Nächste Front im „Chip War“ Lässt sich der Einsatz der offenen RISC-V-ISA einschränken?

Von Henrik Bork* 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die offene Befehlssatzarchitektur RISC-V ermöglicht chinesischen Firmen das Entwickeln eigener lizenzfreier Logikchips. Das ist einigen US-Politikern ein Dorn im Auge. Sie suchen nach Wegen, China an der Nutzung zu hindern. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Mit der freien Befehlssatzarchitektur RISC-V lassen sich moderne Logikchips entwerfen. Für China, dass von westlichen Technologien unabhängiger werden will, ist sie sehr wichtig: 2022 kamen laut Marktforscher Omnia rund die Hälfte der 10 Milliarden weltweit verkauften Chips mit RISC-V-Kernen aus dem Einpaarteienstaat.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Mit der freien Befehlssatzarchitektur RISC-V lassen sich moderne Logikchips entwerfen. Für China, dass von westlichen Technologien unabhängiger werden will, ist sie sehr wichtig: 2022 kamen laut Marktforscher Omnia rund die Hälfte der 10 Milliarden weltweit verkauften Chips mit RISC-V-Kernen aus dem Einpaarteienstaat.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Jeder liebt Open Source, doch jetzt droht ein internationaler Aufruhr in der Welt des offenen Standards RISC-V. Zwei US-Senatoren wollen die Handelsbeschränkungen („Chip War“) ihres Landes gegenüber China auch auf die Open-Source-Befehlssatzarchitektur ausweiten, damit Peking damit nicht die Chip-Boykotte aus Washington unterlaufen kann.

RISC-V (gesprochen „Risk Five“) ist eine von „RISC-V International“, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Genf, veröffentlichte Befehlssatzarchitektur. Diese ISA oder „Instruction Set Architecture“ unterliegt der BSD-Lizenz, ist also nicht patentiert und darf weltweit frei verwendet werden.

Aus chinesischer Sicht ist der charmanteste Aspekt von RISC-V die Tatsache, dass auf seiner Basis Logikchips entwickelt werden können, ohne Technologien etwa von Intel oder ARM lizensieren zu müssen, dem amerikanisch-britischen Duopol für das Chip-Design. Die Architektur bietet also die Chance zum Design eigener, chinesischer Halbleiter, deren Entwicklung oder Erwerb von den USA nicht mehr kontrolliert werden könnte.

Rubio, Warner: Keine Ahnung, aber laut

Genau das ist den US-Senatoren Marco Rubio, ein prominenter Republikaner, und Mark Warner, ein Angehöriger der Demokratischen Partei, ein Dorn im Auge. Sie haben begonnen, von US-Präsident Joe Biden zu fordern, dass er amerikanischen Unternehmen die Arbeit an RISC-V verbieten soll, wenn chinesische Partner beteiligt sind.

„Das kommunistische China entwickelt Open-Source-Chiparchitekturen, um unsere Sanktionen zu unterlaufen und seine Halbleiterindustrie wachsen zu lassen“, sagte Rubio gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. „Falls wir nicht unsere Exportkontrollen erweitern, damit sie auch diese Gefahr beinhalten, wird uns China eines Tages als der globale Technologieführer beim Chip-Design überrunden.“

Reuters nannte diesen Vorstoß, dessen Erfolg noch ungewiss ist, ein potenzielles „neues Schlachtfeld“ im Handelskonflikt zwischen Washington und Peking. Dort lösten entsprechende Meldungen Spott und Häme aus.

„Vorschläge behindern Innovationen weltweit“

Chinesische Kommentatoren nannten die Forderungen von Rubio und Warner „unlogisch“, weil RISC-V längst ein öffentliches Gut sei, vergleichbar mit dem Ethernet. „Das scheint mehr so eine Art politischer Stunt von amerikanischen Politikern zu sein – es geht um das Sanktionieren amerikanischer Unternehmen, um den Fortschritt Chinas einzudämmen“, zitierte die regierungsnahe Zeitung Global Times in Peking den Analysten Ma Jihua.

Unabhängige Beobachter äußerten die Befürchtung, dass dieser Versuch die globale Halbleiterindustrie noch weiter in Blöcke spalten könnte. „Die meisten Experten sagen, dass solche Vorstöße weltweit Innovationen behindern würden,” schrieb das Fachmedium Tech Wire Asia in einem Kommentar.

Chinesische Firmen entwickeln seit Jahren RISC-V-Boards

Chinesische Hersteller hatten schon 2021, kurz nach Beginn der ersten US-Boykotte von Halbleitern und Ausrüstungen, mit der Entwicklung von Boards und CPUs mit der Hilfe von RISC-V begonnen. Im August dieses Jahres hatte eine Gruppe von führenden chinesischen Chip-Herstellern und weiteren Unternehmen in Shanghai offiziell eine RISC-V-Allianz gegründet, darunter Alibaba, VeriSilicon, StarFive. Sie versicherten sich dabei unter anderem, sich nicht gegenseitig wegen IP-Diebstahls zu verklagen.

Ebenfalls im August hatten auch mehrere führende deutsche Unternehmen, darunter Infineon, Bosch und NXP Semiconductors, in ein neues Unternehmen zur Entwicklung von Produkten auf RISC-V-Basis investiert. Vor allem für Autochips wird die Open-Source-Architektur, deren Code schlanker sein kann als vergleichbare Lösungen proprietärer Technologien, als große Chance auch für Startups gesehen, die beim Einsatz der Open-Source-ISA Forschungs- und Entwicklungskosten einsparen können.

„Wir glauben, dass die Open-Source-Befehlssätze von RISC-V die Innovation fördern und das Potenzial zu einer Transformation der gesamten Industrie haben“, sagte ein Sprecher von Qualcomm aus Anlass der Firmengründung in Deutschland.

Fünf Milliarden Stück: Hälfte aller RISC-V-Chips kam 2022 aus China

Nirgendwo aber ist RISC-V so enthusiastisch umarmt worden wie in China. Von den rund zehn Milliarden Chips auf RISC-V-Basis, die 2022 weltweit verkauft worden sind, kam etwa die Hälfte aus China, berichtet die Markforschungsagentur Omdia.

Auch etwa die Hälfte der 21 Mitglieder von RISC-V International in der Schweiz waren chinesische Unternehmen, darunter etwa Huawei, ZTE und Tencent Holdings. In Genf weist man daraufhin, dass die Tech-Industrie weltweit von offenen Standards profitiere, durch RISC-V genauso wie bei HTTPS, JPEG, USB oder Ethernet.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Wie ein Feldzug gegen Open-Source-Software Erfolg haben soll, wird daher nicht nur in China bezweifelt. „Man kann US-Unternehmen in RISC-V International daran hindern, mit chinesischen Firmen zusammenzuarbeiten“, sagt Edward Wilson von Omdia. „Aber aufgrund der offenen Standards von RISC-V sind die Kollaborationen überall offen zu finden. Man kann sich die Befehlssätze im Internet holen“, sagt der Experte. (me)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

(ID:49761297)