Unternehmen entschieden sich in der Vergangenheit für Offshoring, um von günstigeren Arbeitskosten, steuerlichen Vorteilen oder besserer Infrastruktur in anderen Regionen zu profitieren. Doch in Zeiten geopolitischer Spannungen und Unsicherheiten kommt ein anderer Trend auf: Nearshoring.
Nearshoring bedeutet für europäische Unternehmen, Standorte wieder in Nähe des Heimatlandes zu verlegen. Und das kann sich auszahlen.
Der Begriff Offshoring ist in der Vergangenheit so oft genutzt worden, dass heutzutage jeder etwas mit dieser Bezeichnung für Standortverlagerung anfangen kann. Und daraus lässt sich auch die Bedeutung des aktuell immer mehr in Mode kommenden Nearshoring ableiten. Nearshoring bezieht sich auf die Praxis, Geschäftsprozesse oder Aktivitäten in Regionen zu verlagern, die geografisch näher am ursprünglichen Standort des Unternehmens liegen. Nearshoring steht damit im Gegensatz zum Offshoring, bei dem Geschäftstätigkeiten in entfernte Länder mit niedrigeren Arbeitskosten verlagert werden.
Die Idee hinter dem Nearshoring ist es, einige der Vorteile der Auslagerung zu nutzen, wie Kostenersparnisse und Effizienzgewinne, während gleichzeitig eine gewisse räumliche Nähe beibehalten wird. Diese Nähe kann dazu beitragen, die Kommunikation zu verbessern, kulturelle Ähnlichkeiten zu bewahren und logistische Herausforderungen zu minimieren. Besonders in Europa wird Nearshoring oft zwischen Ländern mit geografischer Nähe und ähnlichen kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten praktiziert.
Nearshoring: Unsicherheiten durch Nähe überwinden
In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten und unvorhersehbarer Störungen der Lieferkette sehen viele europäische Unternehmen Chancen im Nearshoring, um Ausfallzeiten und Kosten zu senken. Das erkennen auch die Verantwortlichen des französischen Konzerns Lacroix, der für Lösungen in den Bereichen IoT (Internet of Things), Elektronikfertigung, intelligente Städte und Smart Grids bekannt ist.
Und bei Lacroix kennt man sich mit Nearshoring aus, denn schließlich gibt es neben dem Designcenter und Fertigungsstätten in Frankreich noch weitere Fertigungsstandorte in Deutschland, Polen und Tunesien, also in ziemlich direkter Nachbarschaft. In dem Unternehmen sieht man die Nachteile des Offshorings, die teilweise erst viele Jahre im Nachhinein erkennbar werden:
Zeitverschiebungen machen das Fernmanagement von multikulturellen Teams komplexer und verlangsamen die Produktions- und Logistikkette. Geografische und kulturelle Nähe erlaubt eine effektivere Kommunikation, eine zeitnahe Optimierung von Produktionsprozessen und eine bessere (weil schnellere) Qualitätskontrolle.
Offshoring erschwert Verkürzungen der Lieferzeiten und Flexibilität in der Lagerverwaltung. Near- oder Reshoring erlaubt Just-in-Time-Volumenmanagement, eine Senkung der Lieferkosten wegen verkürzter Transportwege sowie damit verbunden eine Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks. Die geografische Nähe zum Markt und zum Kunden kann ebenfalls den entscheidenden Vorteil im Wettbewerb bedeuten.
Offshoring bedarf Transport und Logistik, und damit steigen wiederum Compliance-Risiken. Eine räumliche Nähe zwischen Design, Produktion und Markt vereinfacht die logistischen Abläufe. Liegt die Produktion näher am Hauptmarkt, dann „verfügen die Unternehmen über eine bessere Kenntnis und ein besseres Verständnis der geltenden Regeln, die sie anwenden müssen“, so die Erfahrungen von Lacroix.
Versteckte Kosten des Offshoring
Sollten für Near- oder Reshoring-Maßnahmen noch Anreize unklar sein oder wollen Sie sich darüber informieren, was mit einem Wechsel des Produktionsstandorts inzwischen verbunden ist, dann werfen Sie einen Blick in den Beitrag von Lacroix zum Nearshoring in der Elektronikindustrie. Denn inzwischen ist, so die Leute von Lacroix, eine Zeitenwende bei der Standortverlagerung angebrochen. Versteckte Kosten werden mittlerweile sichtbar, etwa die starke Fluktuation der Transportkosten, die wiederum von den Ölpreisen abhängig ist. Zumal ist eine Losgrößenoptimierung in geografischer Nähe sehr viel einfacher umzusetzen.
Ein Beispiel aus der Textilbranche: Die Herstellung von Produkten ist in China mit der Abnahme von wesentlich größeren Stückzahlen verbunden als beispielsweise in der Türkei, da die Zölle gestiegen sind. Gleichzeitig müssen die Container gefüllt werden, damit sich die Transportkosten rentieren. Ist eine Bestellung von geringeren Stückzahlen möglich, wird die Kundenbetreuung flexibler. Und dann landet die Ware auch noch schneller am Markt, weil die Transportwege kürzer und die Transportmethoden vielfältiger sind.
Warum nicht gleich Reshoring?
Reshoring, auch als Rückverlagerung bekannt, beinhaltet die Verlagerung von Produktionsaktivitäten oder Dienstleistungen zurück ins Heimatland, nachdem sie zuvor ins Ausland ausgelagert wurden. Diese Praxis bietet Vorteile wie verbesserte Qualitätskontrolle, effizientere Kommunikation und schnellere Anpassung an Marktanforderungen. Auch die Schaffung von Arbeitsplätzen und eine gestärkte Kundenbindung sind mögliche positive Effekte.
Jedoch können höhere Kosten, längere Lieferketten (mit Blick auf Ressourcen), der Verlust ausländischen Know-hows, Fachkräftemangel und Infrastrukturherausforderungen Herausforderungen darstellen. Die Entscheidung für oder gegen Reshoring hängt deswegen von individuellen Unternehmensbedürfnissen, Branchenfaktoren und spezifischen Situationen ab.
Einem Bericht von BCI Global aus September 2023 zufolge, für den 150 Lieferketten-Experten aus großen europäischen und US-amerikanischen Unternehmen an einer Umfrage teilnahmen, stellen für viele Unternehmen mögliche höhere Kosten keinen Hinderungsgrund dar.
Bereits 50 Prozent der befragten Unternehmen haben in den vergangenen drei Jahren Reshoring-Initiativen umgesetzt, was bis zu 20 Prozent ihrer in Asien basierten Produktionskapazität ausmacht. „Von dieser Veränderung profitieren nicht nur Nearshoring-Standorte wie Mexiko, Zentral- und Osteuropa und Südostasien, sondern auch Onshoring-Standorte in wichtigen Märkten wie Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und den USA erhalten zunehmend neue Produktionsanlagen“, erklärt René Buck, CEO von BCI Global. (sb)
Stand: 08.12.2025
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