Studie Nachholbedarf bei der Umsetzung von Industrie 4.0 Technologien

Quelle: MHP 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Unternehmen fokussieren sich zu sehr auf Wirtschaftlichkeit und vernachlässigen Investitionen in die Zukunft. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

Autonom agierende Maschinen und Roboter kommen nur bei einem Drittel der Unternehmen zum Einsatz.(Bild:  MHP)
Autonom agierende Maschinen und Roboter kommen nur bei einem Drittel der Unternehmen zum Einsatz.
(Bild: MHP)

Die Management- und IT-Beratung MHP hat gemeinsam mit der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München das Industrie 4.0 Barometer 2023 veröffentlicht. Laut einer Mitteilung zeigt die Studie, dass es in der DACH-Region immer noch einen großen Nachholbedarf bei der Umsetzung von Industrie 4.0 Technologien gibt.

So seien weltweit in den Industrieunternehmen 50 Prozent der Produktionsprozesse automatisiert. Für zwei Drittel der befragten Unternehmen ist die Unsicherheit beim Return on Investment (ROI) das ausschlaggebende Argument für ein mangelndes Engagement bei der Digitalisierung und Automatisierung, so MHP in seiner Mitteilung. Die Unternehmen würden sich extrem auf die Wirtschaftlichkeit konzentrieren und dabei wichtige Investitionen vernachlässigen.

Während als Lehre aus der Corona-Pandemie die Lieferketten transparenter und flexibler gemacht wurden, fehle es immer noch an einer ganzheitlichen Vernetzung des Shopfloors. Eine der größten Hürden bei der Realisierung einer ganzheitlichen Vernetzung sei laut den Befragten die unklare Rentabilität der in Frage kommenden Industrie 4.0-Technologien.

Nachholbedarf bei der Kreislaufwirtschaft

Auch beim Thema Nachhaltigkeit stehe vor allem der Effizienzgedanke im Vordergrund, heißt es weiter. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen gibt an, Projekte oder Prozesse weiterlaufen zu lassen, auch wenn diese nicht im Einklang mit den unternehmerischen Nachhaltigkeitszielen stehen. Im internationalen Ländervergleich stehen das Vereinigte Königreich und die USA an vorderster Position beim Streben nach Nachhaltigkeit. Mit großem Abstand folgt der DACH-Raum. Vor allem bei der Kreislaufwirtschaft bestehe Nachholbedarf. Noch weiter abgeschlagen seien chinesische Unternehmen. Diese stehen hier erst am Anfang, so MHP.

Insgesamt haben 46 Prozent aller Unternehmen Umwelt- und Klimaschutz als zentrales strategisches Ziel definiert und konkrete Zielvorgaben abgeleitet. 40 Prozent der Befragten empfinden die selbst gesteckten Nachhaltigkeitsziele als wirksam. Nur 18 Prozent sagen, dass die Ziele nicht wirksam sind.

Nachgefragt: Industriebarometer 2023

Eine der zentralen Erkenntnisse Ihrer Studie ist, dass Unsicherheit beim Return on Investment eine fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung bei zwei Dritteln aller Unternehmen verhindert. Ist in so vielen Fällen der ROI tatsächlich nicht sicher, oder mangelt es hier schlichtweg an entsprechenden (positiven) Beispielen?

Prof. Dr. Christina Reich: Besonders im Bereich der Digitalisierung ist zwar die Berechnung eines ROI meistens möglich, jedoch werden bei alleiniger Betrachtung des ROI viele indirekte Vorteile – wie beispielsweise eine erhöhte Transparenz – unbeachtet bleiben. Durch die hohen initialen Investitionskosten wirkt eine Einführung von Digitalisierungslösungen oft abschreckend. Dabei reichen die Vorteile von ganzheitlichen Digitalisierungslösungen weit über die direkt messbaren Kennzahlen, wie die Produktionskapazität oder Qualität hinaus.

Ganzheitliche Digitalisierungslösungen sind noch nicht weit verbreitet oder existieren schlichtweg noch nicht. Das bedeutet, dass ebenfalls wenige adaptierbare Beispiele zur Verfügung stehen, welche wertvolle Informationen für langfristige positive Effekte aufzeigen könnten. Besonders die Synergievorteile einer ganzheitlichen Digitalisierungslösungen sind nicht zu vernachlässigen.

Ist die von Ihnen beobachtete starke Fixierung auf den ROI in der aktuellen Phase der technologischen Entwicklung Ihrer Meinung nach also überhaupt sinnvoll? Wie könnte ein alternatives Vorgehen aussehen?

Prof. Dr. Christina Reich: Es ist verständlich, dass Unternehmen ein hohes Interesse am ROI haben. Doch um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollte besonders bei Digitalisierungsthemen der Fokus nicht ausschließlich auf monetäre Kennzahlen gelegt werden. Denn das kann zur Folge haben, dass aus Kostengründen häufig nur Insellösungen umgesetzt werden, da ganzheitliche Digitalisierungslösungen auf dem Shopfloor komplexer in der Implementierung und demnach auch kosten- und zeitintensiver sind.

Ein alternatives Vorgehen wäre es, Pilotprojekte zu initiieren, die die Digitalisierung von Teilbereichen der operativen Tätigkeit umsetzen. Hier können Synergien identifiziert und Praxiserfahrung gesammelt werden.

Gerade auf dem Shopfloor fehlt es an einer ganzheitlichen Vernetzung. Als Begründung erklären Sie, dass „durch den Fokus auf Wirtschaftlichkeit Investitionen in ganzheitliche Automatisierungslösungen vernachlässigt und mehrheitlich nur Insellösungen umgesetzt werden“. Stehen diese Einzellösungen einem Return on Investment entgegen und bedingen sich einige Probleme so also möglicherweise gegenseitig?

Dr. Walter Heibey: Selbstverständlich muss sich in erster Linie jede Investition, die ein profitorientiertes Unternehmen tätigt, wirtschaftlich lohnen. In einem Unternehmen gilt in der Regel: Je kürzer der ROI einer Investition, umso schneller wird diese genehmigt. Ganzheitliche Digitalisierungslösungen sind allerdings sehr komplex und dadurch kostenintensiv, denn die dafür notwendigen Investitionskosten übersteigen die reinen Beschaffungskosten einer einzelnen Hardware, wie beispielsweise eine neue Produktionsanlage, deutlich.

Aber wenn man sich auf den einzelnen ROI konzentriert, verliert man den Blick für die ganzheitliche Orchestrierung. Und genau dort liegt die Stärke des Ansatzes: Um das volle Potential auszuschöpfen, darf der einzelne lokale ROI nicht alleinig betrachtet werden. Der nächste Schritt ist dabei weg von einer lokalen, hin zu einer globalen, unternehmensweiten Betrachtung und Optimierung über alle Prozesse hinweg.

Klar ist: Die vollständige Orchestrierung der einzelnen Prozessschritte stellt dabei die Hauptherausforderung dar, dauert insgesamt länger und ist kostenintensiver. Gleichzeitig – und das ist der Punkt – ist sie aber auch der stärkste Hebel, den ein Unternehmen in der Fertigung einsetzen kann. Erst wenn dieses Stadium erreicht ist, kann der volle Mehrwert der Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen skalierbar gemacht werden. Dieser Weitblick ist enorm wichtig um zunächst hoch erscheinende Investitionen in ganzheitliche Automatisierungslösungen rechtfertigen zu können. Nur dadurch wird langfristig eine nachhaltige Skalierbarkeit möglich.

Sie attestieren der DACH-Region neben einem großen Nachholbedarf auch „eine fehlerhafte Selbstwahrnehmung“. Worin besteht diese und welche Folgen könnte sie für die Unternehmen haben?

Dr. Walter Heibey: Das beruht auf zwei Fakten: Es schätzen viele Unternehmen aus dem DACH-Raum die eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Industrie 4.0 im Vergleich zum Wettbewerb als besser ein, auch wenn überwiegend lediglich Pilotprojekte oder Insellösungen umgesetzt wurden. Jedoch zeigt sich in unserer Studie, dass das allgemeine Niveau von Digitalisierungslösungen im internationalen Vergleich noch sehr großen Nachholbedarf aufweist. Somit kann man durchaus sagen, dass das volle Potenzial der Digitalisierungslösungen noch nicht ausgeschöpft wird, auch wenn die eigenen Kompetenzen besser bewertet werden als die des Wettbewerbs.

Die Folgen sehen wir bereits jetzt schon: Der Kostendruck steigt, Unternehmen kämpfen mit den zunehmenden Kundenanforderungen bezüglich Individualisierung und kennen oftmals nicht die Lösungsmöglichkeiten, die Industrie 4.0-Technologien auch für ihren individuellen Anwendungsfall bieten können. Zudem werden viele Unternehmen dem immer schnelleren Tempo an Innovationen ohne ganzheitliche Digitalisierungslösungen nicht mehr folgen können, wodurch deren Wettbewerbsfähigkeit nachlassen wird.

Das Interview führte Sebastian Human

Sprung auf das nächste Level

Bei der Digitalisierung liegt der DACH-Raum klar hinter China, Großbritannien und den USA. Die Experten glauben sogar, dass die Lücke weiter wachse. So sind bei Unternehmen aus dem DACH-Raum, UK und USA lediglich rund 44 Prozent der gesamten Produktionsprozesse automatisiert. In China sind es 69 Prozent.

Ein Drittel der Unternehmen weltweit setzt autonome Maschinen und Roboter ein. 36 Prozent planen einen solchen Einsatz und 28 Prozent testen die Technologie bereits. „Wer den Fokus nur auf bestimmte Technologien aufgrund des ROIs legt, wird den Digitalisierungssprung auf das nächste Level nicht schaffen“, sagt Johann Kranz von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Eine ganzheitliche Implementierung von Industrie 4.0-Technologien ist der Schlüssel, um das volle Potenzial – Effizienz und Flexibilität – auszuschöpfen. Nur dann lässt sich auch ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil sichern.“

Die vollständige Studie kann auf der Website von MHP heruntergeladen werden.

(ID:49318231)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung