Photonik-Industrie Kritische Abhängigkeiten bedrohen europäische Unternehmen

Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 3 min Lesedauer

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Mehr als 80 Prozent der europäischen Photonik-Unternehmen kämpfen mit Engpässen in der Lieferkette. Eine Umfrage zeigt, dass europäische Lieferanten gegenüber Nicht-EU-Lieferanten im Vorteil sind. Die Politik muss eingreifen.

Lichtwellenleiter: Die europäische Photonikindustrie warnt vor kritischen Abhängigkeiten.(Bild:  Hugo Fragoso  /  Pixabay)
Lichtwellenleiter: Die europäische Photonikindustrie warnt vor kritischen Abhängigkeiten.
(Bild: Hugo Fragoso / Pixabay)

Die Photonik ist ein strategischer Technologiesektor für die Europäische Union und spielt eine Schlüsselrolle in vielen europäischen Industriezweigen. Dazu gehören unter anderem Hochleistungscomputer und Quantencomputer, Augmented und Virtual Reality, Fertigung, Verteidigung, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Mobilität, Elektronik und digitale Infrastruktur.

Die Anfälligkeit der europäischen Photonik-Lieferkette kann zu erheblichen Beeinträchtigungen in allen relevanten europäischen Industriesektoren führen. Politische Maßnahmen wie der European Chips Act und der Critical Raw Materials Act zeigen, dass die Europäische Union eine stärkere strategische Autonomie in bestehenden und zukünftigen wachsenden Wirtschaftssektoren anstrebt.

Engpässe bei den Lieferketten

Die europäische Photonikindustrie sieht sich laut einer aktuellen Umfrage (siehe Hintergrund) mit schwerwiegenden Problemen in der Lieferkette konfrontiert. Grund dafür sei die Abhängigkeit von Überseemärkten. Die Umfrage ergab, dass mehr als 80 Prozent der in der EU ansässigen Photonikunternehmen mit Engpässen in der Lieferkette zu kämpfen haben. Nach eigener Aussage sehen sich die meisten von ihnen nicht im Stande, diese Probleme in der Lieferkette selbst zu lösen, und appellieren an die nationalen und europäischen politischen Entscheidungsträger, ihnen zu helfen.

„Es kann kein Europa geben, das für das digitale Zeitalter gewappnet ist, keine vollständige digitale Souveränität und keine ultrasichere, souveräne, durch Quantencomputer ermöglichte Cybersicherheit ohne Photonentechnologien. Um die Ziele der EU zu erreichen, muss Europa dringend seine Kapazitäten in der Photonik stärken“, warnten die Nobelpreisträger Professor Gérard A. Mourou, Professor Stefan W. Hell und Professor Theodor W. Hansch bereits 2020 in einem offenen Brief an die EU-Kommission.

EU-Firmen fordern mehr Souveränität

Der Mangel an Souveränität in der Photonikindustrie ist ein großes Problem, da die Unternehmen stark von Importen aus Nicht-EU-Ländern abhängig sind. Dies gilt insbesondere für China. Zwei Drittel der Befragten geben an, dass kritische Güter wie mikroelektronische und photonische Halbleiter, optische Komponenten und Rohstoffe in Europa nur eingeschränkt verfügbar sind.

Mindestens zehn Prozent dieser Güter sind überhaupt nicht verfügbar, was die photonische Wertschöpfung in Europa gefährdet. Die Befragten sind bestrebt, zuverlässige und tragfähige Lieferketten in Europa aufzubauen. 90 Prozent der Befragten gaben an, dass sie, wenn möglich, immer von europäischen Lieferanten kaufen würden, auch wenn dies einen höheren Preis bedeutet.

Jetzt sollte die EU eingreifen

Die Mehrheit aller Befragten betont zudem, dass die Probleme der Lieferketten ihrer Meinung nach nicht ohne Eingreifen der europäischen und nationalen Regierungen gelöst werden können. Über 70 Prozent erwarten Unterstützung in Form von neuen EU-Maßnahmen und nationalen Programmen, 40 Prozent fordern spezifische Initiativen zum Aufbau von Produktionskapazitäten und knapp 30 Prozent erwarten staatliche Unterstützung in Form von neuen Normen und Vorschriften.

„Die europäische Photonik-Industrie ist die zweitbeste der Welt“, sagt Dr. Lutz Aschke, Präsident von Photonics21. „In der Chipindustrie haben wir gesehen, dass es für uns alle sehr teuer werden kann, wenn wir jetzt nicht handeln.“

Probleme lassen sich nicht kurzfristig lösen

Die Photonik-Industrie geht - wie andere Branchen auch - davon aus, dass die Probleme in der Lieferkette nicht kurzfristig gelöst werden können. Rund 40 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die Krise noch bis zu drei Jahre andauern wird.

Die Photonik ist und bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Faktor für eine Vielzahl von Branchen. Beispiele für Produkte und Komponenten sind optische Fasern, optische Linsen, photonische Sensoren für Fahrerassistenzsysteme und autonomes Fahren oder Tripel-/Vierfach-Solarzellen für die Satellitentechnik oder akusto-optische Elemente. Mit photonischen Komponenten lassen sich Produktionsprozesse in Fabriken überwachen oder Bildschirme und Herzschrittmacher steuern.

Hintergrund zur Umfrage

Die Umfrage zu den EU-Lieferketten zur Photonik wurde von Photonics21 und EPIC erstellt, mithilfe von Tematys analysiert und mit Unterstützung von Spectaris, Photonics France, PhotonicsNL, Photonics Finland, Photonics Sweden, Photonics Austria, Fotonica21, Hellenic Photonics Cluster, Polska Platforma Technologiczna Fotoniki, Ireland's National Technology Platform for Photonics, Swissphotonics, Photonics Leadership Group UK, Association of Research and Technology Organisations Lithuania, Italian Photonics Platform & PhotonHUB Europe vom 10. Oktober bis zum 20. Dezember 2022 durchgeführt.

Mehr als 112 EU-Unternehmen haben geantwortet, 80 Prozent davon KMU. Die Aufschlüsselung der befragten Geschäftsbereiche spiegelt die der Photonikindustrie in Europa wider.

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