefahr, dass Maschinen wegen Nicht-Konformitäten nicht an das Netz dürfen.

Die neue Regelung beinhaltet wie gesagt auch Ausnahmen, die es erlauben, AWM-Leitungen weiterhin einzusetzen. Dies sind jedoch Kann-Bestimmungen und setzen zum Teil eine Einzelfallentscheidung des Maschinenzertifizierers (NRTL) oder der AHJ voraus. Dadurch entsteht nicht nur eine hohe Unsicherheit bis zur Abnahme, sondern auch ein erheblicher Mehraufwand an Zeit und Kosten, falls diese Ausnahmeregelung doch nicht akzeptiert wird.

ER-Kabel müssen nicht ins Rohr

Gelistete NFPA 79 konforme Leitung von Lapp Kabel: Steuer- und Datenleitung Ölflex Control. Diese Leitung ist speziell für den nordamerikanischen Raum zertifiziert und müssen nicht in geschlossenen Systemen wie Rohren verlegt werden. Vorteile für den Anwender sind eine schnellere, unkomplizierte und bis zu 40% kostengünsigere Verkabelung. (Archiv: Vogel Business Media)

Konkret schreibt die neue NFPA 79 Edition 2007 für den Einsatz in Industriemaschinen gelistete Leiter, Kabel und Leitungen vor. Neu dabei ist, dass die so genannten AWM-Typen nicht mehr erlaubt, bzw. nur unter Beachtung bestimmter Einschränkungen weiterhin akzeptiert werden können.

Gelistete NFPA 79 konforme Leitung von Lapp Kabel: Steuer- und Datenletungen Ölflex Tray II. Diese Leitung ist speziell für den nordamerikanischen Raum zertifiziert und müssen nicht in geschlossenen Systemen wie Rohren verlegt werden. Vorteile für den Anwender sind eine schnellere, unkomplizierte und bis zu 40% kostengünsigere Verkabelung. (Archiv: Vogel Business Media)

Dabei dürfen Leiter, Kabel und Leitungen nicht den Gefahren einer Beschädigung durch mechanische, chemische oder thermische Effekte ausgesetzt sein. Deshalb werden in den USA Kabel und Leitungen zum besseren Schutz üblicherweise in geschlossenen Kabelkanälen, Rohren und Schläuchen verlegt.

Gelistete NFPA 79 konforme Leitung von Lapp Kabel: Datenleitung Unitronic 300. Diese Leitung ist speziell für den nordamerikanischen Raum zertifiziert und müssen nicht in geschlossenen Systemen wie Rohren verlegt werden. Vorteile für den Anwender sind eine schnellere, unkomplizierte und bis zu 40% kostengünsigere Verkabelung. (Archiv: Vogel Business Media)

Kabel auf offenen Kabelpritschen (CT), Kabelwannen oder Gitterrinnen, die an der Gebäudestruktur befestig sind, müssen hierfür extra zugelassen sein (z.B. TC, PLTC). In industriellen Betriebsstätten, wo Wartung und Instandhaltung durch entsprechend qualifiziertes Personal sichergestellt ist, dürfen gelistete Kabel mit „-ER – exposed Run“ Zusatz- Approbation auch ohne zusätzlichen mechanischen Schutz wie beispielsweise durch Schläuche bis hin zum elektrischen Betriebsmittel verlegt werden.

*Volker Huber ist Produktmanager Kabel und Leitungen der U.I. Lapp GmbH in Stuttgart.

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